Robert Kühnen
· 07.08.2026
Showdown am Mont Ventoux. Es geht von La Voulte-sur-Rhone auf den Mont Ventoux, 146,8 Kilometer misst die Etappe. Der Anstieg auf den windumtosten Mont Ventoux überschattet alle anderen Anstiege der Tour. Höher, länger, härter. Die Erwartung ist, dass hier das Klassement entschieden wird. Ob dies so kommt, liegt an den Rennfahrerinnen und den Umständen. Bläst ein kräftiger Wind, ist auch am kahlen Berg der Windschatten ein echtes Thema und das Abschütteln von Konkurrentin entsprechend viel schwieriger. Der bisherige Verlauf der Tour hat gezeigt, dass mit aggressiver Fahrweise auch viel kleinere Hindernisse mächtige Zeitunterschiede bewirken können.
Was auf jeden Fall passieren wird: Ausreißerinnen werden früh attackieren und sich todesmutig auf die Jagd nach dem Etappensieg begeben. Sie werden freie Fahrt bekommen, wenn sie im Klassement weit genug hinten liegen. Am Ende drehen die GC-Fahrerinnen auf und die erschöpften Ausreißerinnen werden ihnen entgegenfallen. Üblicherweise setzen sich die Klassementfahrerinnen zum Schluss dann durch. Aber es gibt Rennen, die sich nicht ans Drehbuch halten.
Was ist aus Materialsicht zu unternehmen, um sich Chancen auf einen Sieg zu erarbeiten?
Das kommt auf die Rolle der Fahrerin an. Für die behütete Kapitänin ist die Sache einfach: Das Rad sollte vor allem so leicht wie möglich sein. Also genau 6,8 Kilo wiegen plus ein paar Gramm extra, um nicht der Messungenauigkeit der UCI-Waage zum Opfer zu fallen.
Für Ausreißerinnen sieht die Sache anders aus. Um vom Feld wegzukommen und den Vorsprung auszubauen, ist Aerodynamik die entscheidende Zutat. Die idealen Fluchtmaschinen sind daher Aeroräder. Um am dicken Ende zu performen, sollten diese natürlich auch möglichst leicht sein.
Die Simulation des Tages dreht sich um den Schlussanstieg. Welches Rad ist das schnellste, wenn schon zu Beginn des Mont Ventoux die Post abgeht?
Wir berechnen die kürzeste Fahrzeit erneut für das Cervélo S5, dahinter folgen die anderen Räder, die die 6,8 Kilo einhalten. 900 Gramm Übergewicht bedeuten für einen 56 Kilo-Fahrerin 36 Sekunden Rückstand im Ziel, das zeigen die Zahlen des Ridley Noah Fast, das aerodynamisch top aber nicht ganz leicht ist.
25 Gramm machen also eine Sekunde aus. Mit diesem Wissen werden die Mechaniker abspecken, was sie können, um sich ans Limit heranzuarbeiten.
Die Aero-Komponente des Rades zählt am Berg vor allem dann, wenn sich bei Wind eine Fahrerin absetzen kann. Nur auf Leichtbau zu gehen und dafür alle anderen Aspekte zu vernachlässigen, ist daher auch keine gute Strategie.
Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:
Die berechneten Fahrzeiten für eine 56-Kilo-Fahrerin am Mont Ventoux. Leichte Räder führen das Ranking an. Das Gewicht ist das wichtigste Kriterium, Aerodynamik spielt aber auch eine Rolle. Die erwarteten Klettergeschwindigkeiten liegen je nach Abschnitt zwischen 15 und 26 km/h (18,3 km/h Schnitt).
Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.
Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.
Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.
Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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