Für ein Wettkampf-Rennrad ist das teure Gregario vergleichsweise schwer, auch in der Aerodynamik-Wertung nur Durchschnitt. Für die avisierte Kundschaft dürften die Messwerte aber nicht an erster Stelle stehen. Die Zielgruppe sind vielmehr anspruchsvolle – und vor allem solvente – Hobbyradsportler, die ein exklusives und technisch außergewöhnliches Fahrrad suchen und Wert legen auf Individualität und eine persönliche Entstehungsgeschichte zum Produkt.
| Gewicht | 7.52 kg |
| Schaltung | Campagnolo Super Record 13 |
| Laufradsatz | Campagnolo Shamal |
| Reifen vorne | Pirelli P-Zero Race TLR 700x28 |
Ein auf Maß gefertigter Rennradrahmen galt lange Zeit als Zeichen für Individualität und hohe Handwerkskunst – so lange Metall das Material der Wahl war. Mit dem Siegeszug von Carbon sind die Stahl-Maßschneider tief in der Handwerker-Nische verschwunden – noch seltener sind nur noch Rahmenbauer, die Carbonrahmen auf Maß fertigen. Ihnen blieb bislang in der Regel nur das wenig werkstoffgerechte Verkleben zugeschnittener Fertigrohre, um leichte Carbonrahmen auf Maß bauen zu können. Einen Rahmen, wie er heutigen Erwartungen an Design und Aerodynamik entspricht, fand man als Maßanfertigung bis vor Kurzem überhaupt nicht.
Umso mehr Aufsehen erregt die Marke Gregario aus Italien mit der Vorstellung eines schnittigen Aero-Renners, der ausschließlich auf Maß gebaut wird. Die Ingenieure und Unternehmensgründer Salvatore Botrugno und Paolo Baldissera erklären, dass sie die klassische „Made-to-measure“- Rahmenbaukunst mit moderner Monocoque-Carbontechnologie verbinden wollen – denn der Rahmen wird als Monocoque in einer Form hergestellt, wie es bei modernen Carbonrahmen in Serienfertigung üblich ist. Die Rahmen werden vollständig im Autoklaven gefertigt, ohne Klebeverbindungen zwischen Rohren oder einzelnen vorgefertigten Modulen.
Der Trick dahinter sind modulare Formsegmente mit austauschbaren Werkzeugteilen und einsetzbaren Zwischenstücken, womit sich die Geometrie millimetergenau anpassen lässt. Die Entwickler vergleichen das Konzept mit einer klassischen Rahmenbau-Lehre, nur als Negativform. Vom Stückwerk sichtbar sind hinterher lediglich minimale Trennlinien im Roh-Carbon. Neben dem Rahmen werden auch der gefräste Aluminium-Vorbau und der flächige Carbonlenker individuell angepasst, ebenfalls millimetergenau. Gregario kann damit nach eigenem Bekunden Rahmengrößen von etwa 45 bis 65 Zentimetern abdecken, also für Körpergrößen von 1,50 bis deutlich über zwei Meter.
Auch die Sitzposition ist zwischen „rennmäßig gestreckt“ und „komfortabel aufrecht“ beliebig einstellbar. Letztlich sind wie bei jedem Rahmenbauer die 700C-Laufräder das Limit für noch größere oder kleinere Rahmen. Die Entwickler schließen im Gespräch nicht aus, insbesondere für kleine Menschen später auch kleinere Laufräder anzubieten, sollte der Bedarf da sein. Dafür müssten aber Gabel und Hinterbau neu konstruiert werden.
Unser Vera AR ist für durchschnittlich große Menschen gebaut, wirkt wegen seiner besonderen Formen dennoch extrem eigenständig. Auch Details wie der gefräste Vorbau mit aufgesetztem, tragflächenartigem Lenker oder die Sattelklemmung sieht man so nicht alle Tage. Letztere ist als Konusklemmung im verlängerten Sitzrohr versenkt. Die Komponenten sollen trotz der Maßfertigung ein gewisses Maß an Verstellbarkeit ermöglichen. So lässt sich der Lenker in Höhe und Winkel verstellen, über austauschbare Kleinteile in der Vorbauklemmung kann der Vorbauwinkel zwischen -3 und +10 Grad variiert werden. Auch die Sattelhöhe kann mit Spacern noch um wenige Zentimeter angepasst werden. Die Details, die teilweise mit Metallteilen aus dem 3-D-Drucker realisiert wurden, bringen einiges an Mehrgewicht mit sich. Deren aufwendige Integration verhinderte das Wiegen des nackten Rahmens, aber mit 7,5 Kilogramm ist das Rad, gemessen an seiner exklusiven Ausstattung mit Campagnolo Super Record und Shamal-Laufrädern, nicht außergewöhnlich leicht. Gregario betont, dass der Rahmen ein sehr steifes und fahrstabiles Carbon-Layup besitzt, um besonders lang lebig und für alle Fahrergewichte gewappnet zu sein.
Im TOUR-Labor bestätigt sich, dass das Konstrukt überaus verwindungssteif ist und gegenüber Full-Monocoque-Rahmen von der Stange keinen Nachteil hat. Anpassungen des Layups, um zum Beispiel leichtere Rahmen für kleine und leichte Fahrer zu bauen, sind aus Sicherheitsgründen nicht vorgesehen. Perspektivisch könnten aber auch Varianten des Vera mit anderen Fasern folgen. Als Schwäche entpuppt sich der Komfort des Rades, insbesondere am Heck. Die integrierte Sattelstütze ist unnachgiebig, was man auch auf der Straße spürt. Mit bis zu 32 Millimeter breiten Reifen könnte der Rahmen immerhin noch etwas komfortabler abgestimmt werden.
Ansonsten fährt sich das Rad angenehm laufruhig und überaus fahrstabil. Die Konstruktion vermittelt auf Anhieb viel Vertrauen, auch weil die Anbauteile einen robusten Eindruck machen. Nichts klappert, nichts knarzt, was in Anbetracht der durchaus unkonventionellen Art der Befestigung von Lenker und Sattelstütze nicht selbstverständlich erscheint. Angesichts der exaltierten Optik ist das Fahrverhalten fast schon ein bisschen langweilig, im positiven Sinne fährt sich das Rad völlig berechenbar und frei von Marotten. Über die individuelle Anpassung der Winkel will Gregario sicherstellen, dass sich das Vera in allen Größen gleich fährt.
Weil das Gregario augenscheinlich über viele aerodynamisch motivierte Features verfügt, haben wir es im Windkanal getestet. 217 Watt im Serientrimm klingen zunächst enttäuschend, von der Aerodynamik aktueller Wettkampfräder ist das Rad recht weit entfernt. Durch schnellere Laufräder lassen sich noch einige Watt herauskitzeln, 212 Watt mit den Referenzlaufrädern Zipp 404 sind ein recht ordentlicher Wert. Für die avisierte Kundschaft dürfte die Aerodynamik aber nicht an erster Stelle stehen. Gregario sieht sich auch nicht in direkter Konkurrenz zu Serienherstellern. Die Zielgruppe seien keine Profis, sondern vielmehr anspruchsvolle – und vor allem solvente – Hobbyradsportler, die ein exklusives und technisch außergewöhnliches Fahrrad suchen und Wert legen auf Individualität und eine persönliche Entstehungsgeschichte zum Produkt.
Alleine die 8.500 Euro Grundpreis, zuzüglich Mehrwertsteuer, die für das Rahmen-Set aufgerufen werden, dürften den Kundenkreis eher klein halten. Für das nobel ausgestattete Testrad würden mehr als 20.000 Euro fällig. Es könnte demnach gut sein, dass das Rad öfter mit einer Komfortgeometrie ausgeliefert wird als mit dem sportlichen Zuschnitt unseres Probeexemplars. Ihre Wunschmaße können Kunden über bestehende Bikefitter bestimmen lassen oder gleich selbst übermitteln. Außerdem bietet Gregario eine eigene Online-App an, die den Körper mit der Smartphone-Kamera vermessen kann. Die endgültige Abstimmung erfolgt in der Regel jedoch im direkten und engen Austausch zwischen Hersteller, Händler und Kunden. Neben einigen vorgegebenen Designs sind auch Wunschlackierungen möglich, sie werden von einem Partnerbetrieb im nahen Turin umgesetzt. Bei der Auswahl der Komponenten sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Lieferzeit von der Bestellung bis zum fertigen Rad beträgt etwa 10 bis 15 Wochen.

Redakteur