Schlüssel zu erfolgreicher FluchtTOUR Tech-Briefing 8. Etappe Tour de France 2026

Robert Kühnen

 · 11.07.2026

Schlüssel zu erfolgreicher Flucht: TOUR Tech-Briefing 8. Etappe Tour de France 2026Foto: Getty Images / Anne-Christine Poujoulat / AFP
Das Peloton bei Etappe 6 der Tour de France 2026

Vom 4. Juli bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 8. Etappe.

Eine weitere Flachetappe steht an. Nur 1150 Höhenmeter sind auf 182 Kilometern zu überwinden. Klare Sache: am Ende gibt es einen Massensprint, oder?

Wenn das Ergebnis so vorhersehbar scheint, könnte es sein, dass die Etappe auch ganz anders verläuft. Alles was dafür nötig ist, ist das Zusammenwirken einiger starker Fahrer, die gut zusammenarbeiten, ein gutes Auge fürs Timing haben und sehr effektiv durch den Wind schlüpfen.

Auf der fünften Etappe zeigte Baptiste Veitroffer vom Team Lotto-Intermarché mit seiner Flucht für die Galerie, dass sogar ein Einzelner Widerstand leisten und dauerhaft ziemlich schnell fahren kann. Seine Solo-Attacke war zwar absehbar zum Scheitern verurteilt, weil sich ein Fahrer allein kaum gegen die Nachführarbeit des Feldes durchsetzen kann. Dafür ist der Windschatteneffekt zu stark.

Das Profil der achten Etappe deutet auf ein Sprintfinale hin. Eine Gruppe starker Rouleure könnte den Sprinterteams aber die Suppe versalzenFoto: A.S.O.Das Profil der achten Etappe deutet auf ein Sprintfinale hin. Eine Gruppe starker Rouleure könnte den Sprinterteams aber die Suppe versalzen

Die Sachlage ändert sich aber, wenn sich mehrere starke Ausreißer zusammenspannen und sich auch gegenseitig Windschatten spenden. Denn praktisch arbeitet nicht das ganze Feld gegen die Männer ganz vorne, sondern nur einzelne Teams und die auch nicht mit allen Fahrern. Wenn zwei Sprinterteams jeweils zwei Fahrer abstellen, um den Abstand zu Ausreißern zu kontrollieren, herrscht bereits ein Patt zu vier Ausreißern. Ist die Ausreißergruppe größer, müssen entsprechend mehr Fahrer auch hinten arbeiten. Je nachdem, welches Team Fahrer in einer Fluchtgruppe hat, kann die Zahl der ernsthaft nachsetzenden Teams hinten klein werden. Denn die GC-Teams werden sich nicht beteiligen, solange ihre Position nicht gefährdet ist.

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Ein Trick, mit dem Ausreißer arbeiten können, ist, anfangs nicht zu viel Zeit herauszufahren. Denn das wiegt das Feld in Sicherheit. Beginnt das Feld in der Schlussphase härter zu fahren, um den Abstand zu verringern, drehen die smart pacenden Ausreißer ebenfalls auf, weil sie anfangs Energie zurückgehalten haben. Das kann die Kalkulation der Verfolger durcheinanderbringen, wieviel Zeit pro Kilometer aufzuholen ist.

Kurzum: Eine erfolgreiche Flucht ist nicht sehr wahrscheinlich, aber dennoch möglich.

Deshalb analysieren wir heute, welchen Stellenwert das Material bei einer langen Flucht hat. Unsere Simulation beginnt 132 Kilometer vor dem Ziel.

Zahl des Tages: 5:40 Minuten

Wir gehen in der Simulation davon aus, dass vier Fahrer effektiv in der Fluchtgruppe zusammenarbeiten und, ganz wichtig, zum Finale des Rennens noch aufdrehen können.

Unter diesen Voraussetzungen könne auch vier Fahrer einen Schnitt von 47 km/h erzielen, ohne sich vollständig aufzureiben. Der schnellste Schnitt der offiziellen Marschtabelle beträgt 46 km/h.

Der Unterschied zwischen dem schnellsten und dem langsamsten Bike in der Liste liegt bei 5:40 Minuten. Gute Aeroräder unterstützen die Ausreißer dabei, ihre Power wirkungsvoll auf die Straße zu bringen. Die lange Flucht ist im Grunde ein langes Teamzeitfahren, nur eben ohne Zeitfahrräder.

Je dichter die Straßenrennräder an die Performance der Zeitfahrräder herankommen, desto besser für die heutige Fluchtgruppe.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Aerodynamik der Räder ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen FluchtFoto: Robert KühnenAerodynamik der Räder ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Flucht

​Die Tabelle zeigt, dass die Aerodynamik der Räder der Schlüssel zu einer erfolgreichen Flucht ist. Jedes Watt zählt. Bei Rädern mit gleicher Aero-Leistung ist das Gewicht das zweite Sortierkriterium in der Rangliste.

Die ausgewiesene „Aero-Power“ ist die von TOUR im Windkanal gemessene Leistung zur Überwindung des aerodynamischen Widerstands von Rad und Dummy mit bewegten Beinen bei 45 km/h. Für die Simulation fügen wir rechnerisch noch den Oberkörper des Fahrers hinzu und skalieren den Widerstand auf das tatsächliche Renntempo.

​* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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