Interview: Stephan Klemm
TOUR: Monsieur Lappartient, wie nehmen Sie gerade die Entwicklung des Radsports in der Breite und an der Spitze wahr?
LAPPARTIENT: Ich finde, wir erleben aktuell eine sehr schöne Zeit für den Radsport. Als Breitensport ist er enorm populär. Viele Menschen haben während der Covid-Pandemie das Fahrrad für sich entdeckt oder wiederentdeckt. Radfahren ist ein Trend. Auch der professionelle Radsport erlebt gerade ein Hoch. Radsportübertragungen generieren starke Einschaltquoten im Fernsehen. Das liegt auch den Protagonisten der Gegenwart. Denn zuvor hatten wir eine Phase von 20 Jahren, in der die Profis so spezialisiert waren, dass der Radsport langweilig war. Die Klassiker hatten keinen Thrill mehr. Die Grand Tours waren früh entschieden. Gegenwärtig aber waren, wie im Vorjahr, bei den Frühjahrsklassikern alle Superstars dabei. Das war lange Zeit nicht der Fall.
TOUR: Außer Jonas Vingegaard. Er meidet die klassischen Eintagesrennen weiterhin.
LAPPARTIENT: Stimmt. Außer Vingegaard. Er ist ein Fahrer, dessen Profil nach dem alten Muster aufgebaut ist, das bedeutet: Spezialisierung. Ich würde mir gleichwohl wünschen, dass er bei Eintages-Monumenten startet. Lüttich-Bastogne-Lüttich muss ihm doch liegen. Das ist ja quasi eine Bergetappe, da kann er gewiss vorne mitmischen.
TOUR: Aktuell wird immer häufiger sehr früh in den Rennen attackiert, entscheidende Gruppen bilden sich sehr weit vor dem Ziel. Wie nehmen Sie das wahr?
LAPPARTIENT: Spannende Entwicklung. Die Monumente leben von Duellen, die Rundfahrten sind viel interessanter als sie es vor geraumer Zeit noch waren. Das gilt im Übrigen auch für die Frauenrennen. Überhaupt hat der Frauenradsport nach meiner Auffassung einen großen Sprung gemacht.
TOUR: Tadej Pogačar ist ein Profi, der alle Rennen, die er bestreitet, gewinnen kann. Bisweilen dominiert und verblüfft er mit phänomenalen Soli. Was bedeutet es für die Wettkämpfe, wenn es einen gibt, der kaum zu schlagen ist?
LAPPARTIENT: Zunächst einmal ist er ein großartiger Vertreter dieser Sportart. Wenn ein Fahrer aber so dominiert wie Tadej Pogačar, gibt es auch den Faktor der Verdächtigung. Das war zu Zeiten von Eddy Merckx so, und das galt auch für die Epoche, die Bernard Hinault geprägt hat.
Ich würde niemals sagen, dass es bei irgendeinem Fahrer eine hundertprozentige Garantie dafür gibt, dass er sauber ist.
Sicher aber ist, dass wir, die UCI, 100 Prozent unserer Energie darauf verwenden, um sicherzustellen, dass wir schwarze Schafe finden. Pogačar etwa kann während der Tour de France gleich dreimal am Tag kontrolliert werden. Wir haben das Testverfahren an die ITA delegiert, die International Testing Agency. Die ITA leistet großartige Arbeit. Ich vertraue ihr zu 100 Prozent. Wir müssen aber selbstredend weiter intensiv testen und zudem bisweilen auch Fahrräder auseinanderbauen.
TOUR: Wenn Sie es schon so offensiv ansprechen: Haben Sie persönlich Zweifel an Pogačars Leistungen?
LAPPARTIENT: Ich habe derzeit keinen Grund, an Pogačars Leistungen zu zweifeln.
TOUR: In der Zeit der dunklen Machenschaften von Lance Armstrong spielte auch die UCI eine klägliche Rolle, als Schützerin des Meisterdopers. Können Sie diese Art der korrupten Kungelei aktuell ausschließen?
LAPPARTIENT: Die Zeit, die Sie ansprechen, war eine sehr düstere Zeit für den Radsport mit organisiertem Doping. Unsere Aufgabe als UCI besteht nun darin, dafür zu sorgen, dass so etwas nie mehr geschehen kann. Es war eine Lehre aus der Armstrong-Zeit, dass die Dopingbekämpfung völlig unabhängig geschehen muss. Wir arbeiten im Falle von Informationen über einzelne Fahrer mit der ITA zusammen, das gilt auch für den Fall, dass Gerüchte aufkommen. Es wird leider immer Profis geben, die sich dopen. Wir müssen aber sicher sein können, dass wir sie auch erwischen. Die ITA leistet diesbezüglich hochwertige Arbeit.
TOUR: Auffälligerweise ist es derzeit sehr ruhig um das Thema Doping. Wie bewerten Sie das? Ist der Radsport Ihrer Meinung nach sauberer geworden?
LAPPARTIENT: Die Tatsache, dass es wenige Dopingfälle gibt, verschleiert für uns nicht die Möglichkeit, dass neue Substanzen auftauchen können, die noch nicht entdeckt werden können, weil es dafür noch kein valides Testverfahren gibt. Man muss daher immer ein wenig skeptisch bleiben.
TOUR: Gleichwohl gibt es im Peloton Persönlichkeiten in Führungspositionen, die Teil der dunklen Dopingvergangenheit sind. Mauro Gianetti etwa ist Chef von Pogačars UAE-Team. Alexander Winokurow steht dem Astana-Team vor. Und Armstrongs bester Freund George Hincapie leitet das Team Modern Adventure. Das sind nicht wenige Altlasten. Wie bewerten Sie das?
LAPPARTIENT: Bei uns gilt die Regel: Alle Profis, die vor 2011 gesperrt wurden, besitzen gegenwärtig das Recht, eine Rolle im Radsport zu spielen. Wenn heute ein Fahrer positiv getestet wird, kann er nicht mehr Sportdirektor oder Generalmanager eines Teams werden.
TOUR: Die US-Webseite „The Athletic“ zitiert eine Quelle innerhalb der UCI, der zufolge der Weltverband einen großen Namen enttarnen wolle, um zu zeigen, dass der Antidoping-Kampf funktioniert. Ist das so?
LAPPARTIENT: Ich weiß von diesem Gerücht. Aber wir sind nicht nur dafür da, um ausschließlich große Namen zu Fall zu bringen.
Wir sind dafür da, um dafür zu sorgen, dass Betrüger erwischt werden, egal, ob sie einen großen oder weniger großen Namen besitzen.
Aber klar ist: Sollten wir tatsächlich einen großen Namen des Dopings überführen, wird es keinerlei Nachsicht geben.
TOUR: Sie persönlich wollten sich trotz dieser von Ihnen geschilderten positiven Entwicklung vom Radsport wegbewegen. Sie gehörten zu den Bewerbern um das Amt des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees IOC. Letztlich sind Sie es nicht geworden. Aber warum haben Sie kandidiert?
LAPPARTIENT: Ich habe es getan, weil ich die Gelegenheit als günstig empfand. Ich dachte mir: Warum sollte ich es nicht versuchen? Ich bin der Meinung, dass ich meine Energie von der UCI auf das IOC hätte übertragen können. Auch wenn ich noch nicht lange IOC-Mitglied war. Von daher war meine Bewerbung vielleicht etwas optimistisch. Ich glaube aber, dass ich trotzdem zur Debatte um die Zukunft des IOC beigetragen habe. Denn ich empfinde mein Wahlprogramm als eines der inhaltsstärksten. Ich arbeite nun aber mit Leidenschaft und Überzeugung bei der UCI weiter.
TOUR: Als UCI-Präsident stehen Sie in Konkurrenz zu großen Veranstaltern wie der ASO, die im Besitz der Tour de France und weiterer Perlen wie Paris-Nizza, Paris-Roubaix oder Lüttich-Bastogne-Lüttich ist. Hinzu kommen die Italiener von RCS, die den Giro veranstalten und Flanders-Classics mit den belgischen Top-Rennen. Was bleibt angesichts dieser starken Blöcke noch für die UCI?
LAPPARTIENT: Die ASO befindet sich tatsächlich in einer sehr starken Position. Ihre Aktivitäten machen fast 70 Prozent der Sichtbarkeit des Profiradsports aus. Es gibt für uns zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder die UCI befindet sich, wie bereits zweimal geschehen, in einem Kriegszustand mit der ASO.
Es ging dabei um die Frage von Einfluss und Macht im Radsport.
Die ASO war letztlich in der besseren Situation. Ich halte Krieg grundsätzlich für keine Lösung. Meine Prinzipien sind Dialog und Entschlossenheit. Für die UCI ist die ASO-Vorherrschaft ein Vor- und ein Nachteil. Ein Vorteil, weil auch der Weltverband von der Strahlkraft der Tour de France profitiert. Umgekehrt ist es aber auch eine Gefahr, wenn ein Akteur 70 Prozent des Marktes besetzt. Wir unterhalten insgesamt eine sehr gute Beziehung zur ASO. Aber ich versuche dennoch dafür zu sorgen, dass es andere starke Veranstalter gibt. Das ist wichtig für ein ausgewogenes Verhältnis der Anbieter von Radrennen.
TOUR: Diese Ausgewogenheit ist allerdings kaum mehr zu erreichen. Ihnen wird zudem eine große Nähe zur Tour de France nachgesagt, auch, weil Sie Franzose sind. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?
LAPPARTIENT: Die Tour gehört in Frankreich zum kollektiven Erbe des Landes. Sie ist ein wesentlicher Faktor der nationalen Einheit. Ich erhalte aber keine Arbeitsaufträge von der ASO und umgekehrt mische ich mich nicht in die Angelegenheiten der ASO ein. Ich habe meine Lehren aus dem einstigen Krieg der UCI mit der ASO gezogen. Das war eine sinnlose Auseinandersetzung. Mein Prinzip ist, gute Beziehungen zu den großen Veranstaltern zu unterhalten, zur RCS und Flandern Classics genauso wie zur ASO. Aber nur weil ich Franzose bin, bevorzuge die ASO keineswegs. Es ist vielmehr so, dass ich kein Interesse daran habe, mich mit diesen drei Veranstaltern, die 94 Prozent der Profirennen organisieren, schlecht zu stellen.
TOUR: Was bleibt angesichts dieser Konstellation noch für die UCI übrig?
Unter anderem Einfluss. Ich habe Marie-Odile Amaury, die der Amaury-Gruppe vorsteht, gesagt: „Wir benötigen unbedingt eine Tour de France der Frauen. Denken Sie doch mal darüber nach.“
Auf diese Weise haben auch wir dazu beigetragen, dass es nun die Frauen-Tour gibt.
Und seit es sie gibt, investieren die Unternehmen in den Frauenradsport, gründen Teams, die Gehälter der Profifahrerinnen steigen. Wir haben dafür gesorgt, dass die Frauen-Tour sofort den höchsten UCI-Status erhielt. In solchen Entstehungsprozessen erleichtert die UCI die Dinge. Weil wir alle davon profitieren. Aber das bedeutet nicht, dass wir zu einer Ja-Sager-Organisation degradiert worden sind.
TOUR: Aber der große Player ist die UCI eben nicht ...
LAPPARTIENT: Wir veranstalten weiterhin Weltmeisterschaften und sind federführend für die Wettbewerbe bei Olympischen Spielen. Und wir sind die Regulierungsbehörde des Radsports. Wir sind für die Regeln zuständig. Wir klassifizieren die Teams. Wir legen den Radsport-Kalender fest und bestimmen die Kategorie von Rennen. Wir stellen die Kommissäre, die wiederum auf die Einhaltung der Regeln achten und im Falle eines Verstoßes Geldbußen verhängen.
TOUR: Wenn Sie auf den deutschen Markt blicken: Welche Rolle spielt Deutschland innerhalb der Welt des Radsports?
LAPPARTIENT: Deutschland nehme ich als großes Radsportland wahr. Es hat große Champions bei Männern und Frauen hervorgebracht. Aber Ihr Land durchlebte auch etwas, das ich „Jan-Ullrich-Trauma“ nennen würde. Diese Sache hat die Begeisterung für Radsport in Deutschland spürbar verringert. Davon aber erholt sich das Land nun, das ist deutlich spürbar. Aber es hat lange gedauert, sehr lange.
Aktuell sind wir in der UCI fasziniert von der großen Begeisterung, die Radrennen in Deutschland hervorbringen, sei es in Frankfurt, in Hamburg oder bei der Deutschland-Tour.
Zudem gibt es eine Bewerbung um den Grand Départ der Tour de France für 2029 oder 2030. Das alles zeigt mir, dass der Radsport in Deutschland mit Kraft zurückkommt. Das freut mich sehr. Ich kann den Unternehmen in Deutschland nur zurufen: Der Radsport ist es wert, unterstützt zu werden!
Geboren am 31. Mai 1973 in Pontivy (Bretagne), machte er zunächst Karriere als Regionalpolitiker. Von 2008 bis 2021 war er Bürgermeister der bretonischen Gemeinde Sarzeau, seit 2021 ist er Vorsitzender des Départements von Morbihan. Als Sportfunktionär stieg er 2009 zum Präsidenten des französischen Radsport-Verbandes auf. Das blieb er bis 2017. Im September 2017 löste er Brian Cookson an der Spitze des Radsport-Weltverbandes UCI ab. Seit 2022 ist er Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees IOC.
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