Rückblick Tour de France 2023Bilder, Emotionen und das Duell der Top-Stars

Andreas Kublik

 · 24.10.2023

Die Etappensieger der Tour de France 2023: 1. Etappe: Adam Yates
Foto: Getty Velo
Die 110. Tour de France war über weite Strecken ein spannendes Duell, das dem Rest des Pelotons kaum Luft zum Atmen ließ. Ein gereifter Jonas Vingegaard profitierte als Sieger vom Einbruch seines Rivalen Tadej Pogacar.

Tour de France 2023 - Das Duell

Der Kapitän funkte SOS. In höchster Not. “Ich habe abreißen lassen, ich bin tot”, sprach Tadej Pogacar ins Mikrofon des Team-Funkgeräts, als ihm klar wurde, dass er den Zweikampf gegen seinen Rivalen Jonas Vingegaard auf der 17. Etappe verloren hatte. Am Col de la Loze, dem längsten und härtesten Berg dieser Tour de France, der jenseits der 2000-Meter-Marke mit Rampen bis zu 20 Prozent Steigung seinem Ruf als Scharfrichter der Rundfahrt alle Ehre machte. Wer an diesem Berg einen schwachen Tag er­wische, der verliere nicht Sekunden, sondern Minuten – hatte es schon zuvor aus dem Peloton geheißen.

Der 24-jährige Slowene erlebte rund 14 Kilometer vor dem Ziel der Königsetappe den schlimmsten Leistungseinbruch seiner Karriere. Während der Däne im Gelben Trikot in den Serpentinen weiter oben enteilte, als würde die Krise des Rivalen ihm erst recht Beine machen. Jonas Vinge­gaard legte auf den wenigen Kilometern bis ins Ziel auf dem Flughafen in Courchevel seinen zweiten Tour-Sieg in Folge auf eine fast felsenfeste Basis und nahm dem schwächelnden Konkurrenten fast sechs Minuten ab.

“Die beiden sind so viel besser als der Rest”

Bis dahin hatten die beiden zwei Wochen lang wie Kletten aneinandergehangen – und schaffte es einer von beiden, sich vom anderen zu lösen, schlug der zurück. Erst ließ in den Pyrenäen Vorjahressieger Vingegaard seinen slowenischen Gegenpart am Col de Marie-Blanque chancenlos zurück – und für 24 Stunden schien die Tour früh entschieden. Doch Pogacar knabberte gleich tags darauf mit seinem Etappensieg bei der Bergankunft in Cauterets ­etwas vom Rückstand auf den Führenden wieder weg. Der Rest der Podiumskandidaten schien schon nach der sechsten Etappe abgeschlagen, chancenlos.

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“Die beiden sind so viel besser als der Rest”, urteilte Wout van Aert, Augenzeuge der Rivalität und Edelhelfer in Vinge­gaards Team Jumbo-Visma. Und der Verfolger raspelte Etappe für Etappe weiter am Vorsprung des Mannes in Gelb; ein paar Sekunden hier durch einen gewaltigen Antritt am Puy de Dome, ein paar Sekunden da mit einem Bergsprint am Grand Colombier. Danach das Patt in den Alpen. Vor dem zweiten Ruhetag lagen mickrige zehn Sekunden zwischen den beiden Besten.

Tour de France: Wenn es etwas zu holen gab, waren die beiden großen Rivalen dieser Tour unter sich, wie hier beim Sprint im Ziel in der Skistation Bettex bei Saint-Gervais. Oft ging es nur um Sekunden und psychologische VorteileFoto: Getty VeloTour de France: Wenn es etwas zu holen gab, waren die beiden großen Rivalen dieser Tour unter sich, wie hier beim Sprint im Ziel in der Skistation Bettex bei Saint-Gervais. Oft ging es nur um Sekunden und psychologische Vorteile

“Das ist modern cycling”, unkte Bora-Teamchef Ralph Denk angesichts des Rennverlaufs, “wenn Grand Tours über Bonussekunden entschieden werden.” Wie ein Eichhörnchen versuchte “Pogi”, jede Bonifikation einzusammeln, jede Unachtsamkeit des Gegners auszunutzen. 51 Sekunden zu 29 Sekunden – so lautete die Bilanz bei den Bonifikationen in Paris. Ohne Pogacars Einbruch hätte Denk mit seiner Prognose durchaus recht behalten können. Doch es kam anders.

Kühle Planung gegen Intuition

Das Peloton ächzte unter der Dominanz der beiden – das Niveau bei dieser Tour sei insgesamt höher als zuletzt, war von vielen Rennfahrern zu hören. Angehoben von den zwei superstarken Mannschaften Jumbo-Visma und UAE Team Emirates, die Tag für Tag fast immer alle Ausreißer wie riesige Staubsauger von der Landstraße wieder zurück ins Peloton saugten.

Die Eskorten der beiden Top-Stars fanden beinahe jeden Tag Argumente für die von ihnen angezettelte Raserei, die den anderen fast jede Aussicht auf Erfolg nahm: den Gegner vom Start bis ins Ziel zu testen, nach Schwächen zu suchen, einen möglichen Etappensieg fürs Team anzustreben, Allrounder Wout van Aert einen Sprint vorzubereiten – oder eben die Jagd auf Bonussekunden, die es nur ganz vorne gibt.



Die Gnadenlosigkeit hatte vielleicht auch damit zu tun, dass die Dominatoren auf keinen Fall ein weiteres Mal die Kontrolle verlieren wollten – wie Jumbo-Visma am zweiten Tag beim Sieg des Franzosen Victor Lafay, der einen verärgerten und um seine Chance gebrachten van Aert zurückließ. Oder wie bei der 5. Etappe, als es Team Bora-­Hansgrohe gelang, Jai Hindley in eine Ausreißergruppe zu manövrieren und der Australier sich Tagessieg und Gelbes Trikot schnappte.

Tour de France 2023: Vingegaard eins mit der Zeitfahrmaschine

Wenigstens waren die Kräfteverhältnisse am nächsten Tag wieder zurechtgerückt und Hindley bereits am Tourmalet lange vor dem Ziel abgehängt. Es wurde immer klarer, dass nur noch zwei Fahrer für den Triumph in Paris in Frage kamen. Einen ersten Wirkungstreffer landete der 26-jährige Vorjahressieger im Einzelzeitfahren der 16. Etappe, für das eigentlich sein härtester Gegner als Favorit gegolten hatte. Während Pogacar aber irgendwie leer und entkräftet wirk­te, einen lahmen Radwechsel für den Anstieg hinlegte, der schon wie eine frühe Kapitulation wirkte, brillierte Vingegaard.

Der Däne schien eins geworden mit seiner Zeitfahrmaschine – auf der er 1:38 Minuten Vorsprung bei etwas mehr als einer halben Stunde Fahrzeit herausfuhr. “Legendär. Zeig der Welt, dass du der Beste ist”, funkte sein Sportlicher Leiter Grischa Niermann an den Mann in Gelb. “Es war das beste Zeitfahren aller Zeiten”, fand der einstige Zeitfahr-Weltmeister Tom Dumoulin als Experte fürs niederländische Fernsehen.

Tour de France: Im Zeitfahren auf der 16. Etappe brillierte Jonas Vingegaard - ihm gelang der erste entscheidende Schlag gegen seinen DauerrivalenFoto: Getty VeloTour de France: Im Zeitfahren auf der 16. Etappe brillierte Jonas Vingegaard - ihm gelang der erste entscheidende Schlag gegen seinen Dauerrivalen

Gutes Pacing, schnelles Material und dazu die Menschmaschine Vingegaard, die laut Berechnung von TOUR-Testingenieur Robert Kühnen mit einem cwA-Wert von 0,18 Maßstäbe in Sachen Aerodynamik setzte. Kühle Planung und perfektionierte Vorbereitung gegen Intuition, Angriffslust und Jetzt-erst-recht-Mentalität – das war das Motto dieser Grande Boucle.

Letztlich siegte der Perfektionist – vermutlich auch, weil sein Gegner infolge der mehrwöchigen Renn- und Trainingspause nach einem Kahnbeinbruch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich doch nicht in Bestform war. Kein anderer Rennfahrer hätte mit dieser Vorbereitung ernsthaft um den Tour-de-France-Sieg kämpfen können, meinte der Trainer des Slowenen, der Krebs­forscher Inigo San Millan.

Tour de France 2023 - Ein gereifter Sieger

Wirkte Jonas Vingegaard bei seinem Erstlingswerk im Vorjahr noch hypernervös und in seinen Aktionen überhastet, schien er bei dieser Frankreich-Rundfahrt als Anführer des gelb-schwarzen Star-Ensembles in sich zu ruhen, agierte im Rennen aufmerksam, wirkte insgesamt gereift und in einigen Disziplinen verbessert – antrittsschneller in den Sprints, zu denen ihn der radelnde Lausbub aus Slowenien immer wieder herausforderte, und eben im Zeitfahren.

Natürlich weckte der überlegene Auftritt der beiden Top-Rundfahrer Zweifel. Er nehme nichts zu sich, was er nicht auch seiner kleinen Tochter Frida geben würde, betonte Vingegaard im Sinne einer Rechtfertigung. Selbst das umstrittene Stoffwechselwundermittel Ketone, mutmaßlich eines der Geheimrezepte für die Erfolge der Jumbo-Truppe, lehne der Däne ab, behauptete sein Teamchef Richard Plugge.

Sein Rivale hatte keine Beanstandungen, Pogacar musste nach drei Wochen Schlagabtausch einräumen: “Jonas war phänomenal. Er hatte zwei richtig gute Tage, an denen ich nicht mithalten konnte.” Der Sieger gab die Komplimente artig zurück: “Rivalitäten sind gut für den Radsport. Es war unglaublich hart, ihn zu knacken”, betonte der Tour-­Sieger bei der Abschluss-Pressekonferenz. “Ich komme zurück für den nächsten Kampf mit Jonas und Jumbo”, sagte der Unterlegene. Das Duell soll nur für dieses eine Mal entschieden sein.

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Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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