Die C-Serie ist für Colnago eine wichtige Konstante in der langen Firmenhistorie. Schon 1989 hatte Colnago mit dem C35 zusammen mit Autobauer Ferrari einen ersten Carbon-Rahmen entwickelt, der aber nie in Rennen eingesetzt wurde. Fünf Jahre später siegte mit dem legendären C40 der erste Carbonrahmen in einem Profi-Rennen - auf Anhieb gewann die gerade erst präsentierte Maschine den harten Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris-Roubaix. Als Profi-Renner wurde die C-Serie, die immer auf in Muffen verklebten Rohren basierte, inzwischen längst abgelöst von modernen Monocoque-Konstruktionen wie dem aktuellen V5Rs oder dem Y1Rs, das Superstar Tadej Pogacar durchs Peloton steuert. Auch die Produktion dieser Räder findet inzwischen in Asien statt. Die stetig aktualisierte C-Serie blieb aber Bestand des Programms für solvente Traditionalisten. Mit dem C72 entwickelt Colnago die C-Serie nun konsequent weiter, so dass sich das C72 von den Wettkampfmodellen noch stärker abhebt. Anders als bei modernen Rennmaschinen stehen hier nicht maximale Aerodynamik oder minimales Gewicht im Vordergrund, sondern Design, aufwändige Verarbeitungsschritte und weiterhin das “Handmade in Italy”-Konzept.
Eine etwas bequemere Sitzposition und Details wie das integrierte Staufach zeigen : Der C72 ist wohl erstmals konsequent auf das tatsächliche Publikum dieser Räder zugeschnitten – zahlungskräftige Enthusiasten, die Exklusivität und Handwerkskunst schätzen. Damit unterscheidet sich das neue Modell auch von seinen Vorgängern. Die früheren C-Modelle – vom legendären C40 über C50, C60 bis C68 – hatten alle noch echte sportliche Ambitionen und standen in der Tradition der Colnago-Carbonrahmen, mit denen die Marke einst Pionierarbeit mit dem damals exotischen Material leistete.
Der C72 positioniert sich damit bewusst als handgefertigtes Sammlerstück abseits des Wettkampfsports. Für Fans können die exklusive Bauart und besonders die Fertigung in Europa in der Colnago-Firmenzentrale wichtige Kaufargumente für das überteuerte Luxusobjekt sein.
Die Produktion des C72 findet vollständig in Italien statt. Vom Verkleben und Zusammenbau der Rohre in Cambiago über Finish-Arbeiten und Lackierung bis zur finalen Qualitätskontrolle durchläuft jeder Rahmen einen aufwändigen Fertigungsprozess. Die Jahresproduktion ist auf 3.000 Rahmen begrenzt – eine bewusste Entscheidung, die laut Hersteller dem Zeit- und Präzisionsaufwand der manuellen Fertigung geschuldet ist.
Bei der Entwicklung des C72 hat Colnago die charakteristischen Muffen der mehrteiligen Rahmenkonstruktion als bewusstes Designelement eingesetzt. Statt die modulare Bauweise zu kaschieren, werden die Übergänge zwischen den Rahmenteilen als gestalterisches Merkmal betont. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei die Verbindungsstellen, deren Ausrichtung, Abstände und Übergänge präzise kontrolliert wurden – ein Ansatz, den Colnago mit dem Spaltmaß-Fetisch aus dem Automobildesign vergleicht.
Der C72 positioniert sich als vielseitiges Rennrad mit Racing-DNA. Die Geometrie soll sowohl leistungsorientierte als auch komfortablere Sitzpositionen für längere Distanzen ermöglichen. Gleichzeitig wurde die Reifenfreiheit auf maximal 35 Millimeter erhöht, um breitere Reifen zu ermöglichen und das Rad vielseitiger zu machen. Hinterbau und Sattelstütze sollen komfortabler abgestimmt worden sein. Die Geometrie ist auf Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten ausgelegt.
Zum C72-System gehören speziell entwickelte Komponenten: Eine neue Colnago CC.02 Lenker-Vorbau-Einheit soll Handling verbessern und Gewicht reduzieren. Eine integrierte Sattelstütze dient der Aerodynamik und Verstellbarkeit. Eine Besonderheit ist der eigens konstruierte Flaschenhalter mit integriertem Staufach im Unterrohr – eine Lösung, die laut Hersteller die Rahmensteifigkeit nicht beeinträchtigt.
Der C72 wird in vier Lackierungen angeboten, die alle die Verbindung zwischen Sitzstreben und Oberrohr als visuelles Element betonen. Als Ausstattungen werden ausschließlich die elektronischen Top-Gruppen Shimano Dura-Ace Di2, SRAM Red AXS und Campagnolo Super Record WRL angeboten. Sie können mit Carbon-Laufrädern von Fulcrum oder Enve komplettiert werden, die Preise bewegen sich zwischen 14200 und 16600 Euro. Das Rahmenset mit Lenker und Sattelstütze kostet 6780 Euro.
Parallel zum Marktstart präsentiert Colnago außerdem die Sonderedition C72 La Scala, die dem Mailänder Teatro alla Scala gewidmet ist. Die auf 72 nummerierte Exemplare limitierte Version zeichnet sich durch eine spezielle Lackierung in mattem Rot, Gold und marmoriertem Weiß aus, die von der Ästhetik des berühmten Opernhauses inspiriert ist.
Das charakteristische Merkmal ist das geprägte Kleeblatt-Emblem mit Blattgold-Applikationen. Der C72 La Scala ist online und bei ausgewählten Händlern für 22.000 Euro erhältlich.

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