Senioren mit Speed10.000 Km am Eisernen Vorhang

Kristian Bauer

 · 16.09.2026

Iron Curtain Trail mit dem Crataegut-Senior Racing Team
Foto: Martin Bihounek
Acht Radfahrer der Crataegutt Seniors mit einem Durchschnittsalter über 70 Jahre erreichten am 11. September 2026 nach 29 Tagen ihr Ziel an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Die Route führte vom norwegischen Jakobselv entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs bis nach Zarewo am Schwarzen Meer. Mit ihrer Fahrt wollten die Senioren an die Teilung Europas erinnern und ein Zeichen für Frieden setzen. Die Tour sollte außerdem zeigen, dass Leistungsfähigkeit im Alter häufig unterschätzt wird.

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Vom Nordkap bis ans Schwarze Meer in nur 29 Tagen ist die beeindruckende Bilanz einer Radfahrt mit einer doppelten Botschaft: eine Erinnerung an den Fiedens und außerdem ein sportliches Ausrufezeichen. Die Crataegutt Seniors starteten am 15. August 2026 in Jakobselv an der norwegisch-russischen Grenze. Das Team aus acht Radfahrern folgte der historischen Trennlinie, die Europa über Jahrzehnte in zwei Hälften teilte. Die Strecke verlief durch mehrere Länder und endete nach fast 10.000 Kilometern in Zarewo an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Im Durchschnitt sind die schnellen Senioren über 340 Kilometer am Tag gefahren - allerdings in wechselnder Teambesetzung. Während sich die einen erholen, sitzen andere auf dem Rad. Ein Teilnehmer feierte sogar seinen 80. Geburtstag auf der Fahrt.

Senioren fahren durch Europa

Die Senioren passierten zahlreiche historische Orte und ehemalige Grenzanlagen. An den früheren Grenzposten erinnerten Gedenkstätten an Menschen, die bei Fluchtversuchen ums Leben kamen. Die innerdeutsche Grenze hinterließ bei den Radfahrern einen besonders starken Eindruck. Als Zeitzeugen wollten sie an die Zeit erinnern, in der eine tödliche Grenze Menschen voneinander trennte. Die Fahrt sollte Menschen auf beiden Seiten ehemaliger Grenzen zusammenbringen und ein Zeichen für Verständigung setzen. “Gerade in einer Zeit, in der wieder Bomben fallen und Menschen durch Krieg und Gewalt sterben, ist es uns besonders wichtig, an diese Vergangenheit zu erinnern“, heißt es in einer Mitteilung.

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Senioren mit Vorbildfunktion

Die acht Senioren wollten mit ihrer Leistung zeigen, dass Alter keine Grenze für sportliche Herausforderungen darstellt. Fast 10.000 Kilometer in 29 Tagen auf dem Fahrrad belegen die körperliche Leistungsfähigkeit älterer Menschen. Die Crataegutt Seniors verstehen sich als Vorbilder für eine aktive Lebensweise bis ins hohe Alter. Sie möchten andere Menschen ihrer Generation ermutigen, sich Ziele zu setzen und neue Herausforderungen anzunehmen.

​Iron Curtain Trail 2026 – Die besonderen Momente von Tag 1 bis Tag 28

Das Abenteuer beginnt spontan. Wegen des herrlichen Wetters entscheidet die Gruppe kurzerhand, einen Tag früher als geplant zu starten. Am 16. August um 14 Uhr geht es los – mit großer Vorfreude und voller Energie. Die ersten Tage in Finnland sind geprägt von Regen. Nach zwei nassen Tagen gönnt sich die Gruppe in Lieksa eine wohlverdiente Pause auf einem Campingplatz. Duschen, Wäsche waschen, Ausrüstung trocknen – was zu Hause selbstverständlich ist, wird unterwegs zum echten Luxus. Kurz darauf folgt ein historisch besonderer Moment: Bei Hattuvaara besucht die Gruppe den östlichsten Punkt der Europäischen Union, direkt an der russischen Grenze. Der Kalte Krieg und die frühere Teilung Europas werden hier plötzlich greifbar.

Die Etappe von Tallinn bis hinter Riga bringt einen Tag voller Kontraste: schöne Radwege entlang der Ostsee wechseln sich mit stark befahrenen Straßen ab, auf denen LKWs mit hohem Tempo vorbeipfeifen. Über 335 Kilometer führt die Strecke durch Lettland, flach wie ein Bügelbrett, durch endlose Wälder mit gelegentlichen Blicken auf die Ostsee. Erstmals läuft auch der geplante Rhythmus: Ein Team radelt, das andere erholt sich.

Die größte alltägliche Herausforderung der Reise ist nicht das Radfahren selbst, sondern die Orientierung. Die ursprüngliche Route aus dem Jahr 2013 ist an vielen Stellen nicht mehr vorhanden. Die Begleiter folgen mit dem Wohnmobil einer Strecke, die tatsächlich als Radroute ausgeschildert ist – und landen auf einem schmalen, überwachsenen Waldweg, gerade einmal 20 Zentimeter breiter als das Fahrzeug, mit einem Graben links und einem Flüsschen rechts. Am Ende des Weges steht eine kleine Holzbrücke, die für ein Wohnmobil mit Anhänger schlicht ungeeignet ist. Bleibt nur eine Lösung: Den Anhänger rund 800 Meter von Hand zurückschieben und das Wohnmobil anschließend den gesamten Weg rückwärts herausmanövrieren. Dieser Tag bringt auch den Grenzübertritt von Polen nach Deutschland.

Emotionale Momente an früherer DDR-Grenze

Kurz danach folgt einer der emotionalsten Momente der gesamten Reise. Bei der Grenzdokumentationsstätte in Lübeck-Schlutup erinnern Bilder und Dokumentationen an Menschen, die beim Versuch, die DDR zu verlassen, ihr Leben verloren. Als Lothar Färber (mehrfacher DDR-Meister Biathlon) beginnt, seine persönliche Geschichte aus seiner Zeit in der DDR zu erzählen, kann er die Tränen nicht zurückhalten und muss seine Erzählung abbrechen. Ein Moment, der deutlich macht, dass Geschichte nicht nur aus Jahreszahlen besteht, sondern aus persönlichen Schicksalen und Wunden, die Jahrzehnte überdauern.

Da die Gruppe ihrem Zeitplan inzwischen etwas voraus ist, macht sie einen Abstecher in Lothars Heimatregion im ehemaligen DDR-Gebiet. Die alten Grenzwege und Spuren der Vergangenheit machen auch diese Fahrt zu einem ganz persönlichen Erlebnis.

Am Point Alfa in der Rhön wird die Geschichte des Kalten Krieges unmittelbar spürbar. Nur wenige hundert Meter trennten hier einst die amerikanischen Beobachtungsstellungen von der innerdeutschen Grenze. Die Gruppe fährt auf dem ehemaligen Kolonnenweg, den die DDR-Grenzsoldaten für ihre Kontrollfahrten nutzten. Wo früher Stacheldraht und Wachtürme das Bild bestimmten, wachsen heute Bäume und Gräser. Die stille Botschaft dieses Ortes: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit.

80. Geburtstag - Senioren feiern

Dann kommt einer der fröhlichsten Tage der gesamten Reise. Ein Teilnehmer feiert seinen 80. Geburtstag. Die Gruppe feiert ihn herzlich als einen Mann, der mit 80 Jahren noch immer voller Abenteuerlust steckt.

Ein bewegender Besuch steht kurz danach an der Gedenkstätte bei Drasenhofen an. 56 Eisensäulen erinnern an Menschen, die in diesem Grenzbereich getötet wurden. Auf der Rückfahrt überholt plötzlich ein Autofahrer die Gruppe, stellt sich quer und zwingt sie anzuhalten. Er entpuppt sich als begeisterter Fan, der die Reise von Anfang an täglich auf Social Media verfolgt. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Situation wirkt, wird zu einer herzlichen Begegnung, die den Tag rettet.

An der Brücke der Freiheit in Bratislava wartet am nächsten Morgen eine große Überraschung: Simon Gruber von der Österreichischen Botschaft, Pressevertreter und sogar eine Fangruppe aus Österreich empfangen die Radfahrer. Anschließend kommt es zu einer kleinen geografischen Verwirrung, als ein Teil der Gruppe am falschen Ufer des Neusiedler Sees entlangradelt. Am Ende findet alles wieder zusammen.

In Kőszeg in Ungarn werden die Senioren vom Bürgermeister, dem österreichischen Konsul und der Lokalpresse empfangen und erhalten eine Führung durch das Rathaus. Abends wartet ein traumhafter Stellplatz in Kroatien mit allem Komfort – und als besonderer Abschluss: Gratiswein.

Schmuggelfall an der Grenze

Der nächste Tag bringt eines der unterhaltsamsten Abenteuer der gesamten Reise. Die Gruppe durchquert an einem einzigen Tag Kroatien, Serbien und Ungarn. An der serbischen Grenze fährt ein Begleiter allein mit dem Wohnmobil vor. Die Zöllner entdecken Kartons mit Reiseproviant und behandeln die Situation wie einen großen Schmuggelfall. Einer nach dem anderen kommt hinzu, um die verdächtige Ware zu begutachten. Nach einem langen und geduldigen Erklärungsgespräch darf Oliver schließlich weiterfahren. Der Proviant ist unschuldig, und die Gruppe ist um eine unvergessliche Geschichte reicher.

Die erste und gleich vierfache Panne der Reise folgt am nächsten Tag: zwei Fahrer kommen kurz vom Weg ab und queren eine Wiese. Das Ergebnis sind vier Platten auf einmal. Trotzdem bleibt der Tag unvergesslich, denn er bringt die Fahrt durch das Eiserne Tor – einen gewaltigen Donaudurchbruch, der an die Wachau erinnert, aber breiter und ursprünglicher wirkt.

In Nordmazedonien warten nochmals rund 4.000 Höhenmeter durch beeindruckende Berglandschaften. Doch schon bei der Einreise erwartet die Gruppe eine typische Balkan-Episode: Der Grenzbeamte verlangt die Green Card für den Wohnwagenanhänger, die nicht vorhanden ist. Nach halbstündigem Warten kann die Versicherung direkt vor Ort abgeschlossen werden. Der Preis: 15 Euro. Die Gruppe hat jedoch nur 13 Euro dabei. Kein Problem, sagt der Beamte, und stellt anschließend eine Quittung über 10 Euro aus. Manchmal muss man auf dieser Reise einfach weitermachen und nicht zu viele Fragen stellen.

Senioren erreichen nach 29 Tagen das Ziel

Mit rund 4.000 weiteren Höhenmetern durch die bulgarischen Berge rückt das Ziel immer näher. Die vielen Kilometer und Steigungen hinterlassen ihre Spuren in den Beinen, doch der aufgebaute Vorsprung erlaubt es, es etwas ruhiger angehen zu lassen. 29 Tage, unzählige Kilometer und Höhenmeter, bewegende Gedenkstätten, herzliche Empfänge, kleine Pannen, große Lacher stehen am Ende im Tourenbuch. Der Iron Curtain Trail 2026 war eine Reise durch die Geschichte Europas, durch wechselnde Landschaften und durch das Leben von Menschen.

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Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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