AktuellesEinzeltest: Colnago C60 2014

Unbekannt

 · 13.05.2014

Einzeltest: Colnago C60 2014Foto: Markus Greber

Zum Firmenjubiläum präsentiert Ernesto Colnago ein neues Flaggschiff: Mit dem C60 folgt er seinem Verständnis von einem guten Rennrad – und bietet eine nachhaltige Alter­­native zu den Gewichts­rekordlern auf dem High-End-Markt.

Als Colnago vor knapp 20 Jahren die ersten Profis auf Carbonrahmen auf die Kopfsteinstrecken von Paris-Roubaix schickte, be­wegte sich die Stimmung in der Rennszene zwischen Spott und Sorge. Kaum jemand außer Ernesto Colnago selbst war davon überzeugt, dass das vermeintlich überempfindliche Rahmenmaterial eine solche Tortur unbeschadet überstehen könnte. ­Colnago belehrte alle Skeptiker eines Besseren. Franco Ballerini fuhr aufs Podium, und in den folgenden sechs Jahren siegte das Modell C40 beim ­berüchtigten Rüttel-Klassiker fünfmal. Der anschließende Triumphzug des Verbundwerkstoffes ist bekannt.

Zwanzig Jahre später entsteht am Colnago-Stammsitz in Cambiago bei Mailand der Nachfahre des C40, das C60. Dieses und das weiterhin produzierte C59 sind die einzigen Modelle aus Colnagos Carbonpalette, die der italienische Traditionshersteller nicht in Taiwan produzieren lässt; die Rennsaison 2014 wird das Pro-Tour-Team Europcar um Thomas Voeckler darauf bestreiten.

Flexibilität durch Tradition

Das C60 ist wie all seine Vorgänger ein in Muffen verklebter Carbonrahmen, der von Hand in klassischen Rahmenlehren gebaut wird. Maximal 17 Stück verlassen die Produktionsstätte unter Colnagos Privathaus pro Tag. Die Einzel­teile fertigt ein Mailänder Automobilzulieferer, auch lackiert wird in Italien. Ausgerechnet beim Top-Modell an der Muffenbauweise festzuhalten, die aus dem Stahlrahmenbau stammt, mag auf den ersten Blick wie ein Anachronismus wirken. Doch zum einen wäre es wohl wirtschaftlicher Wahnsinn, die traditionsgeladene Produktionsstätte mitsamt ­Mitarbeitern auf Monocoque-Fertigung umzukrempeln. Vor allem aber erhält sich Colnago dadurch die Freiheit, etliche Rahmengrößen, Geometrien mit abfallendem oder waagerechtem Oberrohr und selbst Maßrahmen anzubieten. So gibt es das C60 in 14 Serien-Rahmengrößen! Und: Beschädigte Rahmen lassen sich sogar reparieren. Das ­kaputte Rohr wird abgesägt, die Muffen werden ausgeschliffen, ein neues Rohr wird eingesetzt.

Überzeugende Werte

Die Dimensionen der profilierten Rohre, das konische Steuerrohr, ein massiv gestalteter Tretlagerbereich mit Press-Fit-Lager und die Vorbereitung für elektro­nische Schaltungen zeigen: Das C60 gehört in die Neuzeit. Neu ist auch, dass sich die entlang der Rohre verlaufenden Sicken – ein Zitat der legendären Master-Stahlrahmen – im Unterschied zum Vorgänger C59 bis in die Muffen fortsetzen, was die Herstellung viel komplizierter macht. Formschluss und größere Klebeflächen erhöhen die Steifigkeit und Haltbarkeit des Rohrverbunds. Nach unserem Labortest lässt sich daran nichts kritisieren, das C60 liefert überzeugende Werte. Einer Erklärung ­bedarf dagegen das für Carbonrahmen hohe Gewicht von gut 1.200 Gramm; auch die Gabel ist mit knapp 500 Gramm nicht gerade Leichtbau.

  Kostspielig: Lackierung als Kunst: Kein Exemplar gleicht dem anderen, die Ausführung ist erstklassig.Foto: Markus Greber
Kostspielig: Lackierung als Kunst: Kein Exemplar gleicht dem anderen, die Ausführung ist erstklassig.

Ein Grund liegt in der aufwen­digen Lackierung, die beim C60 gut 200 Gramm wiegen dürfte. Ein weiterer sind die Prinzipien des Unternehmens: Auch bei Colnago möchte man Gewicht sparen – aber nicht um jeden Preis. "Wir wollen ­einen Rahmen bauen, der ewig hält", erklärt der heute für die Konstruktion verantwortliche Ingenieur Davide Fumagalli eindringlich. Ernesto Colnago schiebt nach: "Mir schmerzt das Herz, wenn eines meiner Fahrräder ­kaputtgeht" – und durch bloßen Gebrauch dürfe das erst recht nicht passieren. Er ergänzt nicht ohne Stolz, dass er kein C40 ­kenne, das jemals aus dem Leim ge­gangen ist. Seither hat man die Klebstoffe ständig weiter erforscht und verbessert. "Natürlich ist das blöd", fügt Colnago scherz­haft an, "so kaufen die Leute ja keine neuen Räder mehr."

Mit dieser Philosophie im Hinterkopf wirken manche, scheinbar überholte technische ­Details des neuen Rahmens wohlüberlegt: massive Alu-Ausfallenden in Rahmen und Gabel etwa, denen etliche Laufradwechsel oder zu fest angezogene Schnellspanner nichts anhaben können. Oder das eigen­willige Innenlagerkonzept, bei dem austauschbare Press-Fit-Lagersitze in eine übergroße, formschlüssig im Laminat verankerte Gewindehülse geschraubt werden. Auch die Lenklagersitze sind aus Alu und lassen sich tauschen. So konsequent ist kein anderer Hersteller; sind Lagersitze beschädigt oder durch häufige Wechsel verschlissen, müssen deren Rahmen auf den Müll.

Priorität: die Renntauglichkeit

Dazu passt: Bei Colnago müssen Rahmen und Gabel ein Vielfaches der gängigen Normen aushalten, die Bruchresistenz wird in einer eigenen Crashtest-Anlage abgeprüft. Dank der stabilen Rohrwände verursachen kleine Unachtsamkeiten nicht gleich große Schäden. Geht es nach Colnago, muss man ein gutes Rennrad nicht behandeln wie ein rohes Ei. Letztlich baut Colnago Räder für Rennfahrer – und immer auch mit Rücksicht auf die Me­chaniker. Und so wiegt das C60, fertig und renntauglich aufgebaut, auch nur UCI-konforme 6,8 Kilogramm.
Was das Design betrifft: Angeboten werden drei Dekor­linien, jeweils in unterschied­lichen Farbkombinationen. Unter den insgesamt 14 Varianten finden sich auch dezentere und modernere Designs als unser Classic-­Exemplar, selbst Wunsch­lackierungen sind kein Problem. Alle erledigt ein eigener ­Lackierbetrieb in Pisa, bis auf das Firmenlogo am Steuerrohr kommt dabei kein einziger Aufkleber auf den Rahmen.

Über die mustergültige Ausstattung des Testrades muss man an dieser Stelle keine großen Worte verlieren. Allenfalls lobende über den hauseigenen Vorbau, der sich mit einer asymmetrischen Hülse in der Neigung verstellen lässt, um die perfekte Sitzposition auf den Millimeter genau zu treffen. Das Fahrverhalten zeigt sich im besten Sinne ausgewogen. Zuverlässig gehorcht das Rad jedem Lenkbefehl und folgt bei hohen Geschwindigkeiten stabil der vorgegebenen Spur, trifft die ideale Mitte zwischen Trägheit und Nervosität. Kein Wunder: Diese ­typische, klassische Rennradgeometrie hat sich über Jahrzehnte durchgesetzt, Colnago beschäftigt sich seit mehr als 60 Jahren damit. Experimente? Überflüssig. Die Ausfahrt macht riesig Spaß und man hat Zeit, darüber nachzudenken, ob sich die allgegenwärtige Grammfuchserei überhaupt lohnt oder ob das Colnago das viele Geld wirklich wert ist. Doch das C60 nur nach Zahlen und Messwerten zu beurteilen, würde der Idee dahinter nicht gerecht. Werte wie Individualität, Tradition und Nachhaltigkeit lassen sich nicht messen – und nicht mit ein paar hundert Gramm Gewichtsersparnis aufwiegen.

Preis Rahmen-Set 3.799 Euro 1)
Gewicht Komplettrad 6,8 Kilo

Bezug/Info www.colnago.com

Rahmengrößen** Sloping 42, 45, 48, 50, 52, 54, 56, 58, 60 cm
Traditionell 53, 55, 57, 59, 61 cm
Sitz-/Lenk­winkel 73°/73°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 555/565/184 mm plus 15 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 1.000/59 mm
Stack/Reach/STR*** 581/390 mm/1,49

AUSSTATTUNG

Lenklager Colnago by Acros, oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll
Bremsen/Schaltung/Tretlager Shimano Dura Ace (50/34 Z., BB386)
Laufräder/Reifen Mavic Cosmic C40/Mavic Yksion Pro (Schlauchreifen)
Lenker/Vorbau Colnago HB-01/Colnago Nemesis
Sattel/-stütze Selle Italia SLR/Colnago (31,6 mm)

MESSWERTE | EINZELNOTEN

Gewicht Komplettrad 6,8 kg (o. Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1.229/471/65 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set***** 1.799 | 3,0
Lenkkopfsteifigkeit 92 Nm/° | 1,7
Seitensteifigkeit Gabel 48 N/mm | 1,7
Tretlagersteifigkeit 60 N/mm | 1,0
Komfort Rahmen 229 N/mm | 2,7
Komfort Gabel 104 N/mm | 5,0

Foto: TOUR Magazin
Foto: TOUR Magazin

1) Preis Komplettrad auf Anfrage.
* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese Bewertung fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Herstellerangaben; Testgröße fett.
*** Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
**** Gewogene Gewichte.
***** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.