Das, was Canyon mit seinen neuen Helmen zeigt, gab es so noch nicht. Seit den 1920er Jahren tragen Radfahrer in Deutschland Hartschalenhelme. Das klassische Verschlusssystem kennen wir alle seit Kindesbeinen an: längenverstellbare Gurte an zwei Seiten, ein Klick-Mechanismus zum Schließen. Nicht so mit den neuen Kopfschützern der Koblenzer: Disruptr CFR und Stingr CFR kommen mit einem Kinnbügel, der im Vergleich zum konventionellen Riemenverschluss zahlreiche Vorteile mitbringen soll.
Wie bei den kürzlich vorgestellten Schuhen für Rennrad, Gravel und Mountainbike griff der Versandhändler in der Entwicklung auf die Expertise von Spezialisten zurück. Das Ergebnis soll “der schnellste und sicherste Helm des Planeten sein”, so Stan Mavis, der bei Canyon die Zubehör-Sparte führt. Vor allem die Kooperation mit HighBar ist bei beiden High-End-Helmen unübersehbar, schließlich teilen sich der Disruptr und Stingr das markante Verschlusssystem des US-Unternehmens.
Zum Verschließen des MIPS-Helmes wird ein Kunststoffbügel von oben vorbei am Gesicht unters Kinn geklappt und mit einem Drehmechanismus fixiert. Die Weitenverstellung gelingt wie gewohnt am Hinterkopf ebenfalls über ein Drehrad. “Man muss sich an den Verschluss gewöhnen, aber man wird schnell die Vorteile merken”, sagte Mavis im Gespräch mit TOUR. Canyon ist der erste Hersteller, der auf das System zurückgreift. In den kommenden Monaten sollen weitere bekannte Marken folgen.
Ein zentraler Pluspunkt gegenüber Helmen mit konventionellen Riemen soll eine bessere Aerodynamik sein. In Zusammenarbeit mit den Experten von SwissSide berichtet Canyon von einer Ersparnis von sieben Watt bei 50 km/h. Bei noch höheren Geschwindigkeiten, wie sie auf rasanten Talfahrten vorkommen, soll der aerodynamisch optimierte Stingr sogar einen Vorteil von bis zu 20 Watt bringen. Canyon nutzte für die Datenerfassung unter anderem den GST-Windkanal, in dem auch TOUR seit mehr als zehn Jahren seine Tests absolviert.
Zudem wird eine bessere Kühlung versprochen, da der HighBar-Bügel nicht an den Schläfen aufliegt. Rund fünf Grad Celsius soll das System gegenüber Helmen mit Riemenbändern kühler sein. Unterstützt werde der Kühleffekt durch “Belüftungssysteme (...), die kühler sind als die der Mitbewerber. Der feste Monobügel sorge außerdem für eine Geräuschreduzierung um maximal 7,5 Dezibel. Wirklich wahrnehmbar dürfte das allerdings nicht sein, schließlich ist Flüstern mit etwa 30 Dezibel vergleichbar.
Inwiefern der Aero-Vorteil zutrifft, konnten wir bislang nicht im Windkanal testen. Auch zur Kühlfunktion der beiden Helme fehlen uns valide Daten aus eigener Messung. Nach einer ersten Anprobe können wir jedoch Mavis’ Aussage bestätigen: Die Handhabung mit dem HighBar-Bügel ist sehr gewöhnungsbedürftig, funktioniert dank des Drehreglers aber durchaus simpel und schnell. Sowohl der Disruptr als auch Stingr schmiegen sich hervorragend an den Kopf.
Kritikwürdig ist das unangenehme Gefühl des Kunststoffbügels am Kinn, bei Männern kann das Hartplastik je nach Kopfhaltung auf den Adamsapfel drücken. Für (Lang-)Bartträger dürfte das System erst gar nicht infragekommen. Beim Gewicht zählen die beiden Modelle mit rund 280 Gramm zu den leichteren Modellen mit MIPS-Technologie.
Wie die High-End-Räder der Koblenzer sind auch die Helm-Neuheiten mit dem Tuning-Label CFR (Canyon Factory Racing) versehen - und mit einem Preis von 299,95 Euro an ambitionierte Radsportler adressiert. Der kompakte Disruptr bietet große Lüftungsschlitze, verfügt auf der Rückseite über ein reflektierendes Element und lässt sich mit einem magnetischen Rücklicht nachrüsten. Der Stingr ist wie vergleichbare Aero-Helme in die Länge gezogen und kommt an der Front mit vier Lüftungsöffnungen aus.

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