Josh Welz
· 08.10.2026
Der europäische Fahrradmarkt sendet widersprüchliche Signale. In Frankreich und Italien sinken die Gesamtverkäufe, der Fachhandel steht unter Druck und selbst E-Bikes haben ihre Rolle als verlässlicher Wachstumsmotor verloren. In Deutschland dagegen gibt es Hinweise, dass sich der Markt erholt. Eine wesentliche Ursache dafür sind zwei eng verwandte Fahrrad-Kategorien: Rennrad und Gravel.
Gravel wird den europäischen Fahrradmarkt nicht im Alleingang sanieren. Dafür sind die Probleme des Handels, die Kaufzurückhaltung und der Druck auf das E-Bike-Segment zu groß. Doch die Kombination aus steigenden Suchanfragen und realen Verkaufszuwächsen zeigt, dass der Trend Substanz besitzt. Rennrad und Gravel erfüllen den Wunsch nach Sport, Vielseitigkeit und vergleichsweise unkomplizierter Technik. Gerade in einer Branche, die lange auf Elektrifizierung und immer stärkere Spezialisierung setzte, ist das eine bemerkenswerte Gegenbewegung: Die Hoffnungsträger des Marktes fahren mit gebogenem Lenker – und meist ohne Motor.
Erkenntnisse dazu ergeben sich aus einer Marktanalyse, für die die Marketing- und Kommunikationsagentur Shift Active Media digitale Suchdaten auswertete. Demnach stieg selbst im immer noch rückläufigen französischen Fahrradmarkt das Interesse an Rennrädern im ersten Halbjahr 2026 um 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gravelbikes legten um 9,4 Prozent zu. Im ebenfalls problematischen italienischen Markt wuchs das Suchinteresse an Gravelbikes um zwölf Prozent, bei Rennrädern waren es 8,5 Prozent. Das deutet darauf hin, dass sich der Gravel- und Rennradtrend, den die Marktdaten für Deutschland belegen, auch in anderen wichtigen europäischen Märkten durchsetzt.
Das Mountainbike-Segment hingegen lässt Federn, nicht nur in Deutschland. In Frankreich und Italien zum Beispiel gingen die Suchnachfragen nach MTB-Bekleidung um 30,5 Prozent und 24,5 Prozent zurück. Bei MTB-Schuhen betrugen die Rückgänge 19,2 beziehungsweise 24,4 Prozent. Das ergibt ein klares Bild: Die Nachfrage nach sportlichen Fahrrad-Produkten verschwindet nicht, aber sie verlagert sich.
Wie weit der Graveltrend bereits über digitale Neugier hinausgeht, zeigt der französische Markt. 2025 wurden dort 75.000 Gravelbikes verkauft – 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch 2019 waren es lediglich 3.700 Exemplare gewesen. Dieser Aufstieg ist umso bemerkenswerter, weil der französische Gesamtmarkt gleichzeitig zurückging. Insgesamt wurden 2025 rund 1,84 Millionen Fahrräder verkauft, sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Der Absatz von E-Bikes brach sogar um 16 Prozent ein. Gravel wuchs also nicht mit dem Markt, sondern gegen ihn.
Auch Reparaturen entwickelten sich positiv: Ihr Umsatz nahm in Frankreich um 10,5 Prozent zu, während Teile und Zubehör leicht zulegten. Das verweist darauf, dass die Kundschaft bei vielen Fahrrad-Kategorien momentan lieber in den Erhalt eines Fahrrads investiert als in den Neukauf.
Italien zeigt ein ähnlich gespaltenes Bild. Der Fahrradabsatz sank 2025 um vier Prozent auf 1,303 Millionen Einheiten. Klassische Fahrräder verloren drei Prozent, E-Bikes sieben Prozent. Besonders stark litt der spezialisierte Handel: Dort gingen die Verkäufe traditioneller Fahrräder um acht und die der E-Bikes um 14 Prozent zurück.
Gleichzeitig blieb Italiens Fahrradindustrie vergleichsweise robust. Die Produktion konventioneller Fahrräder und der Export entwickelten sich positiv. Branchenberichte führen dies auch auf eine starke internationale Nachfrage nach klassischen Rennrädern und Gravelbikes italienischer Hersteller zurück.
Der Drop-Bar-Trend rettet damit zwar nicht automatisch jeden Händler. Er eröffnet europäischen Marken aber Chancen in einem Markt, in dem Technik, Design, Herkunft und sportliche Glaubwürdigkeit weiterhin hohe Bedeutung besitzen.
Was aber sind die Gründe für den anhaltenden Höhenflug des Gravelbikes? Die Stärke dieser Radgattung liegt vor allem in seiner Uneindeutigkeit. Es ist Rennrad, Reiserad und Geländerad zugleich. Mit profilierten Reifen und vergleichsweise komfortabler Geometrie funktioniert es auf Asphalt, Feldwegen und leichtem Gelände. Schutzbleche, Gepäckträger oder Bikepacking-Taschen erweitern den Einsatzbereich zusätzlich.
Damit passt das Gravelbike zu einem veränderten Nutzungsverhalten. Viele Käufer wollen sich nicht mehr auf eine Disziplin festlegen. Sie suchen ein schnelles Fahrrad für die Feierabendrunde, möchten am Wochenende Schotterwege erkunden und vielleicht einmal im Jahr eine mehrtägige Tour fahren.
Hinzu kommt eine starke Erlebniswelt. Gravel steht für Abenteuer, Selbstversorgung und Strecken abseits des Autoverkehrs. Veranstaltungen reichen vom ambitionierten Rennen bis zur gemeinschaftlichen Ausfahrt. Während das klassische Rennrad häufig mit Leistung und Geschwindigkeit verbunden wird, vermittelt Gravel Zugänglichkeit und Entdeckungslust.
Ein maßgeblicher Vorteil des Gravelbikes gegenüber dem Mountainbike liegt im unkomplizierten Zugang zu dieser Art des Radfahrens. Während fürs Mountainbike, zumindest in der sportlich anspruchsvollen Klientel, ein hoher Anspruch an geeignete Trails und Touren besteht, kann man Gravelbike eigentlich immer und überall ausüben.
Der Erfolg von Gravel erklärt zugleich einen Teil der Schwäche im Mountainbike-Segment. Für technisch anspruchsvolle Trails bleibt das Mountainbike alternativlos. Aber viele Mountainbiker müssen dafür längere Anfahrten in Kauf nehmen. Doch zahlreiche Alltagsfahrer nutzen ihre MTBs hauptsächlich auf Waldwegen und einfachen Schotterpisten – also genau dort, wo ein Gravelbike schneller und vielseitiger sein kann.
Auch das E-Mountainbike verliert nach mehreren starken Jahren an Dynamik. Laut den Erhebungen der Kommunikationsagentur Shift sank das Suchinteresse außerhalb Nordamerikas im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich um 12,4 Prozent. Das muss keinen dauerhaften Absturz bedeuten. Es zeigt aber, dass hohe Preise, ein gesättigter Bestand und die technische Komplexität vieler Modelle die Nachfrage begrenzen.
Trotz aller Wachstumszahlen bleibt eine kritische Frage: Wie viel zusätzliche Nachfrage erzeugt Gravel tatsächlich und wie lange anhaltend wird der Trend sein? Ein Teil des Erfolgs dürfte auf Kosten anderer Kategorien gehen. Käufer, die früher zu Trekkingrad, Cyclocrosser, MTB-Hardtail oder Endurance-Rennrad gegriffen hätten, finden heute ähnliche Eigenschaften unter einem attraktiveren Begriff.
Auch die Hersteller haben Gravel stark ausdifferenziert – vom beinahe renntauglichen Carbonmodell, das dem klassischen Rennrad Konkurrenz macht, bis zum robusten Reiserad, das an den Verkäufen der Trekkingbikes knabbert. Dadurch wächst die Kategorie nicht nur durch neue Kunden, sondern auch durch die Integration bestehender Fahrradtypen.

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