Sebastian Lindner
· 24.07.2026
Was für eine Etappe hat die A.S.O. den Fahrern da am vorletzten Tag der Rundfahrt vorgesetzt? 171 Kilometer, 5450 Höhenmeter, drei Anstiege der hors catégorie - lange gab es bei der Tour kein Teilstück mehr, dass die Bezeichnung Königsetappe mehr verdient hätte. Dabei könnte alles so einfach sein. Denn der Tag beginnt in Le Bourg d’Oisans und endet - wie an dem zuvor - in Alpe d’Huez. Doch anstatt einfach nur die legendären 21 Kehren zu fahren, wie es etwa bei einem Bergzeitfahren 2004 der Fall war, nimmt die Route einen anderen Verlauf.
Zunächst führt die Strecke nach Norden durch das Tal der Romanche, durch Allemond und am Lac de Verney vorbei. Der Kurs ist klar: Es geht über den Col du Glandon zum Col de la Croix de Fer (HC). 24 Kilometer mit 5,2 Prozent bedeutet das. Oben angekommen, heißt es: direkt wieder runter. Nach Saint-Jean-de-Maurienne. Kurz darauf wartet der Zwischensprint, dann geht es weiter nach Saint-Michel-de-Maurienne. Dort beginnt der Anstieg zum Col du Télégraphe (1. Kategorie), der hinauf zum Dach der Tour, dem Col du Galibier (HC), verlängert wird.
30 Kilometer bergauf, lediglich getrennt von einer kleinen Zwischenabfahrt, sind notwendig, um auf 2642 Metern über dem Meer das Souvenir Henri Desgrange zu bekommen. Das bekommt aber nur der Erste, der oben am Galibier ankommt. Jeder, der die Tour beenden will, muss da rüber. Und auch wieder runter. Über den Col du Lautaret geht es runter nach Mizoen auf eine Höhe von 1136 Metern, bevor noch eine weitere Herausforderung wartet. Und die ist brandneu.
Erstmals in der Geschichte der Tour führt eine Etappe den Col de Sarenne (HC) hinauf und dann weiter nach Alpe d’Huez, wo die Strecke im Hauptort Huez auf die übliche Strecke trifft und die letzten drei Kehren wie am Vortag ins Ziel nimmt. Dieser Weg wurde 2013 bisher nur abwärts unter die Räder genommen. 12,8 Kilometer lang ist der Anstieg über den Sarenne, 7,3 Prozent steil. Vom höchsten Punkt bis ins Ziel sind es noch 14 Kilometer.
Weil sich der Col du Sarenne in der Pufferzone zu einem Nationalpark befindet, gab es im Vorfeld Diskussionen und auch eine Petition, die Königsetappe abzuändern. Menschenmassen und Hubschrauber könnten die ohnehin gestresste Natur inklusive ihrer Tierwelt zu sehr schaden. Letztlich wich die A.S.O. nicht von ihrem Plan ab, den Berg im Programm zu lassen. Immerhin soll die Anzahl der Zuschauer auf dem Streckenabschnitt beschränkt werden.
Die vorletzte Etappe der Tour sucht in dieser Saison ihresgleichen. Vor allem zu diesem späten Zeitpunkt in der Rundfahrt kann hier alles passieren. Vom Husarenritt hin zum kompletten Einbruch - diese Strecke kann zur Bühne für Besonderes jeder Art werden. Allerdings: Wer hier zum Heldenstück mit früher Attacke ansetzen will, muss entweder verzweifelt sein oder nichts zu verlieren haben. Erfolgversprechend dürften Attacken - ist der Tagessieg oder ein Spitzenplatz im Klassement das Ziel - frühestens auf den letzten Kilometern des Galibier sein.
Mit Blick auf die Gesamtwertung dürften allerdings mehr Profis mit ihren Ergebnissen zufrieden sein als andersherum. Im Kampf ums Podium sind die Abstände zudem eher klein, weshalb eine Attacke am Sarenne diesbezüglich eher wahrscheinlich scheint, um das Risiko eines Einbruchs gering zu halten. Und wahrscheinlich wird der Tagessieger auch einer sein, der im Klassement noch eine Rolle spielt. Den Sieg auf der prestigeträchtigen Königsetappe wird sich Tadej Pogacar (UAE Team Emirates - XRG) kaum nehmen lassen wollen.
Dennoch wird für ein frühes Spektakel gesorgt sein. Grund dafür ist der Kampf ums Bergtrikot. Maximal 70 Punkte könnte ein Fahrer allein auf dieser Etappe sammeln. So viele hatte Pogacar als Führender der Bergwertung nach 18. Etappen auf seinem Konto. Das größte Interesse daran werden aber Richard Carapaz (EF Education - EasyPost) und Valentin Paret-Peintre (Soudal Quick-Step) haben. Beide sind für ihre offensive Fahrweise bekannt und werden es sich kaum nehmen lassen, schon am Col de la Croix de Fer in Erscheinung zu treten.
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