Die Vuelta a España war überschattet von organisatorischen Problemen, Witterungsunbilden und sogar Angriffen auf das Rennen. So verhaftete die Polizei rechtzeitig vier Aktivisten der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, die bereits ein Fass mit 400 Litern Öl vorbereitet hatten, das während der dritten Etappe auf die Rennstrecke abgelassen werden sollte. Die Aktion hätte einen Massensturz verursacht. Die Organisatoren lösten aber selbst auch Stürze aus. Am Ende der dritten Etappe war die Ausrollzone im Ziel so knapp bemessen, dass Tagessieger Remco Evenepoel (Team Soudal Quick-Step) mit einer Polizeisprecherin kollidierte und durch eine Platzwunde am Kopf einiges Blut verlor.
Evenepoel hatte sich zwei Tage zuvor schon über die mangelnde Ausleuchtung des bis in die Nacht währenden Auftakt-Teamzeitfahrens beklagt: “Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, hinter dem Rad eures Vordermannes zu sitzen, das Wasser spritzt euch ins Gesicht, die Sichtweite beträgt gerade einmal einen Meter? Das ist ungefähr so, als würdest du mit dem Auto mit 200 km/h auf der Autobahn in kompletter Dunkelheit und ohne Licht fahren.”
Auch der frühere Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas war unzufrieden mit den Bedingungen beim und unmittelbar nach dem Zeitfahren. “Die letzten Teams fuhren in fast völliger Dunkelheit. Und als wir mit den Rädern zum Bus zurückkehren wollten, steckten wir mitten im Verkehr, ohne Licht und ohne alles”, erzählte er. Der Waliser konnte noch froh sein, dass ihm die Polizei keine Strafe aufbrummte wegen Fahrens ohne Licht. Thomas beklagte in dem Zusammenhang, dass die Fahrer für die Organisatoren nur wie Figuren auf einem Schachbrett seien.
Auf der neunten Etappe ereignete sich die nächste umstrittene Situation: Neben einem Pylon zwei Kilometer vor dem Ziel sah man den technischen Direktor der Vuelta, Fernando Escartín, mit einer gelben Fahne wild winken. Er stand an der improvisierten Zeitnahme der Etappe. Mitten im Rennen hatten die Organisatoren entschieden, für den Etappensieg das Ziel zwar dort zu belassen, wo Lennard Kämna als Solist siegte; fürs Gesamtklassement wurden aber an Escartíns Verkehrshütchen die Zeiten gestoppt. Grund waren heftige Regenfälle und Schlamm auf dem letzten Kilometer. Die Entscheidung löste ein wütendes Presseecho aus.
Als “klare Verlierer der ersten Woche” bezeichnete die belgische Plattform Sporza die Organisatoren. Die Zeitung “Het Laatste Nieuws” sah darin sogar “eine neue Seite im großen Amateurbuch der Vuelta” aufgeschlagen. Viele Fahrer bewerteten zumindest diese Situation anders. “Ich bin froh, dass das Ziel nicht ganz oben war, denn es war wirklich ziemlich tricky mit der Kurve und dem Lehm auf der Straße”, meinte Primož Roglič. Angesichts der weiterhin drohenden Wetterunbilden retten solche schnellen Entscheidungen vielleicht sogar perspektivisch den Sport unter freiem Himmel.
Das Wetter schlug bei dieser Vuelta solche Kapriolen, dass selbst der Ruhetag zur Odyssee wurde. Weil eine der beiden Chartermaschinen wegen des Unwetters nicht in Valladolid landen konnte, sondern nach Madrid umgeleitet wurde, erreichte das halbe Peloton erst weit nach Mitternacht die Hotels.
Schließlich lieferte auch die Polizei noch Anlass für Schlagzeilen: Auf der elften Etappe rissen Beamte in überzogenem Sicherheitsbemühen einen Masseur der Cofidis-Mannschaft zu Boden; auf der 18. Etappe gingen Polizisten mit einem Masseur von Team Jumbo-Visma so brutal um, dass der sich eine Gehirnerschütterung zuzog. So wurde in diesem Jahr jedenfalls keine gute Balance zwischen Sicherheit, Spektakel und Anpassung an die äußeren Bedingungen gefunden.