Die Tour de France lebt von ihren Mythen und kaum ein Ort steht so sehr für Drama, Wendungen und legendäre Duelle wie Alpe d’Huez. Wenn auf den Etappen 19 und 20 das berühmte Bergmassiv angesteuert wird, erwarten Fans traditionell die finale Entscheidung im Gesamtklassement. Doch in diesem Jahr deutet einiges darauf hin, dass dieser Moment bei der Frankreich-Rundfahrt womöglich schon deutlich früher gefallen sein könnte.
Tadej Pogačar präsentiert sich so stark wie nie zuvor. Der Slowene wirkt aktuell in einer Form, die selbst seine größten Konkurrenten vor enorme Probleme stellt. Insbesondere Jonas Vingegaard, sein wohl schärfster Rivale der vergangenen Jahre, scheint derzeit nicht die Mittel zu haben, um konstant mitzuhalten.
Bereits im Vorjahr hatte Pogačar früh ein Ausrufezeichen gesetzt, als er sich nach dem Einzelzeitfahren auf der 5. Etappe einen Vorsprung auf Vingegaard erarbeitete. Ein Szenario, das sich in ähnlicher, womöglich sogar klarerer Form, wiederholen könnte.
Schon der Auftakt der Tour hat es in sich: Das schwere Mannschaftszeitfahren in Barcelona sorgt früh für erste Abstände. Doch die wohl entscheidende erste Nagelprobe folgt bereits auf der 6. Etappe mit dem Col du Tourmalet.
Ein Klassiker, der gnadenlos selektiert. Der Schlussanstieg über 18,7 Kilometer mit 3,7 Prozent im Schnitt könnte ein Solo für Tadej Pogačar bedeuten und bietet Raum für taktische Spielchen ebenso wie für weitere Zeitverluste. Hier könnten nicht nur Sekunden, sondern bereits Minutenabstände entstehen. Sollte Pogačar hier seine aktuelle Dominanz ausspielen, könnte er früh ein komfortables Polster herausfahren.
Die zweite große Vorentscheidung droht im weiteren Rennverlauf. Die 15 Etappe der Tour de France, zum Plateau de Solaison und das anschließende Zeitfahren am Genfer See sind weitere Möglichkeiten um Zeitabstände größer werden zu lassen. Diese Kombination ist prädestiniert dafür, bestehende Unterschiede im Klassement massiv auszubauen. Gerade Pogačar gilt sowohl im Hochgebirge als auch im Zeitfahren als einer der Komplettesten im Feld. Ein Vorsprung im mittleren einstelligen Minutenbereich erscheint daher absolut realistisch. Ein solcher Abstand würde damit die Dynamik der letzten Tourwoche grundlegend verändern.
Offiziell richtet sich der Fokus weiterhin auf die Etappen 19 und 20 rund um Alpe d’Huez. Doch die Frage drängt sich auf: Ist das Gesamtklassement zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch offen? Natürlich fällt die endgültige Gewissheit über den Toursieger erst dort. Doch die eigentliche Entscheidung könnte längst gefallen sein. Sollte Pogačar bis dahin klar führen, würden die ikonischen Anstiege eher zur Bühne für Angriffe ohne große Erfolgsaussichten im Gesamtklassement. Die Etappen würden damit nicht an Bedeutung verlieren, wohl aber ihren Charakter verändern.
Ein früh entschiedenes Gesamtklassement bei der Tour de France öffnet gleichzeitig neue Türen. Klassische Kletterspezialisten würde dies besonders freuen, da sie womöglich eine echte Chance auf den Etappensieg bekommen könnten. Man erinnere sich etwa an den spektakulären Erfolg von Valentin Paret-Peintre am Mont Ventoux 2025, ein Beispiel dafür, wie sich Chancen ergeben, wenn die großen Favoriten primär auf das Gesamtklassement schauen. Auch in Alpe d’Huez könnten dann Fahrer gewinnen, die nicht Pogačar oder Vingegaard heißen.
Werkstudent
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