Tour de France Femmes 2026Material-Duell am Col d’Eze

Robert Kühnen

 · 09.08.2026

Der Tech-Briefing wird präsentiert von
Der Tech-Briefing wird präsentiert von
Tour de France Femmes 2026: Material-Duell am Col d’EzeFoto: Getty Images / Alex Broadway
Die letzte Etappe der Tour de France Femmes steht an. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 9. Etappe.

Vorhang auf zum Finale. Die Streckenplaner haben sich etwas Ungewöhnliches überlegt. Die letzte Etappe von und nach Nizza ist als kurzes Berg-Kriterium angelegt, 99,2 Kilometer. Keine Vor-Ermüdung, keine Vorgeplänkel. Die Action startet sofort nach dem Start. Das Strecken-Layout verspricht höchste Spannung bis zum Schluss, zumal der Schlussanstieg einen direkteren, steileren Weg auf den Col d’Eze nimmt als die Runden zuvor. Bergauf sind im letzten Durchgang kurzzeitig bis zu 13 Prozent zu meistern. 491 Höhenmeter pro Runde sind grundsätzlich selektiv. Aber nicht nur bergauf ist Spannung geboten. Das Ziel am Hafen von Nizza wird über eine schnelle Abfahrt angesteuert, die auch einige enge Kurven aufweist.

Egal ob der Kampf ums Klassement noch offen ist oder es „nur“ um den Etappensieg geht, das Rennen verspricht maximale Spannung.

Auf die Plätze, fertig, Action! Viermal rauf und runter, dann steht die Siegerin festFoto: A.S.O.Auf die Plätze, fertig, Action! Viermal rauf und runter, dann steht die Siegerin fest​Der Anstieg der letzten Runde ist steiler als die vorangehendenFoto: Nick Rotter​Der Anstieg der letzten Runde ist steiler als die vorangehenden

Die Zahl des Tages: 50 Sekunden

Unsere Simulation des Tages ist eine Attacke am Steilstück des Col d’Eze bei der letzten Überfahrt.

Welche Rolle spielt das Rad, um die Attacke in einen Etappensieg münden zu lassen?

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Im Steilstück zählt offensichtlich das Gewicht. Wer bei 13 Prozent antritt, will so wenig Rad wie möglich unter sich spüren. UCI-Mindestgewicht ist daher gesetzt. Im weiteren Verlauf wird die Steigung aber flacher und schließlich folgt noch die Abfahrt. Hier ist Tempo gefragt, also bestmögliche Aerodynamik.

Wer das Tech-Briefing bis hierhin verfolgt hat, weiß, was das bedeutet. Die schnellste Maschine verbindet Mindestgewicht und gute Aerodynamik. Unsere Simulation liefert dazu die handfesten Fakten: Bis ins Ziel fährt das Cervélo S5 satte 50 Sekunden Vorsprung gegenüber einem nur leichten Bike heraus, dem Schwestermodell Cervélo R5.

Am zweitplatzierten Colnago Y1RS lässt sich ablesen, was 400 Gramm Mehrgewicht bewirken: Im Anstieg verliert das Bike damit fünf Sekunden gegenüber einem Bike mit Mindestgewicht. Das 900 Gramm schwerere Ridley Noah Fast lässt bergauf 11 Sekunden liegen. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Räder wirklich auf den Punkt auf die 6,8-Kilo zu trimmen. Und zwar umso mehr, je leichter die Fahrerin ist.

Aus Sponsoring-Gründen auf die letzten 400 Gramm zu verzichten, ist absolut nicht nachvollziehbar. Wenn das Rennen eng ist, zählt jedes Gramm.

Um den Vorsprung ins Ziel zu fahren, muss aber auch der Rest passen. Die Simulation zeigt, dass aus technischer Sicht im Downhill noch stärker an der Uhr gedreht wird – obwohl die absolute Fahrzeit bergab viel kürzer ist.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Die gelungene Kombination aus Leichtbau und Aerodynamik zählt bei der Attacke während des letzten Anstiegs zum Col d‘EzeFoto: Robert KühnenDie gelungene Kombination aus Leichtbau und Aerodynamik zählt bei der Attacke während des letzten Anstiegs zum Col d‘Eze

* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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