Kinnbügel statt RiemenverschlussCanyon will den Rennrad-Helm revolutionieren

Canyon präsentiert bei seiner ersten Helmkollektion ein neues Verschlusssystem.
Foto: Canyon
Revolution oder Spielerei? Canyon bringt mit dem Disruptr und Stingr zwei Rennrad-Helme auf den Markt. Allein damit betreten die Koblenzer Neuland, doch damit nicht genug: Der Direktversender spendiert den Helmen auch ein neues Verschlusssystem, das Aerodynamik und Temperaturregulierung signifikant verbessern soll. Einen ersten Hands-On-Test und alle Infos zum Disruptr CFR und Stingr CFR gibt’s hier.

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Das, was Canyon mit seinen neuen Helmen zeigt, gab es so noch nicht. Seit den 1920er Jahren tragen Radfahrer in Deutschland Hartschalenhelme. Das klassische Verschlusssystem kennen wir alle seit Kindesbeinen an: längenverstellbare Gurte an zwei Seiten, ein Klick-Mechanismus zum Schließen. Nicht so mit den neuen Kopfschützern der Koblenzer: Disruptr CFR und Stingr CFR kommen mit einem Kinnbügel, der im Vergleich zum konventionellen Riemenverschluss zahlreiche Vorteile mitbringen soll.

Canyon Disruptr & Stingr CFR: Die wichtigsten Fakten

  • Gewicht (Disruptr): 276 Gramm (gewogenes Gewicht, Größe M)
  • Gewicht (Stingr): 279 Gramm (gewogenes Gewicht, Größe M)
  • Farben (Disruptr): Weiß, Schwarz, Grau
  • Farben (Stingr): Weiß, Schwarz
  • Größen: S (51-55cm), M (55-59cm), L (59-63cm)
  • Preis (Disruptr/Stingr): 299,95 Euro
  • Produktionsland: China
  • Besonderheiten: HighBar-Verschluss, MIPS, Port für Magnetlicht (Disruptr)
Kinnbügel statt Riemen: Der neue Disruptr CFR zeichnet sich wie der aero-optimierte Stingr CFR durch ein neues Verschlusssystem aus.Foto: CanyonKinnbügel statt Riemen: Der neue Disruptr CFR zeichnet sich wie der aero-optimierte Stingr CFR durch ein neues Verschlusssystem aus.

Wie bei den kürzlich vorgestellten Schuhen für Rennrad, Gravel und Mountainbike griff der Versandhändler in der Entwicklung auf die Expertise von Spezialisten zurück. Das Ergebnis soll “der schnellste und sicherste Helm des Planeten sein”, so Stan Mavis, der bei Canyon die Zubehör-Sparte führt. Vor allem die Kooperation mit HighBar ist bei beiden High-End-Helmen unübersehbar, schließlich teilen sich der Disruptr und Stingr das markante Verschlusssystem des US-Unternehmens.

Zum Verschließen des MIPS-Helmes wird ein Kunststoffbügel von oben vorbei am Gesicht unters Kinn geklappt und mit einem Drehmechanismus fixiert. Die Weitenverstellung gelingt wie gewohnt am Hinterkopf ebenfalls über ein Drehrad. “Man muss sich an den Verschluss gewöhnen, aber man wird schnell die Vorteile merken”, sagte Mavis im Gespräch mit TOUR. Canyon ist der erste Hersteller, der auf das System zurückgreift. In den kommenden Monaten sollen weitere bekannte Marken folgen.

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Auszug aus der Bedienungsanleitung der neuen Helmkollektion von Canyon. Statt eines klassischen Riemenverschlusses kommt das sogenannte HighBar-System zum Einsatz.Foto: CanyonAuszug aus der Bedienungsanleitung der neuen Helmkollektion von Canyon. Statt eines klassischen Riemenverschlusses kommt das sogenannte HighBar-System zum Einsatz.

Aero-Entwicklung mit SwissSide

Ein zentraler Pluspunkt gegenüber Helmen mit konventionellen Riemen soll eine bessere Aerodynamik sein. In Zusammenarbeit mit den Experten von SwissSide berichtet Canyon von einer Ersparnis von sieben Watt bei 50 km/h. Bei noch höheren Geschwindigkeiten, wie sie auf rasanten Talfahrten vorkommen, soll der aerodynamisch optimierte Stingr sogar einen Vorteil von bis zu 20 Watt bringen. Canyon nutzte für die Datenerfassung unter anderem den GST-Windkanal, in dem auch TOUR seit mehr als zehn Jahren seine Tests absolviert.

Im Windkanal erprobt: Bis zu 20 Watt soll der Canyon Stingr CFR bei hoher Geschwindigkeit schneller sein als vergleichbare Modelle der Konkurrenz.Foto: CanyonIm Windkanal erprobt: Bis zu 20 Watt soll der Canyon Stingr CFR bei hoher Geschwindigkeit schneller sein als vergleichbare Modelle der Konkurrenz.

Zudem wird eine bessere Kühlung versprochen, da der HighBar-Bügel nicht an den Schläfen aufliegt. Rund fünf Grad Celsius soll das System gegenüber Helmen mit Riemenbändern kühler sein. Unterstützt werde der Kühleffekt durch “Belüftungssysteme (...), die kühler sind als die der Mitbewerber. Der feste Monobügel sorge außerdem für eine Geräuschreduzierung um maximal 7,5 Dezibel. Wirklich wahrnehmbar dürfte das allerdings nicht sein, schließlich ist Flüstern mit etwa 30 Dezibel vergleichbar.

Disruptr und Stingr im Hands-On-Test

Inwiefern der Aero-Vorteil zutrifft, konnten wir bislang nicht im Windkanal testen. Auch zur Kühlfunktion der beiden Helme fehlen uns valide Daten aus eigener Messung. Nach einer ersten Anprobe können wir jedoch Mavis’ Aussage bestätigen: Die Handhabung mit dem HighBar-Bügel ist sehr gewöhnungsbedürftig, funktioniert dank des Drehreglers aber durchaus simpel und schnell. Sowohl der Disruptr als auch Stingr schmiegen sich hervorragend an den Kopf.

Der HighBar-Bügel sitzt vor der Befestigung ungewöhnlich vor der Augenpartie. Robocop lässt grüßen...
Foto: Julian Schultz

Kritikwürdig ist das unangenehme Gefühl des Kunststoffbügels am Kinn, bei Männern kann das Hartplastik je nach Kopfhaltung auf den Adamsapfel drücken. Für (Lang-)Bartträger dürfte das System erst gar nicht infragekommen. Beim Gewicht zählen die beiden Modelle mit rund 280 Gramm zu den leichteren Modellen mit MIPS-Technologie.

Neue Technik zu hohem Preis

Wie die High-End-Räder der Koblenzer sind auch die Helm-Neuheiten mit dem Tuning-Label CFR (Canyon Factory Racing) versehen - und mit einem Preis von 299,95 Euro an ambitionierte Radsportler adressiert. Der kompakte Disruptr bietet große Lüftungsschlitze, verfügt auf der Rückseite über ein reflektierendes Element und lässt sich mit einem magnetischen Rücklicht nachrüsten. Der Stingr ist wie vergleichbare Aero-Helme in die Länge gezogen und kommt an der Front mit vier Lüftungsöffnungen aus.

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Julian Schultz ist studierter Sportwissenschaftler und gelernter Sportjournalist und zeichnet für Tests von Kompletträdern verantwortlich. Vom Wettkampfboliden bis zum Gravelbike testet er die neuesten Modelle und hält die Augen nach aktuellen Trends offen. So auch bei der Tour de France, wo sich der Test-Redakteur seit 2022 auf die Suche nach technischen Details und Geschichten aus dem Fahrerlager macht.

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