Cervélo ÁsperoDas Bike und ich – eine Vernunftehe oder Amour fou?

Dimitri Lehner

 · 12.09.2026

Mein Rad in voller Kriegsbemalung. Das Cervélo Áspero taugt als Tourer und als Gravel-Racer mit viel Vortrieb.
Foto: Georg Grieshaber
Ich kam zum Graveln durch Zufall: keine Ahnung von der Gattung, aber plötzlich ein Cervélo unterm Hintern. Fast zwei Jahre später weiß ich: Das Áspero ist schnell, komfortabel und erstaunlich alltagstauglich. Vor allem aber weiß ich inzwischen ziemlich genau, was ich von einem Gravelbike will.

Der Satz, der alles änderte

Ich hatte keine Ahnung von Gravelbikes. Wirklich keine. Mountainbikes teste ich seit 26 Jahren, ungefähr tausend Stück sind durch meine Hände gegangen. Gravel war für mich Neuland – gleiche Fahrradfamilie, andere Erziehung.

Dann sagte TOUR-Mechaniker Matthias Fischer über das neue Cervélo Áspero: „Geiles Ding!“
Das reichte.

Im Rennrad-Magazin TOUR klang das später etwas gesitteter:

2024 – fünf Jahre nach dem Ur-Áspero bringt Cervélo die zweite Generation des sportlichen Gravelbikes. Schlankere Rohre und teilintegrierte Kabel sollen es aerodynamischer machen, gleichzeitig wurde der Komfort erhöht. Die Sitzposition bleibt sportlich, ohne extrem zu werden.

Als Anhalt: Reinrassige Racegraveller haben einen STR+ Wert von 1,10 (Giant Revolt), 1,11 (Wilier Rave) oder 1,13 (Rose Backroad FF). Sprich eine gestrecktere Fahrposition. Das Cervélo Áspero kommt auf einen STR+ Wert von 1,14

Der Carbonrahmen Cervélo Áspero ist ausgesprochen steif, während 40-Millimeter-Reifen und die runde Carbonsattelstütze für guten Komfort sorgen. Je nach Aufbau sind bis zu 45 Millimeter breite Reifen möglich. Über den „Trail Mixer“ lässt sich zudem das Lenkverhalten anpassen: In der langen Position fährt das Áspero ruhig und stabil, ohne träge zu wirken.

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Mit 8490 Gramm ist das Áspero leicht und klar auf Tempo ausgelegt. Gleichzeitig bieten die Übersetzung für steile Anstiege, UDH-Schaltauge, Oberrohrtasche und zusätzliche Befestigungsmöglichkeiten genügend Alltagstauglichkeit. Insgesamt kombiniert das neue Áspero den Komfort eines Adventure-Gravelers mit dem Antritt eines Race-Modells

Im Sommer 2024 fuhr ich meine ersten 50 Kilometer durch den Wald. Dann 500 Kilometer von München durchs Allgäu nach Freiburg. Später durch den Schwarzwald und durchs oberbayerische Hinterland. Irgendwann war die Sache klar: Das Áspero bleibt.

Rennrad mit Schotterlizenz

Das Áspero ist ein Race-Gravelbike. Gestreckte Sitzposition, wenig Ösen, wenig Expeditionsgedöns. Vortrieb statt Packesel. Trotzdem sitzt man erstaunlich entspannt.

Der Carbonrahmen ist leicht und sieht aus, als hätte Cervélo beim Entwurf eher einen Windkanal als einen Campingplatz vor Augen gehabt. Kein Wunder: Aerodynamik gehört zur DNA der Marke. Die zweite Generation soll drei Watt schneller sein, die Kabel verschwinden teilweise im Cockpit. Viel wichtiger ist mir aber, was passiert, wenn ich draufsitze: Druck aufs Pedal – und das Ding geht ab.

8,5 Kilo ohne Pedale sind voll okay. Das Rad fühlt sich leicht an, das liegt auch an den hochflankigen Carbonlaufrädern. Der Antritt ist bis heute eine seiner besten Eigenschaften. Raus aus dem Sattel, antreten, weg. Herrlich.

Gleichzeitig bleibt es komfortabel. Die runde Carbonsattelstütze und die 40er-Reifen bügeln einiges weg. Cervélo erlaubt inzwischen sogar 45 Millimeter Reifenbreite und packt sie auch in die aktuellen Mofdelle, ich bleibe vorerst bei 40. Vielleicht kommen irgendwann schnelle 45er rein. Breiter brauche ich nicht.

Was ich nicht brauche

Das Áspero hat mir auch beigebracht, was ich beim Graveln nicht brauche.

Keine Federgabel. Ich fahre kein Gelände, das sie rechtfertigt. Dafür gibt es Mountainbikes. Doch das soll jeder für sich selbst entscheiden. Außerdem würde eine Federgabel die schöne, klare Linie des Rahmens ruinieren. Ich bin da picky.

Keine Vario-Stütze. Bergab muss ich dann eben ein bisschen mehr aufpassen.

Die Sitzposition lässt sich über Spacer recht komfortabel gestalten. Mein Turm unter dem Vorbau kriegt ganz sicher keinen Designpreis, aber vom Sattel aus ist er unsichtbar. Ich denke trotzdem über einen One-Piece-Cockpit nach – gern mit demselben Flare, aber weniger Drop. 16 Grad Flare hat der Lenker.

Das Áspero ist eben ein Race-Graveller mit Komfortreserve. Kein Expeditionsfahrzeug. Genau das gefällt mir.

Tubeless, Funk und andere kleine Dramen

Natürlich hat die Beziehung nach fast zwei Jahren Kratzer bekommen.

Zwei Nägel haben die Reifen schon kennengelernt. Die Dichtmilch hielt zunächst dicht, irgendwann nicht mehr. Dann mussten Reifenwürste ran. Tubeless: kein Vorteil ohne Nebenwirkung.

Die SRAM-Rival-Funkschaltung zwang mich ein paar Mal zum Singlespeed. Akku leer. Klassiker. Ein anderes Mal waren die Knopfzellen in den Schalthebeln müde. Zwei Minuten später war das Problem Geschichte. Das sind die Nachteil

Weniger lustig: die Bremsbeläge. Vorne habe ich sie bis auf die Trägerplatte heruntergebremst. In 26 Jahren Mountainbike ist mir das nie passiert.

Richtig unerquicklich wird es beim Hinterradausbau. Einmal hatte ich plötzlich die Kassette in der Hand – inklusive kleiner Metallteile, die sich anschließend im Laub versteckten. Zwei Mal habe ich dieses Miniatur-Uhrwerk wieder zusammengesetzt. Einmal erfolglos. Ersatzklinken mussten her. Wer diese Konstruktion erfunden hat, fährt vermutlich selbst kein Gravel.

Dann knackte das Tretlager. Diagnose: locker. Werkstatt, festziehen, Ruhe. Das ist der Vorteil von geschraubten Tretlagern. Seitdem gleitet das Áspero wieder lautlos durch den Wald. Fast wie ein U-Boot.

Zwei Jahre später: immer noch verliebt

Inzwischen bin ich einige ziemlich gute Räder gefahren: S-Works Crux 5, Giant Revolt, Factor Aluto, Storck Fascenario.5. Trotzdem steige ich immer wieder gern aufs Áspero.

Nicht, weil es alles besser kann. Sondern weil es für mich ziemlich viel richtig macht: Es ist schnell, ohne nervös zu werden. Komfortabel, ohne schwammig zu sein. Sportlich, ohne mich auf jedem Kilometer an mein Alter zu erinnern.

Vor allem passt es zu dem, was ich beim Graveln inzwischen gelernt habe: Ich brauche keine Holterdipolter und Wurzelteppiche. Ich brauche keinen MTB-Reifen und keine halbe Everest-Expedition am Fahrrad. Ich will durch den Wald fahren, Schotter unter den Reifen spüren, eine Rampe hochdrücken – und manchmal einfach schneller nach Hause kommen als geplant.

Nach fast zwei Jahren lautet mein Urteil deshalb ziemlich unspektakulär: Das Áspero war ein guter Kauf. Eigentlich ein sehr guter.

Cervélo Áspero Rival XPLR AXS 1 - Test-Note und Infos

  • TOUR-Note: 1,7
  • Preis: 5799 Euro (2024), jetzt: 5499
  • Gewicht Komplettrad: 8,5 Kilo
  • Rahmengrößen 48, 51, 54, 56, 58, 61 (Testgröße gefettet)

Geometrie

  1. Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 471/575/159 Millimeter
  2. Stack/Reach/STR: 596/390 Millimeter/1,53
  3. Stack+/Reach+/STR+: 647/566 Millimeter/1,14
  4. Radstand/Nachlauf: 1030/70 Millimeter

Ausstattung

  1. Antrieb/Schaltung: SRAM Rival XPLR AXS (1x12; 40, 10-44 Z.) | Note: 2,0
  2. Bremsen: SRAM Rival (160/160 mm) | Note: 1,5
  3. Reifen: WTB Vulpine TCS Light 40 mm (eff.: 42 mm) | Note: 2,0
  4. Laufräder: Reserve 40/44
  5. Laufradgewichte: 1410/1959 Gramm (v./h.)

Messwerte

  • Fahrstabilität: 8,72 N/mm | Note: 1,3
  • Komfort Heck: 94 N/mm | Note: 1,3
  • Komfort Front: 84 N/mm | Note: 2,3
  • Antritt/Tretlagersteifigkeit: 62 N/mm | Note: 1,0

Vor- und Nachteile des Cervélo Áspero Rival XPLR AXS 1

Plus: sehr komfortabel, relativ leicht, Fahrcharakteristik veränderbar
Minus: relativ teuer

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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