Bei der Tour de France Femmes 2026 stehen nach der derzeit bestätigten Startliste sechs deutsche Fahrerinnen am Start: Antonia Niedermaier, Rosa Klöser, Hannah Ludwig, Franziska Koch, Linda Riedmann und Liane Lippert. Die Rundfahrt beginnt am 1. August in Lausanne und führt über neun Etappen nach Nizza. Zum Programm gehören unter anderem ein Einzelzeitfahren, mehrere hügelige Teilstücke und eine Bergankunft am Mont Ventoux.
Damit ist das deutsche Aufgebot größer und vielseitiger als die reine Betrachtung der Klassement- und Etappenhoffnungen vermuten lässt. Die sechs Fahrerinnen starten mit unterschiedlichen Aufgaben. Einige unterstützen ihre Teamkapitäninnen, andere erhalten möglicherweise Freiheiten in Ausreißergruppen. Mit Rosa Klöser und Antonia Niedermaier stehen außerdem zwei Fahrerinnen vor ihrem Debüt bei der Tour de France Femmes.
Antonia Niedermaier gehört zu den jüngeren deutschen Fahrerinnen mit einem klaren Profil für Rundfahrten. Das konnte die 23-Jährige zuletzt mit ihrem zweiten Platz beim Giro d´Italia Donne unter Beweis stellen. Ihre Stärken liegen vor allem in längeren Anstiegen und anspruchsvollen Gesamtklassements. Bei Canyon//SRAM fährt sie gemeinsam mit Kasia Niewiadoma, die zu den erfahrensten Klassementfahrerinnen im Feld gehört und die Tour bereits vor zwei Jahren in einem packenden Finale mit Demi Vollering gewinnen konnte.
Niedermaier könnte daher eine Doppelrolle übernehmen. Einerseits wird sie primär Niewiadoma in den entscheidenden Rennsituationen unterstützen. Andererseits besitzt sie selbst das Potenzial, in den Bergen bei ihrer ersten Tour eine gute Gesamtplatzierung anzustreben. Wie groß ihre persönliche Freiheit sein wird, hängt vom Rennverlauf und der Hierarchie im Team ab.
Der wichtigste Prüfstein wartet auf der siebten Etappe mit dem Finale am Mont Ventoux, der das Highlight der diesjährigen Tour bilden dürfte. Wer dort den Anschluss an die besten Klassementfahrerinnen hält, kann in der Gesamtwertung einen großen Schritt nach vorne machen.
Rosa Klöser steht ebenfalls vor ihrem Debüt bei der Tour de France Femmes. Die Deutsche kommt ursprünglich aus dem Gravel-Radsport und gewann 2024 das Unbound Gravel 200, eines der bekanntesten Gravel-Rennen der Welt. Seit 2025 fährt sie für Canyon//SRAM auf der Straße.
Bei ihrem ersten Start im größten Frauenrennen der Welt wird Klöser vor allem als Helferin gebraucht. Sie soll die Klassementfahrerin(nen) durch hektische Rennphasen bringen, vor wichtigen Anstiegen Positionen sichern und bei Bedarf lange im Wind arbeiten. Ihre Erfahrung aus langen Gravel-Rennen kann dabei besonders auf unruhigen und schwer kontrollierbaren Etappen wertvoll sein.
Dass Klöser auch auf der Straße offensiv fahren kann, zeigte sie bei Paris-Roubaix Femmes 2026. Sie attackierte bereits nach neun Kilometern und fuhr längere Zeit allein vor dem Feld. Ihr Vorsprung wuchs auf rund 1:30 Minuten, bevor sie 77 Kilometer vor dem Ziel wieder eingeholt wurde.
Eine ähnliche Rolle ist auch bei der Tour denkbar. Wenn Canyon//SRAM seine Kapitänin Niewiadoma im Gesamtklassement absichern muss, wird Klöser zunächst im Dienst des Teams fahren. Entsteht auf einer hügeligen Etappe jedoch eine größere Ausreißergruppe, könnte sie die Freiheit erhalten, selbst anzugreifen. Ihre Ausdauer, ihre Vielseitigkeit und ihr offensiver Rennstil machen sie zu einer interessanten Fahrerin für lange Fluchtgruppen.
Liane Lippert ist die erfahrenste deutsche Fahrerin im Aufgebot. Die Movistar-Fahrerin verfügt über Erfahrung bei großen Rundfahrten und kann auf unterschiedlichen Streckenprofilen eine wichtige Rolle übernehmen.
Bei Movistar steht die Schweizerin Marlen Reusser im Mittelpunkt der Mannschaft. Lippert besitzt aber genügend Klasse, um eigene Chancen wahrzunehmen. Bei der Tour 2023 konnte sie eine Etappe gewinnen. Besonders interessant sind für die 28-Jährige die hügeligen Etappen sowie Rennsituationen, in denen sich eine kleine Gruppe vom Hauptfeld absetzt.
Lippert könnte in einem schweren Finale mit hohem Tempo arbeiten, ihre Kapitänin unterstützen oder selbst auf Etappensieg fahren. Ihre Stärke ist dabei nicht nur die Endgeschwindigkeit. Sie kann auch lange Anstiege und wellige Rennverläufe bewältigen, ohne auf ein einziges Streckenprofil festgelegt zu sein.
Die ersten Etappen rund um Lausanne und Genf dürften ihr entgegenkommen. Auch die Teilstücke fünf und sechs bieten Möglichkeiten, wenn das Rennen früh von Attacken und Ausreißversuchen geprägt wird. Die Streckenübersicht der Tour de France Femmes 2026 zeigt, dass die Rundfahrt mehr als nur einen Bergtag bereithält.
Franziska Koch fährt bei FDJ United-SUEZ zusammen mit Demi Vollering, die als eine der großen Favoritinnen auf das Gelbe Trikot gehandelt wird. Kochs Aufgaben werden deshalb stark vom Rennverlauf und der Position ihrer Kapitänin abhängen.
Die Deutsche bringt ein vielseitiges Profil mit. Sie kann auf welligen Straßen ein hohes Tempo fahren, in hektischen Rennsituationen wertvolle Positionen sichern und ihre Teamkolleginnen über längere Zeit unterstützen. Nach ihrem Sieg bei Paris-Roubaix Femmes und dem deutschen Meistertitel geht sie zudem mit wichtigen Erfolgen in die Rundfahrt.
Auf den schweren Etappen dürfte Koch zunächst vor allem für Vollering arbeiten. Sie kann vor entscheidenden Anstiegen das Tempo kontrollieren, Lücken schließen oder ihre Kapitänin in eine gute Position bringen. Sollte Vollering im Gesamtklassement gut platziert sein, wird Kochs Unterstützung besonders auf den Etappen mit vielen Richtungswechseln und Anstiegen gefragt sein.
Gleichzeitig ist Koch stark genug, um bei entsprechender Rennfreigabe selbst eine Rolle zu spielen. Eine Ausreißergruppe auf einer hügeligen Etappe wäre das wahrscheinlichste Szenario für einen eigenen Angriff. Ihre Chancen hängen dabei jedoch davon ab, wie viel Freiheit FDJ United-SUEZ im Kampf um das Gelbe Trikot gewährt.
Hannah Ludwig startet ein zweites Mal für Cofidis bei der Tour. Die ehemalige U23-Europameisterin im Zeitfahren bringt Erfahrung aus internationalen Rundfahrten mit und kann besonders in der Ebene, im Mannschaftsverbund und bei längeren Belastungen wertvoll sein.
Cofidis tritt mit einem vielseitigen Aufgebot an. Für Ludwig dürfte es vor allem darum gehen, die Mannschaft auf den flacheren und technisch anspruchsvollen Etappen zu unterstützen. Dazu gehören die Positionierung vor wichtigen Rennstellen, die Nachführarbeit in Verfolgergruppen und die Begleitung der Teamkolleginnen durch hektische Rennphasen.
Das Zeitfahren in Dijon ist für Ludwig ein besonderer Abschnitt. Die Strecke ist mit 21 Kilometern relativ kurz, enthält aber auch einen Anstieg (1,8 km mit 6,9%). Dadurch zählt nicht nur die reine Aerodynamik, sondern vor allem eine gute Tempogestaltung und die Fähigkeit, die Belastung über den gesamten Kurs konstant hochzuhalten.
Sollte Cofidis auf einer der hügeligen Etappen eine Fahrerin in eine Ausreißergruppe bringen wollen, könnte Ludwig eine Option sein. Ihre Erfahrung und ihre Fähigkeiten gegen die Uhr machen sie zu einer Fahrerin, die auch in längeren Fluchtgruppen einen Beitrag leisten kann.
Linda Riedmann fährt für Lotto-Intermarché und kehrt damit auf die große Bühne der Tour de France Femmes zurück. Die deutsche Fahrerin besitzt bereits Erfahrung bei der Rundfahrt (Teilnahme 2024) und wechselte zur Saison 2026 von Team Visma | Lease a Bike zu ihrem aktuellen Rennstall.
Ihre Rolle wird voraussichtlich stark von den Zielen der Mannschaft bestimmt. Lotto-Intermarché verfügt nicht über dieselbe Klassementtiefe wie die großen Favoritenteams. Für Riedmann kann das jedoch mehr taktische Möglichkeiten eröffnen.
Auf flacheren Etappen kann sie im Teamverbund arbeiten und ihre Mannschaftskolleginnen durch die entscheidenden Rennstellen bringen. Auf den welligen Teilstücken kommen zusätzlich Ausreißversuche infrage. Wenn Lotto-Intermarché eine Fahrerin in einer Fluchtgruppe platzieren möchte, könnte Riedmann eine wichtige Option sein.
Für sie geht es bei dieser Tour daher nicht nur um eine einzelne Platzierung. Entscheidend ist auch, ob sie sich im internationalen Feld behaupten und ihrem Team wiederholt taktische Möglichkeiten eröffnen kann.
Das deutsche Aufgebot deckt mehrere Rennrollen ab. Niedermaier ist die Fahrerin mit dem größten Potenzial für die Gesamtwertung. Lippert und Koch können auf schweren Etappen wichtige taktische Aufgaben übernehmen und bei entsprechender Freiheit selbst um vordere Platzierungen kämpfen.
Klöser, Ludwig und Riedmann stehen dagegen vor allem für Teamarbeit, Rennerfahrung und Vielseitigkeit. Gerade bei einer neuntägigen Rundfahrt sind diese Aufgaben entscheidend. Die Tour wird nicht nur am Mont Ventoux entschieden. Auch die Positionierung vor Anstiegen, das Verhalten bei Seitenwind und die Arbeit in Ausreißergruppen können den Rennverlauf beeinflussen.
Aktueller Stand: Die Angaben beziehen sich auf die am 31. Juli 2026 veröffentlichte bestätigte Startliste. Änderungen vor dem Start am 1. August sind weiterhin möglich.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.