Tour de France 2026 Tech-BriefingKletterexperten sollten sich zusammentun

Robert Kühnen

 · 23.07.2026

Tour de France 2026 Tech-Briefing: Kletterexperten sollten sich zusammentunFoto: Getty Images / Belga Photo Pool Luca Bettini

Noch bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 18. Etappe.

Die 18. Etappe hat ein ungewöhnliches Profil für eine Bergetappe. Immerhin 3.800 Höhenmeter sind zu erklettern, aber nur zwei Anstiege stechen klar hervor, die Cote d’Engins gleich zu Beginn und der Schlussanstieg nach Orcieres-Merlette, der nicht superschwierig aussieht (7,1 km, 6,7%).

Wir erwarten, dass sich kletterstarke Ausreißer absetzen und sich die GC-Fahrer für das Finale in Alpe d’Huez schonen.

Die Strecke: Ein Berg zu Beginn, einer am Ende und dazwischen eine längere Fahrt in mittlerer Höhe über kleine ZwischengipfelFoto: A.S.O.Die Strecke: Ein Berg zu Beginn, einer am Ende und dazwischen eine längere Fahrt in mittlerer Höhe über kleine ZwischengipfelDer Schlussanstieg ist eine Steigung der ersten Kategorie – nicht sehr steil, aber dennoch hart genug, um auch im Klassement Veränderungen zu bewirkenFoto: A.S.O.Der Schlussanstieg ist eine Steigung der ersten Kategorie – nicht sehr steil, aber dennoch hart genug, um auch im Klassement Veränderungen zu bewirken

​Wir simulieren die lange Attacke eines leichten Kletterers, der bereits am ersten Berg angreift. Welches Rad wäre für ein langes Solo auf dieser Etappe ideal? Und welche Rolle spielt dabei, dass unser angenommener Kletterer nur 58 kg wiegt?

Zahl des Tages: 6:42 Minuten

​Die Analyse zeigt, dass trotz der vielen Höhenmeter über die gesamte Strecke die Aerodynamik eine maßgebliche Rolle spielt. Cervélos S5 ist wieder das optimale Bike für eine lange Flucht – mit Mindestgewicht und Top-Aerodynamik. Der Vorsprung gegenüber dem Cervélo R5, dem langsamsten Bike im Feld: 6:42 Minuten. Aber auch gegenüber dem zweitschnellsten Bike holt das S5 bereits 31 Sekunden raus. Erkenntnis: Details sind wichtig und reine Leichtbikes haben kaum mehr ein Einsatzgebiet.

Die Analyse zeigt aber auch, dass die Soloflucht eines sehr leichten Kletterers kaum von Erfolg gekrönt sein dürfte. Es fehlt die Motorpower, um ausreichend Geschwindigkeit über die Distanz zu tragen.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sich eine Gruppe absetzt. Durch Windschattenfahren ist auch auf dieser Bergetappe ein deutlich höheres Grundtempo realisierbar.

Kletterexperten sollten sich daher zusammentun und erst am Schlussanstieg den Etappensieg untereinander ausfahren. Andernfalls werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von den GC-Fahrern aufgerollt, selbst wenn diese nicht Vollgas fahren.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Fahrzeiten für eine 160 Kilometer lange FluchtFoto: Robert KühnenFahrzeiten für eine 160 Kilometer lange Flucht

​Die Tabelle zeigt die Fahrzeiten für einen 160 km lange Flucht. Aerodynamische Räder haben im Ranking den Reifen vorne – auch wenn ein sehr leichter Fahrer die Berechnungsgrundlage ist


​* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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