Schlussetappe der Tour de France in ParisKein Artenschutz für die Sprinter

Andreas Kublik

 · 27.07.2025

Schlussetappe der Tour de France in Paris: Kein Artenschutz für die SprinterFoto: Getty Images / David Ramos
Sieg mit Prestige: Marcel Kittel jubelte im Jahr 2014 auf den Champs-Élysées. Für vergleichbare Rennfahrertypen wird der Ritt durch Paris in diesem Jahr deutlich härter
Jahrzehntelang war klar: Der letzte Tag in Paris gehört den Sprintern für eine Show auf den Champs-Élysées. Doch der diesjährige Parcours mit wenigen Massensprints deutet daraufhin: Die Jobs bei der Tour de France könnten rar werden für die schnellen Männern

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Die Hoffnung stirbt zuletzt, so heißt es. Der Satz gilt als Plattitüde, um sich eine aussichtslose Lage schön zu reden. Man ist ja gerne optimistisch. Und so ist es auch in Frankreich in diesen Tagen, wenn man die Sprinter im Peloton fragt, was sie denn von der veränderten Schlussetappe halten. Jahrzehntelang galt vor der 21. Etappe der Tour de France als sicher: Auf den ersten Kilometern Richtung Paris gibt es eine Art Foto-Session, inklusive Schampus trinken. Man feierte stets die Sieger, bevor sie im Ziel waren. Das hatte Tradition. Und es erforderte einen pfleglichen Umgang der Rennfahrer miteinander. Es folgte eine Art Nichtangriffspakt, unausgesprochen, ohne Unterschriften. In Sichtweite des Eiffelturms ging es dann doch noch los mit einem Radrennen, ein paar Unentwegte durften ihre letzten Kräfte bei Attacken beim ewigen Kreiseln um den Arc de Triomphe aufs Kopfsteinpflaster bringen, die Sponsorenlogos vor der Prachtkulisse in den Fokus der Kameras fahren – aber für das Ende galt als Gesetz: Am Schluss gibt es einen Massensprint – eine letzte Chance für die schnellsten Männer im Peloton, die sich für die Aussicht auf den großen Auftritt auf der Pariser Prachtstraße Champs-Élysées über Alpen- und Pyrenäengipfel mit dem Zeitlimit als Gegner gekämpft hatten. Die Sprinter durften die letzten Sieger, die letzten Jubel-Bilder, beim schwersten und wichtigsten Radrennen liefern.

Die Sprinter – geopfert auf dem Märtyrerhügel

Faszinierende Bilder: Rennfahrer vor der Fankulisse unterhalb der berühmten Basilika im Montmartre während der Olympischen Spiele 2024Foto: Getty Images / Alex BroadwayFaszinierende Bilder: Rennfahrer vor der Fankulisse unterhalb der berühmten Basilika im Montmartre während der Olympischen Spiele 2024

Doch in diesem Jahr wird alles anders. Ausgerechnet zum 50. Jahrestag des Tour-Finales in Paris auf den Champs-Élysées hat sich das Team um Tour-Chef Christian Prudhomme eine besondere Gemeinheit ausgedacht. Eine Gemeinheit für die, die fünf Jahrzehnte lang am letzten Tag nochmal eine packende Show lieferten – wenn auch nur auf dem letzten Kilometer. Und der Dank dafür? In diesem Jahr kommen die Männer mit den kräftigen Oberschenkeln nach Paris und sind noch immer noch nicht über alle Berge. Dreimal scheuchen sie die Streckenplaner über die Rue Lepic auf den Butte de Montmartre – das ist kein Hochgebirgspass, aber selbst der eine gepflasterte Kilometer mit 5 Prozent Steigung durch die enge Gasse wird vielen Profis früh den Stecker ziehen. Die spektakulären Bilder von der Fankulisse während des olympischen Radrennens im Vorjahr über den gleichen Anstieg machten den Radsportvermarktern Lust auf mehr - über den Dächern von Paris und zu Füßen der Basilika Sacré- Cœur. Es wird die Schlussetappe nachhaltig verändern – selbst um Positionen im Gesamtklassement könnte gekämpft werden. Ein klassischer Massensprint auf den Champs-Élysées gilt in diesem Jahr als ausgeschlossen (hier die Etappen-Vorschau unseres Experten Jens Voigt).

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Ort der Sprinter-Auslese? Die Rue Lepic mit Remco Evenepoel, der hier im Vorjahr zum Olympiasieg kletterteFoto: Getty Images / TIM DE WAELEOrt der Sprinter-Auslese? Die Rue Lepic mit Remco Evenepoel, der hier im Vorjahr zum Olympiasieg kletterte

Kurz: Die Sprinter dürfen sich auf der Jubiläumsfete in Paris wie ungebetene Gäste fühlen. Aber so leicht lassen sich die kräftigsten Athleten im Peloton nicht vor die Tür bitten. Montmartre heißt übersetzt Märtyrerhügel – es passt dazu, dass die Sprinter um den Preis einer noch größeren, noch abwechslungsreicheren Show am Schlusstag geopfert werden sollen. Aber sie lassen sich ihren Glauben bis zum vielleicht bitteren Ende nicht nehmen. „Ich sehe noch nicht, dass es keinen Sprint gibt“, sagt der deutsche Sprintspezialist Pascal Ackermann am Tag vor der Schlussetappe zu TOUR. „Es wird zwar keinen Massensprint geben, aber es kann schon passieren, dass eine 20- oder 30-Mann-Gruppe um den Sieg fährt - und da will ich dabei sein.“ Schließlich wartet Ackermann bei seinem zweiten Tour-Start noch auf einen Tour-Etappensieg – wie auch Landsmann Phil Bauhaus. Auch der Mann in Grün sieht es ähnlich wie Ackermann: „Es wird komplizierter sein, das Rennen zu kontrollieren. Es wird ein etwas anderes Szenario“, sagt Jonathan Milan mit Blick auf die Schlussetappe.

Der Tour-Debütant aus Italien hat die Veränderung am eigenen Leibe gespürt. Beim Kampf ums Grüne Trikot hatte er keinen anderen Sprinter als wichtigsten Rivalen – sondern den siegeshungrigen Super-Allrounder Tadej Pogacar, der aber sicher nicht den Titel bester Sprinter verdient. Auch das ein Zeichen einer Verschiebung der Kräfte im Radsport – weg vom Spezialisten hin zum vielseitigen Allrounder. Ein Zeichen dafür, dass die Zeiten für Sprinter härter werden - nicht nur auf den Champs-Élysées.

Der Trend läuft gegen die Sprinter

Will an seine Chance in Paris glauben: Pascal AckermannFoto: Julian SchultzWill an seine Chance in Paris glauben: Pascal Ackermann

Nur fünf Massensprints gab es bei dieser Tour. So wenige wie lange nicht mehr. Zwar schnappte sich am ersten Tag in Lille ein Sprinter den Tagessieg und das erste Gelbe Trikot. Aber selbst dort hatten die Streckenplaner hinterhältig Windkantensituation vorprogrammiert, weshalb schon auf der 1. Etappe der Massensprint eher weniger Masse hatte. Gerademal drei Dutzend Rennfahrer mischten noch mit, der eine mehr, die meisten weniger. Auch sonst waren viele Etappen schon zu Beginn zu anspruchsvoll für die muskulösen Männer. Das Profil der drei Wochen sah schon anspruchsvoll aus – aber die Wahrheit lag auf der Straße. „Es war eine extrem harte Tour“, fasste Ackermann die ersten 19 Etappen zusammen: „Jeder Tag wurde am Anschlag gefahren, wir sind nicht viel gebummelt.“

Die Sprinter-Killer: Schwere Profile, offensive Fahrweise

Schwere Streckenprofile und die immer offensivere Fahrweise im modernen Profiradsport tun den schnellen Männern, die gleichmäßige, flache Fahrt Richtung Ziellinie bevorzugen, nicht gut. Und die Tour 2025 ist kein Einzelfall, auch wenn sie mit ihren Schwierigkeiten herausragt. Der Trend ist nicht der Freund der Sprinter, das sieht auch Ackermann so: „Die nächsten Ausgaben der Tour werden sicher nicht einfacher. Man sieht immer mehr, dass das Profil gegen die Sprinter ist. Das ist nicht böse gemeint, aber es wird immer härter für uns.“ Es ist kein Geheimnis, dass Tour-Veranstalter A.S.O. möglichst spannende Etappen haben will – auf denen über die ganze Strecke Action zu erwarten ist. Eine Woche lang Flachetappen – das ist lange Vergangenheit. Für Sprinter interessant, für Zuschauer bis auf die Schlusskilometer meist gähnend langweilig. Stundenlange Schleichfahrten durch Frankreich – das ist auch angesichts der teuren Senderechte kaum darstellbar. Erst seit wenigen Jahren werden die Etappen von fast allen Sendern und Plattformen vom Start weg übertragen – daran musste man sich anpassen. Es muss sich etwas auf den Live-Bildern bewegen. Früher kam mitunter erst mit den ersten Live-Bildern Bewegung ins Peloton.

Das Rad wird sich nicht zurückdrehen lassen, das ahnen auch die Sprinter, die so etwas wie die Verlierer der aktuellen Entwicklung sind. Gegen schnell haben sie nichts. Aber gegen immer mehr Berge, immer offensivere Fahrweise, immer schneller gefahrene Berge. Zumal angesichts kleinerer Mannschaftsgrößen bei der Tour bei gleichzeitig steigender Leistungsdichte die Verantwortlichen genau überlegen müssen, ob ein Sprinter, der in der Regel auch ein paar spezielle Helfer wie einen Anfahrer braucht, ins Gefüge passt. Ambitionen in Massensprints und im Gesamtklassement gleichermaßen gelten als bei der Tour fast nicht mehr miteinander vereinbar – die Tendenz geht zum entweder oder.

Prozente am Berg sind Quote im TV?

Rolf Aldag (rechts)Foto: Julian SchultzRolf Aldag (rechts)

Wohin der Weg bei der Tour führt, ist den Rennställen vor dem diesjährigen Start in einem Briefing erläutert worden: die Zuschauerzahlen in TV und Livestreams sind wichtig. Jedes Prozent Steigung, jede spektakuläre Passage bedeutet ein bisschen mehr Einschaltquote – so ungefähr hat man das in der Profiszene verstanden. Es sei kein Zufall, dass es bei der 112. Auflage der Tour besonders oft rauf und runter, rechts und links gehe, betont Rolf Aldag, der Sportchef bei Red Bull-Bora-hansgrohe. „Ich glaube, das ist sehr bewusst gemacht. Das Streckendesign im ersten Teil der Tour war so, um es spannend und unvorhersehbar zu machen“, glaubt Aldag und versteht den Gedanken dahinter: „Die Leute sollen nicht sechs Stunden gucken, um dann am Ende 200 Meter Sprint zu sehen. Selbst als Radsportexperte kann man sich eine Sprintetappe nicht sechs Stunden vom Start bis ins Ziel angucken. Da kann man, wenn die Gruppe weg ist, durchaus auch mal Mittagessen gehen.“ Im Tiktok-Zeitalter, in dem die Verweildauer vor Bewegtbild sich eher im Sekundenbereich bewegt, würde eine Flachetappe klassischen Zuschnitts nur noch als Schlafmittel funktionieren. Aldag, der mehrere Jahrzehnte Radsport aus verschiedenen Perspektiven erlebt hat, warnt aber: „Wir müssen aufpassen: Immer nur schwerer, mehr Berge – das ist dann auch nicht mehr spannend“, betont er – und kann die aktuelle Tour auch da als Beispiel anführen. Tadej Pogacar war früh weit voraus – die Spannung im Kampf um den Gesamtsieg war raus. Der Westfale, der auch mal zur Zuspitzung in seinen Aussagen neigt, prognostiziert: „So wie es aktuell aussieht in der Tour, stirbt vielleicht der reine Sprinter aus.“ Ausgerechnet die Kräftigsten im Peloton könnten die Verlierer in der Evolution des modernen Radsports sein.

Sterben die Sprinter aus?

Artenschutz ist im Spitzensport eben nicht vorgesehen. Doch die Sprinter wollen sich nicht in ihr Schicksal fügen. Die Lösung? „Wir müssen jetzt eben schauen, wie wir uns anpassen - und dann können wir zurückkommen“, sagt Ackermann, der fast immer gut gelaunte Pfälzer mittags vor der 20. Etappe. Am Abend jubelt dann im Ziel in Pontarlier ganz überraschend ein Sprinter - nach einer äußerst hügeligen Etappe: Der Australier Kaden Groves vom Team Alpecin-Deceuninck. Nicht im Sprint. Als Solist aus einer Ausreißergruppe heraus. „Er ist nicht nur ein Sprinter“, sagt sein Teamchef Christophe Roodhoft. Die Anpassung geht mitunter schnell.

Voller Einsatz: Walter Godefroot gewann im Jahr 1975 die erste Schlussetappe auf den Champs-ÉlyséesFoto: Getty Images / JEAN-PIERRE PREVELGABRIEL DUVAL/AFPVoller Einsatz: Walter Godefroot gewann im Jahr 1975 die erste Schlussetappe auf den Champs-Élysées

Übrigens: Den ersten großen Auftritt auf den Champs-Élysées hatte übrigens der Belgier Walter Godefroot als Premierensieger 1975. Auch der spätere Chef des Team Telekom war als Aktiver mehr als ein Sprinter, er setzte sich auch bei schweren Eintagesrennen wie Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix durch. Von daher sieht man in Paris vielleicht auch einfach eine Rückkehr zu den Wurzeln. Der Trend geht (wieder) zum Alleskönner.

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Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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