Leon Weidner
· 02.07.2026
Die Tour de France steht auch in diesem Jahr ganz im Zeichen eines Duells, das den Radsport seit Jahren prägt: Tadej Pogačar gegen Jonas Vingegaard. Die beiden Ausnahmekönner haben die vergangenen sechs Austragungen des größten Radrennens der Welt unter sich aufgeteilt und vieles deutet darauf hin, dass die beiden auch diesmal um den Sieg fahren. Doch ihre Favoritenrolle ergibt sich längst nicht nur aus vergangenen Siegen, sondern vor allem aus ihrer außergewöhnlichen Qualität, ihrer Konstanz und ihrer taktischen Überlegenheit.
Tadej Pogačar fährt derzeit in einer eigenen Liga. Der Slowene hat eine beeindruckende Serie hingelegt: Seit drei Jahren beendet er jede Rundfahrt, an der er teilnimmt, auf dem obersten Podiumsplatz. Diese Konstanz auf höchstem Niveau ist im modernen Radsport beispiellos und unterstreicht seine Ausnahmestellung eindrucksvoll.
Was Pogačar so besonders macht, ist seine Vielseitigkeit. Er ist nicht nur ein herausragender Kletterer, der in den Hochgebirgen Zeit gutmachen kann, sondern auch ein exzellenter Zeitfahrer und zudem extrem antrittsstark. Diese Kombination erlaubt es ihm, in nahezu jeder Rennsituation entscheidende Akzente zu setzen. Ob explosive Attacken an steilen Rampen oder strategische Zeitgewinne im Zeitfahren, Pogačar findet immer wieder Wege, seine Konkurrenz unter Druck zu setzen.
Hinzu kommt seine Rennintelligenz. Pogačar liest Rennen wie kaum ein anderer Fahrer, erkennt Schwächen seiner Gegner und nutzt sie konsequent aus. Dazu kommt ein starkes Team, das ihn in den entscheidenden Momenten unterstützt, ohne ihm dabei die Freiheit zu nehmen, selbst offensive Entscheidungen zu treffen. All das macht ihn zum derzeit komplettesten Rundfahrer der Welt.
Jonas Vingegaard steht im Schatten des Slowenen, zumindest in den vergangenen beiden Jahren, in denen er gegen Pogačar das Nachsehen hatte. Dennoch gilt der Däne weiterhin als zweitstärkster Fahrer im Peloton und als einziger Rivale, der Pogačar gefährlich werden könnte.
Auch Vingegaard zeichnet sich durch enorme Stärken in den Bergen aus. Er gehört zu den konstantesten Kletterern überhaupt und kann insbesondere an langen Anstiegen über mehrere Tage hinweg ein extrem hohes Niveau halten. Seine größte Stärke liegt dabei in seiner Ausdauer und seiner Fähigkeit, auch nach drei Wochen noch auf Topniveau zu fahren, ein entscheidender Faktor bei einer Grand Tour.
Ein weiterer Vorteil ist seine mentale Stärke. Vingegaard hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er Rückschläge verkraften und sich zurückkämpfen kann. Selbst wenn er kurzfristig Zeit verliert, bleibt er ruhig und fokussiert. Unterstützt wird er dabei von einem hervorragend organisierten Team, das taktisch äußerst diszipliniert agiert und ihm insbesondere in den Bergen ein beinahe perfektes Umfeld bietet. Mit seinem Sieg beim Giro d’Italia hat er in diesem Jahr einen anderen Weg als zuvor gewählt. Ob diese Herangehensweise aufgeht zeigt sich in den hohen Bergen, spätestens wenn es nach Alpe d’Huez hinauf geht.
Abseits ihrer jüngsten Siegesserien gibt es mehrere Gründe, warum Pogačar und Vingegaard als klare Favoriten gelten. Zum einen ist es die Lücke, die sie zur restlichen Konkurrenz aufgerissen haben. Andere Topfahrer können zwar einzelne Etappen gewinnen oder in bestimmten Bereichen mithalten, doch über drei Wochen hinweg fehlt ihnen oft die Konstanz, um ernsthaft um den Gesamtsieg zu kämpfen.
Zum anderen verfügen beide über eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit. Die Tour de France verlangt nicht nur Höchstleistungen, sondern auch die Fähigkeit zur schnellen Regeneration, eine Stärke, die sowohl Pogačar als auch Vingegaard in Perfektion beherrschen. Sie verlieren kaum Zeit durch Schwächephasen, während andere Fahrer genau daran scheitern.
Nicht zuletzt spielt auch die Teamstruktur eine entscheidende Rolle. Beide Kapitäne können sich auf Mannschaften verlassen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind – mit starken Helfern für die Berge, kontrollierten Rennsituationen und klar definierten Rollen.
Auch wenn Pogačar aktuell wie der dominierende Fahrer wirkt, ist das Duell keineswegs entschieden. Vingegaard hat numal schon mehrfach bewiesen, dass er in Topform in der Lage ist, den Slowenen zu schlagen. Entscheidend werden Tagesform, Rennverlauf und möglicherweise auch unvorhersehbare Faktoren wie Wetter oder Stürze sein.
Eines jedoch steht fest: Die Tour de France 2026 wird erneut von diesem außergewöhnlichen Zweikampf geprägt sein. Zwei Fahrer, die den Sport auf ein neues Niveau gehoben haben und die gemeinsam dafür sorgen, dass die Jagd nach dem Gelben Trikot spannender bleibt als je zuvor. Vergessen darf man die übrigen Klassementfahrer jedoch nicht, die trotz der Dominanz der beiden Topstars durchaus eine realistische, wenn auch kleinere, Chance auf den Gesamtsieg besitzen.

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