Der San Marco verbindet Morbegno im Valtellina mit der Val Brembana – also Provinz Sondrio mit Provinz Bergamo, über die Alpi Orobie auf 1992 Meter. Die Nordrampe ab Morbegno ist die lange Seite: 26,6 km, 1742 Höhenmeter, im Schnitt 6,5 Prozent. Kein Rampenpass, aber auch kein Spaziergang – eher ein Anstieg, der sich summiert und dich ehrlich testet. Von Süden (ab Olmo al Brembo) wird's kürzer und deutlich knackiger: 18,5 km bei durchschnittlich 8,3 Prozent, mit Spitzen über 12 Prozent kurz vor Mezzoldo.
Die Via Priula, ein venezianischer Handelsweg, führte über diesen Pass – und der Name San Marco erinnert an den Schutzpatron Venedigs. Kurz unterhalb des Scheitels auf der Bergamo-Seite steht das Rifugio Cà San Marco – gebaut 1593, eines der ältesten Schutzhäuser der Alpen.
| Auffahrt von Morbegno | Auffahrt von Olmo al Brembo | |
| Passhöhe | 1992 m | 1992 m |
| Länge | 26,6 km | 18,5 km |
| Höhenmeter | 1742 Hm | ca. 1500 Hm |
| Ø Steigung | 6,5 % | 8,3 % |
| Spitzen | ~10 % | >12 % |
| Belag | Asphalt | Asphalt |
Am 30. Mai fahre ich um 8:50 Uhr am Hotel in Morbegno los. Bikepacking-Urlaub, Gravelbike, langer Tag geplant. Der Passo San Marco ist einer von zwei langen Anstiegen des Tages. Dass er das Tageshighlight sein wird, weiß ich noch nicht.
Fünf Minuten nach dem Start hängt da ein Banner. Autofrei, 30. Mai, 9 bis 15 Uhr. Ich hatte schlicht nicht gewusst, dass dieser Tag ein offizieller Bike Day ist. Für den motorisierten Verkehr ist die Straße für sechs Stunden gesperrt, freie Fahrt für Radfahrende.
Nach ein paar Kilometern, kurz nach Albaredo per San Marco, steht ein Startbogen. Ab hier: keine Autos mehr, keine Motorräder. Den Pass ohne Motorengeräusche hinaufzupedalieren ist intensiver, als ich erwartet hatte. Ich höre mein eigenes Atmen, das Schnaufen der anderen, die Ketten der Räder, das Rollen der Reifen. Keine Angst, dass gleich wieder ein Motorrad vorbeiheizt. Kurze Gespräche entstehen wie von selbst – etwa mit einem Schweizer Pärchen, das ich schon beim Frühstück im Hotel gesehen hatte und das extra für diesen Tag angereist ist.
Es sind schon einige Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs, aber es ist entspannt – kein Rennen, keine Massen. Was mich überrascht: die Bandbreite. Von E-MTB bis High-End-Rennrad ist alles dabei. Mein Favorit ist ein 20"-Rad, das mich später in der Abfahrt breit grinsend überholt, während ich anhalte, um meine Jacke auszuziehen.
Gleich drei Mal im Anstieg stehen Leute mit Wasserflaschen am Straßenrand. Ich bin gut versorgt, andere freuen sich und füllen ihre Flaschen auf.
Oben ist dann richtig was los. Musik, kostenlose Verpflegung, Snacks zu kaufen. Ich hole mir einen Tee, mache Fotos, ziehe die Jacke an. Was für ein Zufall, dass genau heute autofreier Passtag ist. Ich schüttle den Kopf und starte in die Abfahrt.
Ich hatte den San Marco als Etappenpunkt eingeplant. Er ist als Highlight rausgekommen. Manchmal liegt das am Pass selbst. Manchmal am Datum. Beim Passo San Marco hat beides gepasst.
| Passo San Marco | Stilfser Joch | |
| Passhöhe | 1992 m | 2758 m |
| Länge (lange Seite) | 26,6 km | 25 km |
| Höhenmeter | 1742 Hm | 1850 Hm |
| Ø Steigung | 6,5 % | 7,4 % |
| Spitzen | ~10 % | bis 14 % |
| Kehren | wenige | 48 |
| Verkehr | ruhig | sehr hoch |
| Bekanntheit | Geheimtipp | Ikone |
| Charakter | Langaufstieg, gleichmäßig | Spektakel, Kehren-Klassiker |
| Bikepacking-Eignung | sehr gut | möglich, aber stressiger |
Vom reinen Aufwand her sind beide Pässe gar nicht so weit auseinander. Der Stelvio ist höher und berühmter – aber auch deutlich stärker frequentiert. Der San Marco ist ruhiger. Oben gibt's ebenfalls Panorama und Fotomotive, nur ohne die Menschenmassen.

Redakteurin
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