Heutzutage kann man als Rennradler ohne Powermeter am Rad fast einen Minderwertigkeitskomplex bekommen. Aber braucht das wirklich jeder? Und sind die meisten Hobbysportler mit einem anderen Gerät nicht besser bedient? Ein Plädoyer für den Pulsmesser
Man muss es mal so hart sagen: Ich fahre Rennrad – aber ich trainiere nicht. Und von wenigen Phasen abgesehen, ist das eigentlich schon so, seit ich das Rennrad für mich entdeckt habe – 40 Jahre. Vielleicht hätte ich nicht Redakteur bei der TOUR werden sollen. Ich hatte einfach nie ausreichend Zeit – oder genügend inneren Antrieb –, um einen exakten Trainingsplan zu befolgen, der mir für mehr oder weniger jeden Tag der Woche genau vorgibt, was ich trainieren soll, um Form und Fitness zu verbessern. Im Schnitt schaffe ich pro Jahr etwa 4.500 Kilometer auf dem Rad, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Nimmt man eine Ausfahrt von 80 Kilometern als Mittelwert, entspricht das etwa 56 Fahrten pro Jahr – etwas mehr als eine Fahrt pro Woche. Verdichtet man das Radjahr auf neun Monate, sind es rein rechnerisch 1,6 Fahrten pro Woche. Jeder Trainer sagt einem, dass diese Anzahl von Radfahrten nichts mit systematischem Training zu tun hat und als Grundlage für einen gezielten Formaufbau ganz klar zu wenig ist.
Vermutlich ist das auch der Grund, warum mich Trainings- bzw. Leistungsdaten nur am Rande interessieren. Natürlich hatte ich als TOUR-Redakteur schon früh die Möglichkeit, auch die Leistungsmessung am Rad auszuprobieren. Aber zu der Einsicht, dass ein Powermeter ein herausragend sinnvolles Trainings-Tool sein kann, gesellte sich bei mir die Erkenntnis: Ich brauche das alles nicht.
Das war schon mal anders. Als Anfang bis Mitte der 90er-Jahre die Pulsmesser den Hobbysport eroberten, fiel das zusammen mit unserer Jungmännerzeit. Natürlich hatten wir auch bald so ein Ding. Und dazu alles im Überfluss: Energie, Kraft, Bock aufs Rasen – und keine Ahnung. Wie gebannt starrten wir auf unsere Pulsmesser und warfen uns die Werte um die Ohren wie die PS-Zahlen der Supersportwagen aus dem Auto-Quartett. Wer die Schwarzwald-Runde mit dem niedrigsten Durchschnittspuls fahren konnte, war der coolste Hund im Peloton; und wer seinen Puls am Berg auf über 200 hochpeitschen konnte, galt als Rakete auf dem Rad. Dass der Vergleich individueller Herzfrequenzwerte ausgemachter Schwachsinn war – piepegal. Dass man mit der Herzfrequenz auch das Training hätte sinnvoll steuern können – ja nun …
Im Laufe der Zeit ließ mein Interesse an meinen Leistungsdaten immer mehr nach. In den vergangenen zehn Jahren habe ich zwar eine Sportuhr getragen, um damit meine Radtouren aufzuzeichnen und auf Strava hochzuladen (sonst hat’s ja nicht stattgefunden), aber für die gesammelten Werte habe ich mich nur am Rande interessiert.
Andererseits: Ich trainiere zwar nicht systematisch, aber ich fahre natürlich dennoch Rad, um fit zu werden bzw. zu bleiben. Und bei der Beschäftigung mit Fragen der Trainingsmethodik für einen TOUR-Artikel vor einiger Zeit hat’s bei mir mal „Klick“ gemacht. Neu ist die Erkenntnis nicht, aber sie hat sich diesmal tatsächlich ins Hirn gebohrt: Ich gehöre, wie viele andere Rennradler vermutlich auch, zum Heer der „Halbschnellen“. Ich fahre immer zügig, drücke bergauf und lasse selten locker. Ergebnis: Was anderes kann ich auch gar nicht mehr. Versuche ich tatsächlich mal, schnell zu fahren, bin ich in kürzester Zeit platt. Und wenn ich mal bewusst langsamer fahren will, übernimmt nach längstens einer Minute mein Unterbewusstsein und stellt wieder auf halbschnell.
‚Das muss anders werden‘, dachte ich mir. Unser Trainings-Experte Robert Kühnen hat es schließlich schon oft genug erklärt: Differenzierung ist wichtig. Also entweder Grundlage – oder Intensität. Sowohl in der Abfolge der Trainingsfahrten als auch auf die einzelne Ausfahrt bezogen.
Seit ein paar Monaten versuche ich das jetzt zu beherzigen. Nehme mir vor, beim Training der Grundlagenausdauer nicht zu schnell fahren und bei intensiven Einheiten am Berg auch mal richtig Vollgas zu geben. Dabei habe ich recht schnell gemerkt, dass es nicht schlecht wäre, einen Anhaltspunkt zu haben – vor allem dafür, was „nicht zu schnell“ bedeutet. Vollgas ist Vollgas, das spürt man dann schon, aber was nicht weh tut, spürt man halt auch nicht.
Vor ein paar Wochen habe ich deswegen meinen alten Brustgurt hervorgekramt und erfreut festgestellt, dass er noch funkt. Und inzwischen prangt am Lenker meines Rades auch wieder ein Radcomputer. Der mir live und in Farbe eine Herzfrequenzkurve anzeigt, die ich mit neu erwachtem Interesse verfolge.
Erkenntnis 1: „Langsam“ ist inzwischen schon sehr langsam. Das kann eventuell am Alter liegen. Manchmal ist das eine gute Nachricht: Wenn wenig Zeit und Stress aus der Arbeit mich dazu verleiten, wieder mal halbschnell in der Gegend herumzupressen. Manchmal ist es auch eine schlechte Nachricht – etwa, wenn andere Rennradler mich überholen und mir bewusst wird, wie langsam ich tatsächlich bin. Dann muss man tapfer sein und den Schnitt auf der Runde unbedingt ignorieren.
Erkenntnis 2: Für die Art, wie ich Rennrad fahre, reicht der Pulsmesser vollauf. Er zeigt mir im Wortsinn meine Grenzen auf. Dass die Herzfrequenz auf Tempoverschärfungen verzögert reagiert – geschenkt. Ein bisschen was habe ich über meinen Körper im Laufe der Jahre dann doch gelernt, und wenn ich mal ein paar Minuten mit höherer Intensität treten soll, schaffe ich das auch ohne die präzisen Echtzeitwerte eine Powermeters. Außerdem weiß ich nicht, ob es mich motiviert, wenn meine Dauerleistung irgendwo bei 150 Watt herumdümpelt.
Erkenntnis 3: Vor ein paar Wochen war ich mit ein paar Radfreunden in Frankreich, Pässe fahren. Highlight und Schlusspunkt: Der Col du Galibier von St. Jean de Maurienne aus, über den Col de Télégraphe. In bin mir nicht sicher, ob bzw. in welchem Zustand ich die Passhöhe auf 2.642 Metern erreicht hätte – ohne Pulsmesser. So wie ich mich kenne, hätte ich von Beginn an zu viel Druck gemacht und wäre spätestens am Plan Lachat, wo die Straße die Hangseite wechselt, eingegangen. Unter dem „Diktat des Pulsmessers“ hingegen bin ich so lange wie möglich im grünen und dann im hellroten Bereich geblieben und konnte den Zeitpunkt bis zum Abzweig vor dem Tunnel hinauszögern. Das ist auf meine alten Tage doch ein schöner Erfolg. Auf den Pulsmesser!

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