Warum es nicht cool ist, im Straßenverkehr den Radrennfahrer raushängen zu lassen – ein Kommentar
Rennradfahren ist ein endcooler Sport. Schnell. Dynamisch. Fast lautlos. Bisweilen auch hart, was man von außen nicht immer sieht, es rollt ja trotzdem. Das macht es irgendwie noch cooler.
Und dann erst die Profis. Austrainiert. Abgezockt. Smarte Taktiker. Fahren sich gegenseitig mit knallharten Attacken aus den Schuhen, bis die Spucke im Mund nach Metall und Blut schmeckt. Fallen ständig auf die Fresse, stehen wieder auf, schütteln sich kurz und bestehen darauf, auch mit gebrochenem Schlüsselbein, Gehirnerschütterung und pizzagroßen Abschürfungen weiterzufahren. Wahre Helden.
Kleiner Hinweis: Wenn Radprofis das machen, ist Rennen. Wettkampf. Um Siege, Ruhm und Geld. Viel Ruhm, viel Geld. Das macht es nicht lustiger, aber man kann nachvollziehen, dass die Rennfahrer dafür ein gewisses Risiko eingehen. Auf abgesperrten Rennstrecken.
Wenn unsereins Rennrad fährt, ist meistens: kein Rennen. Es geht – um nichts, außer das persönliche Vergnügen und die körperliche Fitness. Dafür muss man keine roten Ampeln überfahren, weil man gerade so schön im Flow ist. Man muss auch am Zebrastreifen nicht durch die Lücke zwischen zwei Fußgängern zischen, die vor lauter Schreck ihr Handy fallen lassen, auf das sie gerade gestarrt haben (gut, das muss man als Fußgänger auch nicht unbedingt machen).
Man kann auch an Einmündungen kurz auf eine Lücke im Verkehr warten, anstatt einfach einzubiegen und so zu tun, als könne der herannahende Autofahrer einfach locker weiterfahren, weil, man ist ja ein cooler Rennradfahrer und hat das im Griff. Was der Autofahrer im Zweifelsfall aber nicht weiß und deshalb bremst, um den Radfahrer nicht zu gefährden. Handzeichen geben beim Abbiegen ist übrigens auch ein cooler Move.
Was man auch machen könnte: Radwege benutzen. Bei solchen, die mit dem blauen Radwegschild gekennzeichnet sind, muss man das sogar. Auch Rennradfahrer müssen das, selbst wenn sie der Meinung sind, der Weg sei ihren radsportlichen Fähigkeiten nicht angemessen. Und so zu tun, als hätte man das Schild übersehen, ist auch keine Lösung.
Man kann übrigens Feldwege, Wirtschaftswege und Straßenbegleitwege nutzen, auch wenn kein blaues Radwegschild das verlangt. Gut, man muss vielleicht an jedem Anfang und jedem Ende eines solchen Weges kurz abbremsen, was lästig sein kann. Aber worum geht’s? Richtig, um nichts. Deshalb muss man auch nicht mit 30 Sachen durch Tempo-30-Zonen jagen, womit man vielleicht im Recht ist, aber nicht im Erwartungshorizont anderer Menschen, die in einer verkehrsberuhigten Zone nicht damit rechnen, dass Radfahrer noch schneller als Autos heranrauschen.
Ich persönlich finde Rennradfahrer cool, die sich gelassen und souverän im Straßenverkehr bewegen. Die sich an Regeln halten und nicht glauben, sie stünden über den Dingen, weil sie ja irgendwie RENNradfahrer sind. Die ihre Skills nicht dazu einsetzen, im Verkehr in Lücken zu stechen, wo keine sind und damit Leute zu erschrecken. Sondern dazu, umsichtig und defensiv zu fahren.
Smart finde ich auch, das Verhalten anderer Menschen im Verkehr zu antizipieren – bzw. deren mögliches Fehlverhalten. Damit zu rechnen, dass Fußgänger auf die Fahrbahn oder den Radweg latschen, ohne zu gucken. Vorauszuahnen, dass der Autofahrer an der Kreuzung einen vermutlich nicht gesehen hat. Zu bremsen, wenn ein Auto aus einer Parklücke ausschert, statt Vollgas auf den Konflikt zuzusteuern, der sich da anbahnt. Klar, oft beobachtet man andere Verkehrsteilnehmer bei Regelverstößen. Aber wem bringt es was, da jedes Mal ein Fass aufzumachen? Ist es nicht viel befriedigender, Stress und Streit durch vorausschauendes Verhalten vermieden zu haben? Wer das drauf hat, ist in meinen Augen ein sehr guter Rennradfahrer.
Ich glaube übrigens, dass die meisten Radprofis das auch so sehen. Die wollen nämlich keinen Stress im Training. Um mal so richtig den Rennfahrer von der Leine zu lassen, gibt’s schließlich Rennen.
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