Eine repräsentative Studie mit 25.000 Teilnehmern aus ganz Europa hat ergeben, dass Menschen in Europa weniger Fahrrad fahren, weil sie Schwierigkeiten beim Zugang zu Fahrradreparatur- und Wartungsdiensten haben. Die Umfrage wurde vom Komponentenhersteller Shimano im Rahmen des "State of the Nation Reports" für 2025 durchgeführt. Deutschland bleibt zwar eine Hochburg des Radsports mit einer Fahrradbesitzquote von 74,1 Prozent (aktueller Besitz), jedoch zeigen die neuen Daten, dass die Service-Infrastruktur des Landes mit der Nachfrage nicht Schritt halten kann. Dies führt zu einer "Kapazitätskrise", bei der Radfahrerinnen und Radfahrer lange warten müssen, bevor sie wieder auf die Straße können. Der Bericht untersuchte, wie Menschen in Europa die Fahrradinfrastruktur, die Sicherheit von Kindern beim Radfahren sowie die Qualität und Verfügbarkeit von Fahrradwartung und -reparatur beurteilen. Es handelt sich um die vierte Ausgabe des "State of the Nation"-Berichts, der 2020 erstmals erschien.
In Deutschland haben 46,6 Prozent derjenigen, die jemals ein Fahrrad besessen haben, Hindernisse bei der Wartung erlebt. Die Art dieser Hindernisse unterscheidet sich deutlich vom Rest des Kontinents. Während Südeuropa mit einem Mangel an Geschäften zu kämpfen hat, ist es in Deutschland die Verfügbarkeit von Terminen. 33,1 Prozent der Menschen mit Wartungsproblemen geben lange Wartezeiten im Fahrradgeschäft als Hauptgrund an - der höchste Prozentsatz in ganz Europa. Fast die Hälfte aller Europäerinnen und Europäer, die ein Fahrrad besitzen oder besessen haben, berichteten von Problemen: 20,3 Prozent nannten hohe Kosten als Grund, 15,3 Prozent einen Mangel an lokalen Fahrradgeschäften oder ungünstige Öffnungszeiten und 11,8 Prozent lange Wartezeiten.
Die Folgen der Wartungsprobleme sind beträchtlich: Von denjenigen, die auf Hindernisse stießen, gaben 26,9 Prozent an, dass sie versucht haben, das Fahrrad selbst zu reparieren. 21,8 Prozent verließen sich mehr auf andere Verkehrsmittel, exakt 20,7 Prozent fuhren weniger häufig Fahrrad, und besorgniserregende 16,4 Prozent hörten ganz mit dem Radfahren auf. Rechnet man die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage hoch, dann fahren europaweit 121 Millionen Menschen weniger Fahrrad aufgrund von wartungsbezogenen Problemen. Von diesen fahren hochgerechnet 65 Millionen zwischen 25 Prozent weniger bis gar nicht mehr. Diese Ergebnisse verdeutlichen ein strukturelles Risiko für das Radfahren in Europa: Wenn es kompliziert, teuer oder unbequem erscheint, ein Fahrrad fahrbereit zu halten, kann dies erhebliche Auswirkungen auf die weitere Nutzung haben.
In vielen europäischen Ländern haben die Menschen das Gefühl, dass die Fortschritte bei der Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr stagnieren oder sich sogar rückläufig entwickeln. Diese Stagnation stellt ein langfristiges Risiko für die Fahrradnutzung dar, da Kinder, die sich beim Radfahren nicht sicher fühlen, seltener Gewohnheiten entwickeln, die sie bis ins Jugend- und Erwachsenenalter begleiten. Weniger als zwei Fünftel der Befragten in ganz Europa geben an, dass das Radfahren für Kinder in den letzten zwölf Monaten sicherer geworden ist. In Deutschland sagen 65 Prozent der Befragten, dass es für Kinder in den letzten 12 Monaten nicht sicherer geworden ist, in ihrer Umgebung Fahrrad zu fahren. Bei der Frage nach Lösungsansätzen zeigt sich eine klare Generationskluft: Junge Menschen (18-24 Jahre) nennen finanzielle Unterstützung für hochwertige Fahrräder und Sicherheitsausrüstung als wichtigsten Faktor für mehr Sicherheit, während Menschen über 65 Jahren Aufklärungskampagnen befürworten. Auf die Frage, welche Maßnahmen ihre Region vorrangig ergreifen sollte, nannten Menschen in ganz Europa eine kinderfreundliche Infrastruktur als Hauptschwerpunkt.
Der diesjährige Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass es in Europa erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern gibt, wenn es um die Wahrnehmung der Fahrradinfrastruktur durch die Bevölkerung geht. Betrachtet man die Nettodifferenz zwischen Zustimmung und Ablehnung zur Aussage "Die Fahrradinfrastruktur in meiner Region hat sich in den letzten 12 Monaten verbessert", liegen Polen (plus 47,7 Prozent), Frankreich (40,2 Prozent) und Finnland (33,1 Prozent) an der Spitze, während Griechenland (minus 18,8 Prozent), die Tschechische Republik (minus 17,8 Prozent) und Bulgarien (minus 4,7 Prozent) die niedrigsten Werte aufweisen.
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Interessanterweise gehören die Niederlande (plus 4,1 Prozent), Belgien (plus 8,9 Prozent) und Dänemark (plus 7,6 Prozent) alle zu den sieben Ländern mit den niedrigsten Werten. Da alle drei Länder seit langem als Vorreiter im Radverkehr gelten, mag dies überraschen. Diese Diskrepanz spiegelt jedoch laut den Studienautoren nicht ein Versagen wider, sondern gestiegene Erwartungen. In reifen Radverkehrsmärkten gewöhnen sich die Menschen an eine gute Infrastruktur, und ihre Ansprüche steigen weiter. Für die Branche stellt dies eine klare Herausforderung dar: Wenn führende Märkte an Dynamik verlieren, können sie auch ihre Rolle als Referenzpunkte für Wachstum, Innovation und kulturelle Führungsrolle einbüßen.
Deutschland rangiert in Europa unter den Ländern mit der geringsten wahrgenommenen Verbesserung der Infrastruktur. Nur 41 Prozent der Deutschen geben an, dass sich die Fahrradinfrastruktur in ihrer Region in den letzten 12 Monaten verbessert hat. Interessanterweise stellt der Bericht eine geschlechtsspezifische Diskrepanz in der Wahrnehmung fest: Weibliche Befragte gaben mit 8 Prozentpunkten mehr als männliche Befragte an, dass sich die Fahrradinfrastruktur verbessert habe. Ties van Dijk, Advocacy Specialist bei Shimano Europe, bezeichnet den Bericht als "Weckruf für alle, denen die Zukunft des Radfahrens in Europa am Herzen liegt." Er sehe "Millionen von Menschen, die gerne Fahrrad fahren würden, aber durch Hindernisse davon abgehalten werden, die es eigentlich nicht geben dürfte, angefangen bei mangelnder Verfügbarkeit und komplexer Wartung bis hin zu Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Kindern beim Radfahren."
Die Daten wurden mithilfe eines Online-Fragebogens erhoben, der in Zusammenarbeit mit dem Panel-Partner Panel Inzicht in der Muttersprache der Teilnehmer bereitgestellt wurde. Die Umfrage lief vom 4. bis zum 29. September 2025. Die Stichprobe war national repräsentativ für Erwachsene im Alter von 18 bis 79 Jahren, wobei Quoten basierend auf Alter und Geschlecht verwendet wurden. Diese Quoten wurden anhand der neuesten Daten lokaler Statistikämter erstellt. Die Forscher gewichteten die Stichprobe so, dass sie der tatsächlichen Alters- und Geschlechtsverteilung der Bevölkerung in jedem Land entsprach.