Gitta Beimfohr
· 16.08.2026
Was für eine Passkehren-Loveparade im Nationalpark Stilfserjoch: Am Freitag, den 28. August, zum Warmfahren den 1852 Meter hohen Mortirolo-Pass hochkurbeln und bei 23 Prozent Steigung erstes Marco-Pantani-Flair inhalieren. Samstag geht’s weiter zum Haarnadelkehren-Fest am Stilfserjoch, wo sich auf 17 Kilometern und 1733 Höhenmetern 48 Kurven mit Ortler-Panorama in die Bergflanke drängeln. Und zum krönenden Abschluss gibt es am Sonntag den legendären, 2621 Meter hohen Gavia-Pass zwischen Bormio und Ponte di Legno noch oben drauf. Macht dann zusammen: 50 unvergesslich friedliche Kilometer und 3342 abgasfreie Höhenmeter, die noch weit über dieses Wochenende hinaus in den Beinen ziepen werden.
“Strada Imperiale” nannten die alten Venezianer den Gavia-Pass im 16. Jahrhundert, weil er sich für sie schnell zur wichtigsten Handelsroute über die Alpen mauserte. Doch wenn ihnen der Übergang mal wieder mit Lawinen, Nebel und Steinschlag die Geschäfte versaute, dann war auch schnell vom “Passo della Testa di Morto” die Rede. Auf deutsch: “Totenkopf-Pass”. Tatsächlich machte diese Hauptverbindungsroute zwischen Venedig und Nordeuropa Händlerkarawanen das Leben oft schwer. So mancher kam dabei zu Tode. Bis heute wird der 2621 Meter hohe Pass zwischen Bormio und Ponte di Legno nur im Sommer für den Verkehr freigegeben (Juni bis Mitte Oktober).
Erst 2022 wurden seine Kurven komplett neu asphaltiert, was ihn vor allem für Motorradfahrer attraktiv macht, an zwei Tagen im Jahr aber eben auch für Radfahrer. Denn dann wird der Gavia für den motorisierten Verkehr gesperrt und vier Stunden lang den geräusch- und emissionslosen Antrieben überlassen. Eine mit 1400 Höhenmetern und einigen Rampen versetzte, aber landschaftliche beeindruckende Panoramafahrt durch den Stilfserjoch-Nationalpark.
Man muss sich nur entscheiden, von welcher Seite man den legendären Giro d’Italia-Pass angehen möchte: Auf der breiteren Nordrampe mit mehr Steigungsprozenten und zehn strammen Kehren auf halber Höhe im Wald oder lieber von der Südseite her. Diese Passseite ist erst seit den 90er-Jahren durchgängig asphaltiert und teilweise so schmal und engkurvig angelegt, dass der Autoverkehr einspurig geführt werden muss.
Wichtig wäre nur, dass der Gavia am 30. August mit schönstem Wetter glänzt. Nur so kann das Ortler- und Gletscher-Panorama, das mit jeder erkurbelten Kehre wächst, auch zur Geltung kommen. Leider ist der Pass eher für seine sommerlichen Wintereinbrüche bekannt, wenn es um Radsport-Veranstaltungen geht. Als im Juni 1988 das letzte Mal das Fahrerfeld des Giro d’Italia durch seine Kehren schoss, hagelte es Schnee und Graupel vom Himmel. Es waren die härtesten Wetterbedingungen, die je beim Giro durchlitten werden mussten. Auch die BIKE Transalp stand vor ein paar Jahren Mitte Juli bereits in den Startlöchern, als ein massiver Gewittersturm über den Gavia fegte und die Etappe abgesagt werden musste.
Doch bei den autofreien Passtagen handelt es sich ja um Events ohne Stoppuhr. Vielleicht hat Petrus dann ein Einsehen. Die Teilnahme auf allen drei autofreien Pässen ist gratis und für sämtliche Fahrrad-Kategorien gedacht. Eine Anmeldung ist auch nicht nötig.
Die 26 Kilometer lange Nordanfahrt von Bórmio (1217 m) zum Gaviapass hinauf führt durchs Valfurva und folgt anfangs dem Torrente Frodolfo, dem wilden Schmelzwasser des Forni-Gletschers bis nach S. Caterina (1736 m). Diese ersten 13 Kilometer halten bereits ein paar 12-Prozent-Rampen bereit. Im Wald geht es mit den Serpentinen los. Die Straße wird schmäler und ist hier in zehn kernige Schleifen verlegt. Doch dann treten die Bäume zurück und der Blick auf die Punta San Matteo (3678 m) wird frei. Die Straße wird flacher, man passiert das Rifugio A. Berni und dann sind es nur noch zwei Panorama-Kilometer bis zur Passhöhe.
15 Kehren: Die Südanfahrt von Ponte di Legno (1258 m) ist mit ihren 15 Kehren deutlich entspannter und landschaftlich vielleicht noch einen Tick schöner: In Sant' Apollonia stehen die ersten zehn Serpentinen in den Stilfserjoch Nationalpark hinauf an. Dann verjüngt sich die Straße auf einspurig, lässt Steigungsprozente von 14 und 16 Prozent los, öffnet aber auf einer Geraden Ausblicke in beide Richtungen. Allerdings erst, wenn man den 800 Meter langen Tunnel hinter sich gelassen hat. Die Umfahrung der alten Strecke ist derzeit mit einem Bauzaun gesichert. Aber ob und wann eine Sanierung ansteht, war nicht in Erfahrung zu bringen. Auf den letzten drei Kilometern helfen nochmal Serpentinen eine Felsstufe hinauf mit Traumblick auf den Lago Nero in seinem hochalpinen Almbett.
Info: valtellina.it/de

Redakteurin
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.