Leon Weidner
· 16.07.2026
Die Tour de France gilt als das größte Radrennen der Welt. Milliarden Zuschauer verfolgen das Rennen, die besten Fahrer ihrer Generation kämpfen um Sekunden, Ruhm und das Gelbe Trikot. Umso erstaunlicher wirkt es, dass ein Thema jedes Jahr aufs Neue für Diskussionen sorgt: die Hotels.
Auch bei der diesjährigen Tour de France häufen sich die Berichte von Fahrern und Teams über mangelhafte Unterkünfte. Die Beschwerden reichen von fehlenden Klimaanlagen über mangelnde Sauberkeit bis hin zu Schimmel, Insekten und kaputten Einrichtungen. Besonders am Ruhetag im Zentralmassiv wurden die Zustände einiger Unterkünfte öffentlich diskutiert. Fahrer von Uno-X Mobility, Alpecin-Deceuninck und Picnic PostNL teilten Bilder und Videos, die kaum zu dem Prestige der Tour de France passen. Teilweise entschieden sich Profis sogar dazu, lieber auf Balkonen oder Terrassen zu schlafen als in ihren Zimmern.
Für die Fans sind die Hotels inzwischen fast genauso spannend wie manche Rennetappe. Daran hat vor allem Magnus Cort großen Anteil. Der Däne vom Team Uno-X Mobility bewertet seit Jahren regelmäßig seine Tour-de-France-Unterkünfte auf Instagram. Unter den Hashtags #RoomsAndRatings und #ItsHardToBeACyclist vergibt er Sterne für die Zimmer, in denen er übernachtet. Allerdings nicht etwa im üblichen Fünf-Sterne-System, sondern auf einer Skala von eins bis sieben Sternen.
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Das Besondere dabei: Cort nimmt die Sache mit bemerkenswert viel Humor. Statt sich nur zu beschweren, liefert er kleine Hotelkritiken inklusive Fotos und spitzer Kommentare. Mal geht es um fehlende WLAN-Verbindungen, mal um merkwürdige Sanitäranlagen, kaputte Duschen oder die berühmte fehlende Klobürste. Trotz aller Kritik schwingt dabei meist eine gehörige Portion Ironie mit. Gerade deshalb erfreuen sich seine Bewertungen großer Beliebtheit. Sie geben Fans einen seltenen Einblick in den Alltag der Profis abseits der Rennstrecken.
Besonders aufsehenerregend fiel Corts Bewertung über das Hotel am ersten Ruhetag aus. Hier übernachtete der Däne gleich zweimal und gab lediglich einen von sieben Sternen für seine Unterkunft im Skiort Le Lioran. Das Hotel war ihm noch von der letzten Tour-Ausgabe in Erinnerung geblieben. In seinem Fazit sprach er von einem der schlechtesten Orte, an denen er jemals übernachtet habe. Er berichtete von Schmutz, fehlender Klimaanlage, fehlendem WLAN sowie defekten Einrichtungsgegenständen. Selbst die positiven Aspekte seiner Unterkunft formulierte er mit gewohnt trockenem Humor.
Besonders bemerkenswert: Cort war mit dieser Einschätzung keineswegs allein. Auch andere Fahrer und Teams beklagten die hygienischen Zustände. Berichte über Spinnweben, tote Insekten und verschmutzte Zimmer machten schnell die Runde. Einige Fahrer zogen es vor, unter freiem Himmel zu schlafen.
Die offensichtliche Frage lautet: Wie kann es sein, dass die besten Radprofis der Welt in Unterkünften übernachten müssen, die teilweise nicht einmal durchschnittlichen Urlaubsstandards entsprechen?
Die Antwort liegt in der besonderen Struktur der Tour de France. Anders als viele andere Sportveranstaltungen führt die Tour jeden Tag an einen anderen Ort. Für jede Etappe müssen rund 1850 Betten für Fahrer, Betreuer, Journalisten und Organisationsmitarbeiter gefunden werden. Besonders in abgelegenen Regionen Frankreichs stößt die ASO als Veranstalter dabei regelmäßig an Grenzen. Hochwertige Hotels stehen dort schlicht nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung.
Gerade in Bergregionen oder ländlichen Gegenden muss die Organisation deshalb auf Unterkünfte zurückgreifen, die normalerweise nicht darauf ausgelegt sind, mehrere WorldTour-Teams gleichzeitig zu beherbergen.
Tour-Direktor Christian Prudhomme hat auf die jüngsten Beschwerden inzwischen reagiert. Der Franzose verteidigte das bestehende System und verwies darauf, dass die Tour bewusst durch abgelegene und landschaftlich reizvolle Regionen Frankreichs führe. Wer spektakuläre Etappen in den Bergen und auf den schönsten Straßen des Landes wolle, müsse akzeptieren, dass dort nicht überall Luxushotels zur Verfügung stünden.
Vor allem aber hob Prudhomme einen anderen Punkt hervor: die Fairness. Die ASO weist die Hotels den Teams selbst zu. Dadurch soll verhindert werden, dass finanzstarke Mannschaften sich Vorteile verschaffen, während kleinere Teams mit schlechteren Optionen vorliebnehmen müssen. Nach Angaben Prudhommes wird darauf geachtet, dass am Ende der Tour jedes Team auf eine vergleichbare Gesamtzahl an Hotelsternen kommt. Auch die Transferwege zu Start- und Zielorten werden möglichst gleich verteilt.
Genau hier beginnt allerdings die eigentliche Diskussion. Denn die Gleichverteilung der Hotelkategorien beantwortet zwar die Frage nach der Fairness zwischen den Teams. Sie beantwortet aber nicht die Frage nach der Qualität der Unterkünfte selbst.
Wenn mehrere Teams in einer Unterkunft ohne funktionierende Klimaanlage, mit mangelhafter Hygiene oder beschädigter Ausstattung untergebracht werden, dann mag das zwar für alle gleichermaßen gelten. Besser wird die Unterkunft dadurch jedoch nicht.
Gerade in Zeiten, in denen die körperlichen Belastungen der Tour de France immer größer werden und die Fahrer zunehmend mit extremer Hitze kämpfen, gewinnt die Regeneration an Bedeutung. Schlafqualität ist längst ein leistungsentscheidender Faktor. Viele Teams investieren Millionenbeträge in Ernährung, Material, Aerodynamik und Recovery-Maßnahmen. Umso widersprüchlicher wirkt es, wenn Fahrer anschließend in Hotels landen, die ihren grundlegenden Ansprüchen kaum gerecht werden.
Für Magnus Cort bleibt das Ganze trotzdem vor allem eine Quelle für Unterhaltung. Mit seinen Bewertungen hat der Däne einen der charmantesten Nebenschauplätze der Tour geschaffen. Während andere Fahrer über Wattwerte, Taktik oder Material sprechen, verwandelt er Hotelzimmer in Geschichten. Und vielleicht liegt genau darin der Grund, warum seine Instagram-Beiträge so beliebt sind.
Sie zeigen eine Seite der Tour de France, die Fans normalerweise nie zu sehen bekommen: Hinter den Hochglanzbildern des größten Radrennens der Welt warten manchmal eben doch nur kaputte Duschköpfe, fehlendes WLAN und nur ein Stern von sieben möglichen.

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