Robert Kühnen
· 12.07.2026
Vom 4. Juli bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 9. Etappe.
Die neunte Etappe ist klassisches Ausreißer-Terrain mit einer Vielzahl kleiner Anstiege, die sich auf 3300 Höhenmeter summieren. Nach der Hälfte der Strecke steht ein Berg der zweiten Kategorie als härteste Prüfung im Weg (3,8 km, 7,7%).
Die Anstiege sind nicht supersteil. Trotzdem sind Fahrer im Vorteil, die gut klettern können. Ermüdung spielt nach acht gefahrenen Etappen auch schon eine Rolle.
In der heutigen Simulation spielen wir durch, welche Materialeffekte ein 60 kg leichter Fahrer auf der heutigen Etappe erwarten kann, wenn er 115 Kilometer vor dem Ziel eine Flucht startet.
Da das Mindestgewicht auf 6,8 Kilogramm fixiert ist, sind leichte Fahrer von Gewichtsdifferenzen theoretisch stärker betroffen als athletische Typen. Das führt auch zu der Frage, wie leicht die Räder eigentlich sein könnten, wenn es das Gewichtslimit der UCI nicht geben würde.
Die leichtesten Serienräder der Welt liegen bei knapp sechs Kilogramm. Mit Tuningmaßnahmen sind auch fünf Kilogramm Komplettgewicht machbar. Aerodynamische Attribute haben solche Räder allerdings kaum.
Wären sie wettbewerbsfähig auf einer Etappe wie heute? Um das zu überprüfen, schicken wir auch ein fiktives Leichtrad mit fünf Kilo angenommenem Gewicht ins Rennen (235 W Aero-Power bei 45 km/h).
Ergebnis: Unser verboten leichtes, fiktives Modell landet mit fünf Kilogramm Gesamtgewicht auf dem vorletzten Platz im heutigen Ranking mit einer Fahrzeit von 2:56:49 Stunden. Ein Rad deutlich unter Mindestgewicht wäre für die heutige Etappe kein Gewinn.
Ein 60 Kilogramm leichter Fahrer profitiert wie erwartet stärker von einem leichteren Fahrrad als ein kräftiger Fahrer. Das sieht man am heutigen Ranking. Das Cervelo S5 mit Mindestgewicht distanziert das aerodynamischere, aber schwerere Van Rysel RCR-F Pro um 9,5 Sekunden.
Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:
Die Tabelle zeigt, dass die Kombination aus sehr guter Aerodynamik und Mindestgewicht für leichte Fahrer die beste Kombination darstellt, um sich auf einer langen Flucht durchzusetzen.
Die ausgewiesene „Aero-Power“ ist die von TOUR im Windkanal gemessene Leistung zur Überwindung des aerodynamischen Widerstands von Rad und Dummy mit bewegten Beinen bei 45 km/h. Für die Simulation fügen wir rechnerisch noch den Oberkörper des Fahrers hinzu und skalieren den Widerstand auf das tatsächliche Renntempo.
Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.
Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.
Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.
Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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