Daniel Brickwedde
· 07.07.2026
Pascal Ackermann geht in seine dritte Tour de France. Ein Etappensieg fehlt dem 32-Jährigen nach wie vor in seiner Vita. Vor dem Start der Rundfahrt sprach Ackermann mit TOUR über seine Chancen, warum er Einzelkämpfer ist und er die Tour für das sicherste Rennen des Jahres hält.
Für Pascal Ackermann beginnt die Tour de France im Prinzip erst mit der 5. Etappe nach Pau. Daraus macht der 32-Jährige am Freitagmorgen keinen Hehl, als er vor dem Tour-Start in Barcelona mit TOUR spricht. Die ersten Etappen seien einerseits zu anspruchsvoll, andererseits erwarte Ackermann dort früh einen „Showdown“ der großen Namen.
„Matti (Mathieu van der Poel, Anm. d. Red.) hat schon gesagt, dass er auf den ersten Etappen um das Gelbe Trikot fahren will. Wenn er losfährt, halte ich mich lieber zurück und spare Kräfte. Das Level ist bei der Tour so hoch, dass man sich keine Experimente erlauben und seine Körner nicht zu früh verschießen kann“, sagt Ackermann und fügt an: „Man muss sich seine Etappen ganz gezielt aussuchen.“
Im Fall von Ackermann wäre das beispielsweise die fünfte Etappe: ein größtenteils flaches Teilstück über 158 Kilometer mit drei Bergwertungen auf den letzten 40 Kilometern. Ein Profil, das Ackermann womöglich mehr entgegenkommt als manch anderem Sprinter. Immerhin hat der ehemalige deutsche Meister in der Vergangenheit bewiesen, dass ihn nicht jeder Hügel in Bedrängnis bringt. Sind also Kletterbeine wichtiger als Sprinterbeine, um eine Etappe zu gewinnen?
„Ich glaube, es braucht einen guten Mix aus beidem. Man muss jede Chance nutzen, die man hat. Und ich werde es definitiv auf allen Etappen versuchen, bei denen ich dabei bin“, so Ackermann. Trotzdem braucht es eventuell mehr den Kopf als die Beine, um auf ausgewählten Etappen als Mannschaft ein Momentum zu kreieren. Die etwas hügeligeren Etappen könnten das erforderliche Profil bieten.
Das weiß auch der Deutsche. Mit Blick auf seine Aussichten gegen die derzeitigen Topsprinter Tim Merlier (Soudal Quick-Step) und Jasper Philipsen (Alpecin–Deceuninck) ist er zumindest realistisch: „Im Eins-gegen-eins-Duell werde ich sie nicht schlagen. Das ist mir bewusst. Es liegt aber in der Natur der Tour de France, dass alles passieren kann und es Überraschungen geben wird“, sagt Ackermann. Defekte, Stürze, Rückstände oder schlicht eine schlechte Positionierung im Finale – Unwägbarkeiten gibt es in einem Sprintfinale schließlich genug.
Für Ackermann ist es inzwischen die dritte Tour de France. Lange hatte er auf eine Teilnahme warten müssen, seit 2024 ist er jedoch jedes Jahr dabei. Ein Gefühl von Routine ist aber weiterhin nicht vorhanden, sagt Ackermann, dafür sei die Tour zu groß. Was ihn zudem weiter antreibt, ist der Traum von einem Etappensieg. 2024 landete Ackermann zweimal auf Platz drei, im Vorjahr kam ein vierter Etappenrang hinzu. Für bessere Resultate wechselte er über den Winter das Team und trägt nun das lilafarbene Trikot der australischen Equipe Jayco–AlUla. Ein Schritt, der ihm nach eigenem Bekunden gutgetan hat.
„Wir haben extrem viele Deutschsprachige hier, was richtig geil ist und was Spaß macht“, sagt Ackermann mit Blick auf seine Teamkollegen Felix Engelhardt, Jasha Sütterlin und den deutsch-schweizerischen Fahrer Mauro Schmid. Weiter sagt er: „Und es ist die australische Mentalität. Alle sind entspannt, was einfach Ruhe und Gelassenheit hineinbringt. Trotzdem ist der Fokus da. Ich habe aber meine Freiheiten und meine Ziele. Das sind Dinge, die man nicht in jedem Team bekommt.“
Das Frühjahr verlief für ihn indes noch ausbaufähig, unter anderem weil seine beiden Sprinthelfer Luka Mezgec und Amaury Capiot nach Stürzen länger ausfielen. Für die Tour ist Ackermann nun quasi ein Einzelkämpfer im Team, wenn es um die Sprints geht, worin er aber kein größeres Problem sieht: „Ich sage es mal so: Als Einzelkämpfer nimmt es auch etwas den Druck, weil du deine eigenen Entscheidungen triffst, wie du fahren willst. Mir fällt es ohnehin nicht schwer, mich allein durch das Feld zu bewegen, da ich es von früher gewohnt bin. Einzig, wenn ich im Finale mal selbst vorfahren muss, kostet das ein paar Körner.“
Grundsätzlich fühle er sich aber vorbereitet. „Die Beine sind gut, und die Vorbereitung seit dem Giro ist gut verlaufen“, sagt Ackermann. Stichwort Giro: Dort echauffierte er sich nach der 3. Etappe über das Sprintverhalten der Konkurrenz. „Die sind alle bescheuert“, sagte Ackermann damals ins Eurosport-Mikrofon. Zuvor war er im Sprintfinale vom Esten Madis Mihkels (EF Education–EasyPost) gefährlich nahe an die Bande gedrückt worden.
Für die Tour de France ist Ackermann aber entspannter. „Man darf nicht vergessen, dass bei der Tour viele ältere Fahrer am Start stehen und all die großen Namen. Also klar, es wird gekämpft, weil es die Tour de France ist. Aber du hast viel weniger junge Fahrer dabei, denen alles egal ist und die noch nicht die Rennerfahrung haben. Es geht nicht, dass bei 70 km/h jemand den Ellenbogen rausstellt. Bei der Tour ist es anders. Mit meiner Erfahrung aus den vergangenen beiden Jahren würde ich sagen, dass die Tour de France eigentlich das sicherste Rennen ist, das wir im Jahr fahren.“
Ein Sieg fehlt Ackermann in dieser Saison noch im Trikot von Jayco–AlUla. Der letzte Erfolg liegt ohnehin bereits mehr als ein Jahr zurück: am 1. Mai 2025 bei der Classique Dunkerque. Eine Durststrecke, die Ackermann, immerhin bereits Etappensieger beim Giro d’Italia und bei der Vuelta a España, nur zu gerne beenden würde. Doch ein Rennen zu gewinnen, sei schwieriger geworden, sagt er. Alles müsse perfekt laufen. Für die Tour de France bleibt er trotzdem optimistisch. „Wenn ich eine Etappe bei der Tour de France gewinnen würde, würde ich fast alle anderen Siege dafür hergeben“, sagt Ackermann und lacht. Wie seine Chancen stehen, wird sich ab Etappe fünf zeigen, wenn die Tour für Ackermann richtig beginnt.
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