Mit seinem Projekt Pedalskillcancer hat Philipp den Weg zurück ins Leben gefunden.
Philipp studiert in Dresden Architektur und fährt seit zwei Jahren Rennrad. Er ist frisch verheiratet, als sich 2014 sein Leben schlagartig ändert: bei dem damals 24-jährigen wird Krebs diagnostiziert. Ein Keimzelltumor in einem fortgeschrittenen Stadium. Ein Arzt sagt ihm, wenn er zwei Wochen später gekommen wäre, hätten sie ihm nicht mehr helfen können. Philipp hatte den Gang zum Arzt lange rausgeschoben, weil er es für eine Viruserkrankung hielt. „Irgendwann waren die Schmerzen so schlimm, dass ich nicht mehr richtig aufrecht gehen konnte.“ Über ein dreiviertel Jahr ist er fast durchgehend in onkologischen und urologischen Stationen in Dresden. Nur selten darf er zwischendurch nach Hause – das längste Stück sind 56 Wochen ohne Unterbrechung im Krankenhaus. Er bekommt in verschiedenen Zyklen Chemotherapie und wird danach operiert. Diese Zeit beschreibt er nicht nur als Belastung, sondern auch eine die ihm eine „spirituelle Erfahrung“ beschert. „Ich habe verstanden, was Vergänglichkeit bedeutet, was mein Leben bedeutet, dass ich keine Gewissheit darüber habe, wie lange ich lebe.“
Bei der OP stellt sich raus, dass der Tumor nicht nur aus Totgewebe besteht. Die Ärzte raten ihm deshalb noch einen weiteren Chemo-Zyklus zu machen. „Ich war zu dem Zeitpunkt nach der OP am Boden - nicht mental, sondern einfach physisch. Ich war im Rollstuhl und konnte kaum aufstehen. Für mich habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich diesen Rat nicht weiterverfolgen werde. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen.“ Nicht weil er den Kampf aufgegeben hat, sondern im Gegenteil: weil er jede ihm verbleibende Minute nutzen will: „Die Illusion, die wir haben ist: 80, 82 Jahre Lebenserwartung, das ist das Konto, das ich habe. Ich habe die Erfahrung gemacht, wir wissen das nicht. Dann bekommt aber dieser Tag morgen oder das jetzt so extrem hohen Wert, dass alles andere eigentlich egal ist.“ Er bezeichnet diese Erkenntnis, die er im Krankenhaus hatte als Schlüsselmoment, der sein Leben verändert hat. „In dieser Erfahrung schwingt mit, dass die geistige Freiheit unendlich groß ist.“ Er bezeichnet das als Ausgangspunkt für alles, was danach kam. Zunächst einmal entschließt er sich gegen einen neuen Chemo-Zyklus und will zurück nach Hause. Dort unterstützt ihn seine mit Mutter und sorgt mit einer „Art veganen Ernährung“ dafür, dass er wieder zu Kräften kommt. Vom Rollstuhl geht es zum Gehen und bald kann er wieder Joggen und schließlich setzt er sich wieder aufs Rad. Nach einem halben Jahr ist er so fit wie vor der Krebserkrankung „und das war nur der Ausgangspunkt für eine Reise, die so unglaublich war, dass ich irgendwann entschieden habe die Geschichte zu erzählen. Vielleicht gibt es Leute, die die aus einer ähnlichen Situation heraus das als Mutmacher nachahmen können.“
Unter dem Titel „Pedalskillcancer“ startet er einen Instagram-Account und sammelt Spenden für die Deutsche Krebshilfe und die Krebsforschung. Das Fahrrad ist für ihn auch das Mittel, um seine Freiheit neu zu entdecken. „Wenn man das erste Mal, einen Alpenpass hochfährt, denkt man das schaff ich niemals im Leben und dann geht es doch. Dann hat man dieses Gefühl seine eigenen Grenzen verlassen und neu entdeckt zu haben.“ Philipp nutzt das Fahrrad für eine „körperliche, physische, sportliche Entwicklung.“ Die Krankheitserfahrung bezeichnet er als spirituelle Erfahrung und so sucht er sich für seine große Radreise ein Land, dass ihn fasziniert: Indien. Sein Ziel: mit dem Rad von Deutschland über die höchsten Passstraßen der Welt nach Indien zu fahren. Nach 12.000 km und neun Monaten auf dem Rad wird er 2019 im Iran überfallen. Mit mehrfach gebrochenem Kiefer muss er seine Reise abbrechen. Im Iran fliegt ihm aber eine Welle der Sympathie zu – die Menschen sind entsetzt über die Tat von Straßenräubern. Nach einer Genesungspause setzt er die Reise wieder fort und wird dann durch den eisnetzenden Winter und später durch den Corona-Lockdown ausgebremst.
Inzwischen hat er die Faszination von Ultracycling Rennen entdeckt ihm gefällt der „Abenteuercharakter“. 2021 fährt er mit einem Freund das Silk Road Mountain Race in Kirgisistan – ein Bikepacking-Rennen über 1.850 Kilometer und 34.000 Höhenmeter. Seine Geschichte vom erfolgreichen Kampf gegen den Krebs fasziniert auch andere und so gibt es einen Dokumentarfilm über seine Teilnahme an dem Rennen. Selbst organisiert mit dem Rad im Bikepacking-Modus lange Strecken zurückzulegen, wird zu seiner neuen Passion: „Je mehr Stunden im Sattel – desto besser.“ Inzwischen lebt er in Brasilien, wo er freiberuflich an Projekten im Architekturbereich mitarbeitet und viel Zeit auf dem Gravelbike und dem Rennrad verbringt: „Es gibt so wunderschöne Regionen hier zu fahren.“ Einerseits möchte er mit seinem Insta-Auftritt und seinen öffentlichen Aktionen Mut machen – andererseits will er kein Vorbild sein: „Mein Social Media Auftritt ist eine Art von Selbstbeobachtungstagebuch und wenn da jemand sich einen Rat oder was immer rausziehen möchte, ist das komplett seine eigene Entscheidung. Ich will kein Influencer sein, der sagt, lebe das so oder so.“ Er würde sich auch selbst nie als Rennradheld bezeichnen. Philipp hat sich weiterhin regelmäßig untersuchen lassen, um sicherzugehen, dass der Krebs nicht zurückkommt. Dafür gibt es bisher keine Anzeichen und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass er den Kampf gegen den Krebs gewonnen hat. „Im Grunde lebe ich so, dass ich sagen kann: Ok, wenn es morgen wieder kommt, dann hatte ich bis jetzt die beste Zeit, die ich garantieren kann.“
Passend zum Thema unser Ernährungstipp: vegetarische Rezepte für Radsportler.

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