Im Gesamteindruck wirkt das Machete RX 1 weniger wie ein preiswert ausgestattetes Race-Gravelbike, sondern vielmehr wie ein tourentauglicher Allrounder, wie sie in dieser Preisklasse relativ häufig anzutreffen sind. Mit 10,6 Kilogramm ist das Bulls auch für seine Preisklasse ziemlich schwer. Hinzu kommen eine vergleichsweise komfortable Sitzposition und die tourentaugliche, aber grob abgestufte Übersetzung.
| Gewicht | 10.59 kg |
| Schaltung | SHIMANO GRX RD-RX822 |
| Bremse vorne | Shimano GRX ST-RX610/BR-RX410 |
| Reifen vorne | Schwalbe G-One RX TLR 45-622 |
Die Gattung der Race-Gravelbikes übt auf Fans des Straßenradsports einen schwer widerstehlichen Reiz aus: Sitzposition, Spritzigkeit und Fahrverhalten ähneln sehr dem gewohnten Straßenrenner, nur lässt sich das dick bereifte Gefährt zusätzlich bedenkenlos durch Feld und Wald prügeln. An der Suche nach einem günstigen Zweit- und Trainingsrad, das für rasante Ausflüge ins Gelände taugt, verzweifeln indes viele, die genau dieses Fahrgefühl lieben: Was es für weniger als 2.000 Euro an Gravelbikes zu kaufen gibt, schlägt in der Regel in eine ganz andere Kerbe. Fast ausnahmslos sind sie abgestimmt auf die Bedürfnisse von Einsteigern und Gelegenheitsradlern, eher für gemütliche Touren und Reisen mit Gepäck. Schwere Alu-Rahmen mit breiten Lenkern geben eine aufrechte Sitzposition vor, einfache Komponenten und grob abgestufte Gänge sind die Regel, das Fahrverhalten liegt zwischen gutmütig und träge und weit entfernt von lebendig. Sportlich geschnittene Geländerenner für weniger als 4.000 Euro sind Mangelware.
Da lässt das Angebot von Bulls aufhorchen, denn die Sportrad-Marke der Zweirad-Einkaufsgenossenschaft (ZEG) präsentierte jüngst mit dem Machete RX ein ausgewiesen sportliches Exemplar. Es ersetzt das bisherige Machete, das eher auf Komfort und Abenteuer ausgerichtet war, und ergänzt das weiterhin erhältliche Aluminium-Modell Grinder. Der Renner basiert auf einem neuen Carbonrahmen, der gemeinsam mit Ex-MTB-Weltmeister Alban Lakata eigens für Gravel-Worldcup-Rennen entwickelt worden sein soll. Und weil die ZEG in diesem Jahr ihr Jubiläum zum 60-jährigen Bestehen feiert, wird die Einstiegsvariante mit mechanischer Shimano-GRX-Schaltung zum Sonderpreis von 1.999 Euro offeriert. Allein die Eckdaten für ein Carbon-Gravelbike riechen nach einer kleinen Sensation.
Das Testbike rollt in frischem Fliederton in die Redaktion, wahlweise kann man sich auch für ein gesetzteren Champagnerton entscheiden. Auf den ersten Blick wirkt das Bike eher zurückhaltend, der Vorgänger war mit angedeuteten Aero-Formen und klaren Linien deutlich progressiver designt. Aber was zählt, sind die Fahreigenschaften. Die erste Enttäuschung stellt sich bald ein und sie wiegt sprichwörtlich schwer: Schon beim Anheben merkt man das hohe Gewicht, an der Waage bewahrheitet sich das geschulte Schätzvermögen. Mit 10,6 Kilogramm ist das Bulls auch für seine Preisklasse ziemlich schwer. Zum Vergleich: Ein Cube Nuroad mit Aluminiumrahmen und etwas höherwertigen Komponenten wiegt ein halbes Kilogramm weniger – und ist dabei noch einige hundert Euro günstiger.
Der leichtere und damit teurere Carbon rahmen erweist sich zumindest beim Einstiegsmodell als kontraproduktiv, weil die zwangsläufig günstigeren, aber schwereren Komponenten das Gesamtgewicht erhöhen. Die günstige GRX-Kurbel, die Alu-Stütze und der einfache Lenker fallen hier im Wortsinn ins Gewicht. Richtig schwer sind aber vor allem die Laufräder des RX 1, die mit 4.900 Gramm (inklusive Bereifung, Kassette und Bremsscheiben) fast die Hälfte zum Gesamtgewicht beitragen. Mit leichteren Reifen und Tubeless-Set-up statt der Butylschläuche könnte man vielleicht 150 bis 200 Gramm einsparen. Aber für eine Gewichtsreduzierung, die man im Sattel auch spürt, bräuchte es mehr als ein paar Handgriffe.
Die Investition in einen moderneren, leichteren Laufradsatz erscheint auch deshalb sinnvoll, weil die Felgen mit 21 Millimeter Innenbreite nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Besonders wenn man die eigentlich verfügbare Reifenfreiheit von 50 Millimetern auszunutzen gedenkt, wären breitere Felgen von Vorteil. Angesichts des hohen Gewichts reagiert das Bulls nicht gerade leichtfüßig auf den Pedaltritt. Im Gelände fällt das Ausweichen oder Überspringen von Hindernissen deutlich schwerer als mit leichteren Bikes; die Machete mag lieber die etwas ruhigere Gangart. Dazu passt auch die Sitzposition, die für ein rennorientiertes Bike zumindest auf dem getesteten Rahmen in Größe L überraschend komfortabel ausfällt. Zwar ist das RX schon sportlicher geschnitten als das bisherige Machete, auf dem man im Vergleich zu ähnlich konzipierten Gravelbikes betont aufrecht saß.
In der kleineren Rahmengröße M scheint das Rad den Geometriedaten nach außerdem eine deutlich gestrecktere Sitzhaltung zu favorisieren: Bei nur unwesentlich weniger Reach (horizontaler Länge) fällt das Steuerrohr gleich drei Zentimeter kürzer aus. Den Geometriedaten des Rahmens nach zu urteilen, könnte das RX auch in Größe L rennmäßiger auffallen. Wegen der für die Leitungen notwendigen Spacer unter dem Vorbau sind die Verstellmöglichkeiten des Lenkers nach unten aber begrenzt; dessen tatsächliche Position an unserem Testrad ähnelt daher der an vielen Endurance-Gravelbikes. Weil der recht breite Lenker kaum Drop besitzt, ergibt sich selbst im Unterlenker keine richtig sportliche Sitzhaltung, mit der sich viel Druck auf dem Pedal aufbauen lässt.
Im Gesamteindruck wirkt das Machete RX 1 deshalb weniger wie ein preiswert ausgestattetes Race-Gravelbike, sondern vielmehr wie ein tourentauglicher Allrounder, wie sie in dieser Preisklasse relativ häufig anzutreffen sind. In diesem Kontext erscheint dann auch die Ausstattung stimmig. Die montierte 1x12-Schaltung mit einer für Mountainbikes typischen Kassette deckt eine riesige Bandbreite zwischen schnellen Asphaltpassagen und steilen Geländeanstiegen ab. Dafür sind die Sprünge zwischen den Gängen recht groß, was manch routinierten Rennradler stört, der für gleichmäßiges Pedalieren an eng abgestufte Gänge gewöhnt ist. Eine Zweifach Kurbel (samt enger abgestufter Kassette) ließe sich aber montieren, der Rahmen ist für einen Umwerfer vorbereitet.
Auch mangelnde Reisetauglichkeit können wir dem Machete kaum vorwerfen, immerhin gibt es reichlich Schraubösen für eine große Rahmentasche unter dem Unterrohr sowie für eine kleine obendrauf. Schutzblechösen oder eine Werkzeugbox fehlen dem RX 1 jedoch. Nach unserer Testerfahrung mit dem Rad lohnt möglicherweise ein Blick auf andere Machete-Modelle, die besser ausgestattet und damit etwas leichter sind. Allerdings gibt man dann das starke Argument des Jubiläums-Sonderpreises aus der Hand: Das Machete RX 2 mit SRAM Rival AXS und den gleichen, schweren Aluminium-Laufrädern dürfte nur unwesentlich leichter werden, kostet aber gleich das Doppelte. Da wäre es günstiger und zielführender, das RX 1 zu kaufen und mit einem Teil des gesparten Geldes aufzurüsten. Erst die Top-Version mit SRAM Force AXS, Lenkereinheit aus Carbon sowie Carbonlaufrädern von Mavic dürfte die Zehn-Kilo-Marke unterbieten, allerdings ist sie mit 4.999 Euro auch kein Sonderangebot mehr.
Neben den RX-Varianten wird das Machete mit anderen Ausstattungen auch als Allroad-Rennrad angeboten: Mit Zweifach-Antrieben und 38 Millimeter breiten Straßenreifen findet sich das gleiche Rahmen-Set auch in Bulls’ Rennrad-Segment. Mit mechanischer Shimano 105 2x12 kostet das R1 dann 2.999 Euro (9,9 Kilogramm laut Hersteller), als R2 mit Ultegra Di2 4.999 Euro (8,6 Kilo).

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