Tour de France 2026Hat Pogačar die Tour im Schlaf gewonnen?

Lukas Niebuhr

 · 30.07.2026

Tour de France 2026: Hat Pogačar die Tour im Schlaf gewonnen?Foto: Getty Images / Dario Belingheri
Tour de France 2026: Hat Pogačar die Tour im Schlaf gewonnen?
Tadej Pogačar gewinnt Rennen oft mit einer Selbstverständlichkeit, die Beobachter ratlos zurücklässt. Angriffe, bei denen andere Fahrer explodieren, scheinen ihn kaum zu erschüttern. Doch was unterscheidet den Slowenen tatsächlich von seinen Konkurrenten? Eine umfangreiche Auswertung von WHOOP liefert nun einen seltenen Einblick hinter die Kulissen der wohl dominantesten Rundfahrt-Maschine der Gegenwart.

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Über einen Zeitraum von sechs Monaten analysierte WHOOP mehr als 1400 Fahrernächte von sieben Profis des UAE Team Emirates. Die Datensammlung reicht von der Wintervorbereitung bis tief in die Tour de France hinein und offenbart dabei ein bemerkenswertes Bild: Pogačar ist nicht einfach nur fitter als andere. Er scheint seinen Körper vor allem besser kontrollieren und zum entscheidenden Zeitpunkt in Bestform bringen zu können.

Schon die Basiswerte sind außergewöhnlich

Wer einen ersten Hinweis auf die Klasse eines Ausdauersportlers sucht, blickt häufig auf den Ruhepuls. Bei Pogačar liegt dieser bei gerade einmal 42 Schlägen pro Minute. Zum Vergleich: Altersgleiche WHOOP-Nutzer kommen im Durchschnitt auf 59 Schläge. Noch deutlicher wird der Unterschied bei der Herzfrequenzvariabilität, kurz HRV. Sie gilt als wichtiger Indikator für Regeneration, Anpassungsfähigkeit und die Belastbarkeit des autonomen Nervensystems. Während der durchschnittliche Nutzer auf 66 Millisekunden kommt, erreicht Pogačar 100 Millisekunden.

Auch nachts arbeitet der Weltklassefahrer an seinem Vorsprung. Im Schnitt schläft er 26 Minuten länger als vergleichbare WHOOP-Nutzer und erzielt beim Sleep Consistency Score 19 Punkte mehr. Sein biologisches WHOOP-Alter liegt dadurch sogar zwölf Jahre unter seinem tatsächlichen Alter (27).

Entscheidend ist nicht die Form, sondern der Zeitpunkt

Beeindruckend ist allerdings: Innerhalb des UAE-Kaders wirkt Pogačar zunächst gar nicht wie ein Ausreißer. Viele Teamkollegen bewegen sich ebenfalls auf einem physiologisch extrem hohen Niveau. Der Unterschied entsteht an anderer Stelle. Die Analyse zeigt, dass alle sieben Fahrer denselben Fahrplan absolvierten. Auf intensive Trainingsblöcke folgte die Tour de Suisse als letzte große Belastungsprobe vor der Tour de France. Anschließend begann das klassische Tapering, also die kontrollierte Reduzierung der Trainingsbelastung.

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Interessanterweise befand sich Pogačar zunächst sogar in einem kleinen Loch. Seine HRV fiel auf 88 Millisekunden, die Recovery-Werte auf 43 Prozent. Doch während viele Fahrer in dieser Phase lediglich ausgeruht werden, scheint Pogačar regelrecht zu explodieren. Pünktlich zum Start der Tour erreichte er seine Saisonbestwerte:

  • HRV: 121 ms
  • Ruhepuls: 38,2 bpm
  • Recovery: 78 %

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Recovery. Vom “Tiefpunkt” bis zum Tourstart verbesserte sie sich um 79 Prozent. Der zweitbeste Teamkollege kam lediglich auf 44 Prozent. Die Botschaft dahinter: Spitzenfahrer unterscheiden sich häufig nicht dadurch, dass sie im Frühjahr die besten Werte haben. Sie schaffen es, ihre höchsten Werte genau dann abzurufen, wenn in Frankreich das größte Radrennen der Welt beginnt.

Die erstaunliche Konstanz des Champions

Während einer dreiwöchigen Rundfahrt geraten viele Körper in einen permanenten Krisenmodus. Schlafqualität schwankt, Stress steigt, die Regeneration leidet. Nicht bei Pogačar. Während der Tour schlief er durchschnittlich 8,1 Stunden pro Nacht. Das ist sogar deutlich mehr als während seiner unmittelbaren Vorbereitungsphase, in der er auf 6,9 Stunden kam.

Noch interessanter ist seine Stabilität. Die HRV-Variabilität lag bei lediglich 13,4 Prozent. Im Teamdurchschnitt betrug dieser Wert 19,4 Prozent. Das klingt zunächst wie eine kleine statistische Randnotiz, ist aber möglicherweise einer der wichtigsten Faktoren überhaupt. Denn geringe Schwankungen bedeuten, dass der Organismus selbst unter extremen Belastungen erstaunlich konstant arbeitet. Der Körper gerät seltener aus dem Gleichgewicht und bleibt berechenbar. Kurz gesagt: Andere Fahrer fahren auf der Rasierklinge. Pogačar scheint auf einer breiteren Straße unterwegs zu sein.

Wenn es hart wird, wird Pogačar noch besser

Besonders aufschlussreich sind die Daten seiner Etappensiege. Auf den Tagen, an denen er gewann, verbrachte Pogačar durchschnittlich 89 Minuten in den hohen Herzfrequenzzonen 4 und 5. Seine Teamkollegen kamen auf denselben Etappen lediglich auf 34 Minuten. Das bedeutet: Der Slowene hält deutlich länger jene Intensitäten, bei denen andere Fahrer bereits tief im roten Bereich unterwegs sind.

Auch die Belastungswerte, die WHOOP als „Strain" bezeichnet, zeigen ein ähnliches Bild. Die härtesten Tage seiner Tour waren die Etappen 2, 3, 6, 7, 10 und 20. Hier erreichte er Werte zwischen 20,5 und 20,7 auf der Skala. Selbst die Ruhetage wirkten mit Strain-Werten von 11,6 und 10,2 aus Sicht normaler Menschen eher wie Trainingseinheiten. Seine höchste registrierte Herzfrequenz betrug 198 Schläge pro Minute auf Etappe 10.

Vier Stunden Schlaf? Kein Problem

Eine Szene verdeutlicht vielleicht besser als jede Statistik, warum Pogačar derzeit das Maß aller Dinge ist. Nach seinem Sieg auf Etappe 14 wurde der Tag durch eine nächtliche Dopingkontrolle verlängert. Statt einer erholsamen Nacht blieben ihm lediglich vier Stunden Schlaf. Für viele Fahrer wäre das ein physiologischer Albtraum. Bei Pogačar zeigte die Uhr am nächsten Morgen dennoch eine Recovery von 62 Prozent. Auch die HRV blieb erhöht. Natürlich kann niemand Schlaf dauerhaft ersetzen. Doch die Daten legen nahe, dass sein Körper selbst auf kurzfristige Störungen außergewöhnlich robust reagiert.

Was Hobbyfahrer daraus lernen können

Die spannendste Erkenntnis dieser Analyse lautet nicht, dass Pogačar einen Ruhepuls von 42 hat oder eine HRV von 121 Millisekunden erreicht. Solche Werte sind für die meisten Menschen ohnehin unerreichbar. Viel interessanter ist etwas anderes: Seine Stärke entsteht offenbar aus drei Faktoren:

Erstens besitzt er eine außergewöhnliche aerobe Basis. Zweitens bringt er seinen Körper punktgenau in Form. Und drittens hält er diese Form über Wochen erstaunlich stabil.

Die Daten zeigen damit ein Bild, das viele Trainer seit Jahren beschreiben: Große Champions gewinnen nicht nur wegen ihrer Spitzenwerte. Sie gewinnen, weil sie Spitzenwerte genau dann abrufen können, wenn sie gebraucht werden. Oder anders formuliert: Viele Fahrer können kurzzeitig so hart fahren wie Tadej Pogačar. Das Problem aus Sicht der Anderen ist nur, dass Pogačar es am nächsten Tag wieder kann. Und am Tag danach gleich noch einmal.

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Lukas Niebuhr

Lukas Niebuhr

Redakteur

Lukas Niebuhr ist gebürtige Bielefelder, studiert an der Deutschen Sporthochschule Köln im Master Sport, Medien- und Kommunikationsforschung und arbeitet als Werkstudent in der Online-Redaktion für BIKE und TOUR. In Köln fährt er gerne Gravelbike, seine Urlaube verbringt der Sportstudent am liebsten mit Skitouren oder auf dem (E-)MTB in den Bergen.

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