Interview: Stephan Klemm
TOUR: Pauline, im vergangenen Jahr haben Sie souverän die Tour de France Femmes gewonnen. Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie auf Ihren Triumph zurückblicken?
FERRAND-PRÉVOT: Ganz klar: Die Unterstützung des französischen Publikums. Bei meinem Olympiasieg 2024 mit dem Mountainbike bei den Spielen von Paris haben mich die Französinnen und Franzosen auch formidabel unterstützt. Aber während der Tour war es noch einmal viel intensiver. Es ist unglaublich zu sehen, welche Wirkung mein Tour-Sieg auf das französische Publikum hatte. Das ist es auch, was mich für diesen Sommer, für die Tour 2026, motiviert. Eigentlich mache ich die harte Vorbereitung grundsätzlich für mich. Aber nach den Erfahrungen des Vorjahres mache ich sie auch für die Menschen in Frankreich, die mich unterstützen, die vor dem Fernseher sitzen oder am Streckenrand stehen.
TOUR: Sie sind eine vielseitige Radsportlerin, erfolgreich auf der Straße, mit dem Mountainbike, im Cyclocross und bei Gravelrennen. Hätten Sie aber gedacht, dass Sie eines Tages die Tour de France gewinnen könnten?
FERRAND-PRÈVOT: Nein. Niemals. Davon habe ich zwar geträumt. Aber ich hätte nicht erwartet, dass dieser Traum wahr werden könnte. Mir geht es für mich persönlich vor allem darum, wirklich 100 Prozent aus mir herauszuholen. Wenn ich dann am Start stehe, kann ich gelassen sein. Ich kann mir sagen, dass ich in der Vorbereitung alles gegeben habe. So war es im Vorjahr bei der Tour.
TOUR: Nimmt Ihnen die Erkenntnis, dass Sie die Tour bereits gewonnen haben, etwas Druck für diesen Sommer?
FERRAND-PRÈVOT: Ich versuche jede Saison bei null anzufangen. Ich denke nicht mehr an das zurück, was war, was mir gelungen oder misslungen ist. Ich möchte nicht in der Vergangenheit leben und mir sagen, dass ich etwas Großes erreicht habe und mich deshalb ausruhen kann. Das bin ich nicht. Ich gebe vielmehr wieder 100 Prozent. Volle Kraft für ein Ziel, den Tour-Sieg.
TOUR: Als Ihr Erfolg im Vorjahr nach Ihrem zweiten Tagessieg in Châtel-Portes du Soleil feststand, wurde Ihnen sogleich ein Telefon gereicht. Am anderen Ende der Leitung war Staatspräsident Emmanuel Macron. Was ging da in Ihnen vor?
FERRAND-PRÈVOT: Es war ziemlich seltsam für mich. Ich war nicht gerade in einer Top-Verfassung, weil die Etappe gerade erst beendet war. Ich war einerseits sehr müde, andererseits völlig euphorisch. Dass ich dann Emmanuel Macron am Ohr hatte, war völlig surreal. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich weiß auch gar nicht, was man in solchen Momenten am besten sagt oder nicht. Ich war ein wenig überrumpelt, habe mich aber artig für seine Glückwünsche bedankt. Das war wie ein Reflex.
TOUR: Dieser Anruf illustriert, wie wichtig Ihr Tour-Sieg für Ihre Landsleute war. Sie wurden danach in französischen Medien als Erlöserin von einem Fluch gefeiert. Bernard Hinault gewann als letzter Franzose 1985 die Tour, Jeannie Longo 1989 die letzte Austragung der Vorgängerveranstaltung Tour de France féminin. Dann kamen Sie, nach Jahrzehnten des Wartens für die Radsportnation Frankreich. Wie haben Sie diese Lobeshymnen aufgenommen?
FERRAND-PRÈVOT: Sie ehren und berühren mich. Es ist großartig, Frankreich mit Stolz zu erfüllen. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Stellenwert einmal erreichen würde. Ich wurde zuletzt auch zur beliebtesten französischen Sportlerin gewählt. Das ist wirklich etwas Besonderes, weil es über den Radsport hinausreicht. Mein gestiegener Stellenwert ist eine großartige Sache, aber so etwas lenkt auch ab. Ich werde beim Training angesprochen, um Fotos mit Fans zu machen oder Autogramme zu geben. Aber ich spüre auch, dass die Leute mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit auftreten. Ich genieße das.
TOUR: Sie werden nicht nur im Training um Fotos gebeten, sondern vor allem auch vor den Rennen und auf dem Weg zur Startlinie. Wie gehen Sie damit um?
FERRAND-PRÈVOT: Für mich ist es frustrierend, vor dem Rennen solche Anfragen bisweilen auch ablehnen zu müssen. Vor dem Start muss ich mich konzentrieren und mich mental und körperlich vorbereiten. Ich hätte es gern anders. Aber das ist leider nicht möglich.
2028 startet die Männer-Tour in Ihrer Heimatstadt Reims. Ist das eine Hommage an Sie und Ihre Erfolge?
FERRAND-PRÈVOT Das ist schon ziemlich beeindruckend, dass die Tour in der Stadt beginnt, in der ich geboren wurde. Aber das ist wohl mehr Zufall. Reims ist eine tolle und schöne Stadt. Im Umland gibt es großartige Strecken. Insofern wird es ein famoser Tour-Start werden.
TOUR: Ihr Olympiasieg 2024 war für Sie die Erfüllung einer großen Sehnsucht. Der Tour-Sieg ebenfalls. Wie gewichten Sie diese beiden Erfolge?
FERRAND-PRÈVOT: Der Sieg bei den Spielen von Paris war sehr wichtig für mich, denn ich hatte es zuvor ein paar Mal vergeblich versucht, bei Olympia ganz vorne zu landen. Hinzu kam, dass es ein Heimspiel für mich war. Letztlich hatte ich angesichts der Erwartungen der Leute gar keine andere Wahl, als zu gewinnen. Der Druck war riesig. Bei der Tour im Vorjahr, es war ja meine erste, wusste ich nicht so recht, wozu ich imstande sein würde. Ich war bereit und bestens vorbereitet. Aber der Druck war deutlich geringer. Ich hatte mir gesagt: Gehe es entspannt an. Wenn du nicht gewinnst, ist es überhaupt nicht schlimm. Hätte ich aber bei den Spielen in Paris nicht gewonnen, wäre es schlimm gewesen. Da war ein Sieg für mich Pflicht.
TOUR: Bei der Tour 2025 haben Sie beide Bergankünfte gewonnen. Das hatte Ihnen längst nicht jede Ihrer Gegnerinnen zugetraut. Sie sich selbst schon?
FERRAND-PRÈVOT: Ja und nein. Ich wusste, dass ich zu allem fähig bin, wenn ich top vorbereitet bin. Aber letztlich habe ich mich selbst beeindruckt. Überrascht war ich vor allem darüber, dass ich mit so großem Abstand die vorletzte Etappe auf den Col de la Madeleine gewonnen habe, mit fast zwei Minuten Vorsprung vor der Zweitplatzierten.
TOUR: Die deutsche Profifahrerin Liane Lippert sagt, dass Sie alles dafür geben, ein Ziel zu erreichen, wenn Sie sich eines gesetzt haben. Hat sie recht?
FERRAND-PRÈVOT: Hat sie. Ich bin wirklich extrem. Ich kann nicht die Saison hinter mich bringen und sagen: Das ist ein Hobby. Ich kann nicht damit leben, nicht zu gewinnen. Für mich steht der Erfolg über allem. Das gilt auch für die kommende Tour.
TOUR: Fällt es Ihnen schwer, die dafür notwendigen Opfer zu bringen? Das viele harte Training, die lange Zeit im Höhentraining?
FERRAND-PRÈVOT: Für mich ist es kein Opfer, mich auf die Tour vorzubereiten. Das ist tatsächlich sogar der Teil, den ich am liebsten mag. Ich habe mich auf den Zeitpunkt gefreut, an dem ich mit meiner Tour-Vorbereitung beginnen konnte. Seit einiger Zeit besitze ich ein Haus in Andorra. Das macht das Höhentraining für mich umso erträglicher.
TOUR: Sie lieben es, allein zu trainieren. Warum ist das so?
FERRAND-PRÈVOT: Weil ich mich so am besten auf mein Ziel konzentrieren kann. Ich kann meinen Zeitplan selbst bestimmen, ohne mich absprechen zu müssen. Ich habe außerdem das Gefühl, frei und befreit zu sein, meinen Weg ohne Kompromisse gehen zu können.
TOUR: Vor einem Jahr hatten Sie sich bei der Tour enorm schlank präsentiert, woraufhin eine Gewichtsdebatte im Frauen-Radsport begann. Wie haben Sie darauf reagiert?
FERRAND-PRÈVOT: Vorab möchte ich betonen, dass ich intensiv mit Ernährungsberatern des Teams zusammenarbeite und stets engen Kontakt und Austausch mit dem Staff pflege. Ansonsten möchte ich zu dem Thema sagen, dass jeder und jede seine Meinung sagen darf. Die Kommentare habe mich persönlich nicht getroffen oder verletzt. Aber es hat mich dann doch wiederum in Bezug auf meine Familie berührt. Vor allem wegen meiner Eltern. Es ist nicht besonders angenehm, all diese Kommentare bezüglich des Gewichts der eigenen Tochter lesen und hören zu müssen.
TOUR: Das bedeutet, Sie werden in der gleichen Form und Verfassung auch wieder am Start der Tour in Lausanne stehen?
FERRAND-PRÈVOT: Ich habe inzwischen Routine und weiß, was ich investieren muss, um Leistung zu bringen. Diese Methode passt für mich, aber nicht unbedingt für jede meiner Kolleginnen. Ich weiß, was ich mache. Und ich weiß, wie weit ich gehen kann.
TOUR: Vergangenes Jahr ging es bei der Tour auf den Col de la Madeleine, diesmal gilt es den Mont Ventoux zu bezwingen. Kennen Sie diesen Berg?
FERRAND-PRÈVOT: Ich kenne ihn schon seit geraumer Zeit. Zu Beginn der Saison habe ich mir aber noch mal alles angesehen. Dass wir Frauen ihn nun im Programm haben, ist großartig. Ich bin bereit. Das wird ein schöner Kampf werden.
TOUR: Ihre Frühjahrsergebnisse waren stark, aber nicht außergewöhnlich. Bei Lüttich- Bastogne-Lüttich und bei der Vuelta lief es dann nicht gut für Sie. Da wurden Sie jeweils klar abgehängt …
FERRAND-PRÈVOT: ... ja, aber das bedaure ich nicht. Ich wusste, dass ich weder in Lüttich noch bei der Vuelta gewinnen kann. Es ging für mich darum, für mein Team da zu sein. Und für mich persönlich waren es Rennen auf dem Weg zur perfekten Tour-Form.
TOUR: Die Niederländerin Demi Vollering hat nicht nur die Flandern-Rundfahrt gewonnen, sondern auch den Giro d’Italia Women im Juni. Betrachten Sie Vollering als Ihre größte Konkurrentin bei der Tour?
FERRAND-PRÈVOT: Ja. Aber ich habe auch Anna van der Breggen, Marlen Reusser und Kasia Niewadoma auf dem Zettel. Demi aber ist besonders beeindruckend. Sie schafft es immer, voll da zu sein. Bei jedem Rennen, das sie bestreitet, liefert sie ab. Das ist spektakulär. Sie ist zudem das ganze Jahr über in Form. Das bewundere ich, denn das ist mir nicht gegeben. Das ist nicht nur körperlich, sondern auch mental eine große Leistung.
TOUR: Wie können Sie Vollering bezwingen?
FERRAND-PRÈVOT: Indem ich besser bin. Das ist der Trick (lacht).
TOUR: Welche Ziele möchten Sie in Ihrer Karriere noch erreichen?
FERRAND-PRÈVOT Ich möchte unbedingt bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles dabei sein. Im Straßenrennen. Das nächste wichtige Ziel für mich ist es, mich im Zeitfahren zu verbessern. Die vierte Tour-Etappe ist ein Kampf gegen die Uhr, 21 Kilometer. Das ist eine Disziplin, die mir sehr am Herzen liegt. Die Anstrengung beläuft sich auf 30 bis 40 Minuten, das ähnelt dem, was ich vom Mountainbike her kenne. Es gewinnt die Stärkste. Das war in der Vorbereitung meine größte Herausforderung.
TOUR: Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauen-Radsports im Allgemeinen?
FERRAND-PRÈVOT: Die Bedeutung und die Wahrnehmung des Frauen-Radsports haben sehr, sehr zugenommen. Wir sehen von Jahr zu Jahr, dass immer mehr Zuschauerinnen und Zuschauer am Straßenrand stehen. Die TV-Quoten der Frauen-Tour sind herausragend. Wir haben einen riesigen Schritt nach vorn gemacht. Wir leben in goldenen Zeiten des Frauen-Radsports.
TOUR: Sind die Gehälter auch adäquat gestiegen?
FERRAND-PRÈVOT: Ich kenne ja nur mein Gehalt, aber insgesamt würde ich sagen: Ja, ich denke schon.
Sie haben Ihren Vertrag bei Visma-Lease a Bike bis 2028 verlängert. Ende 2028 sind Sie 36 Jahre alt. Werden Sie dann auch Ihre Karriere beenden?
FERRAND-PRÈVOT: So ist es derzeit vorgesehen. Aber du weißt ja nie, was kommt.
TOUR: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Karriere?
FERRAND-PRÈVOT: Ich möchte eine Familie gründen und Mutter werden. Mein Verlobter Dylan van Baarle ist ja auch Radprofi. Wir sind gleich alt. Da lässt sich durchaus etwas arrangieren (lacht). Ansonsten weiß ich nicht so genau, wohin mich meine Reise nach meiner Karriere führt. Ich werde aber weiter trainieren, um fit zu bleiben. Ich werde auch versuchen, gesund zu leben und mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.
Nationalität Französin
Geboren 10. Februar 1992 in Reims
Teams Rabobank (2012 bis 2016); Canyon/SRAM Racing (2017 bis 2020); Absolute-Absalon (2021); BMC MTB Racing (2022); Ineos Grenadiers MTB (2023 bis 2024); Visma-Lease a Bike (seit 2025, Vertrag bis 2028)
Straße Gesamtwertung und zwei Etappen Tour de France Femmes (2025); Weltmeisterin (2014); Paris-Roubaix (2025); Flèche Wallonne (2014)
Moutainbike Olympiasiegerin (2024); Weltmeisterin Cross Country (2015, 2019, 2020, 2022, 2023); Weltmeisterin Short Track (2022, 2023); Weltmeisterin Marathon (2019, 2022); Weltmeisterin Staffel (2014, 2015, 2026)
Cyclocross Weltmeisterin (2015)
Gravel Weltmeisterin (2022)
Pauline Ferrand-Prévot ist die derzeit wohl vielseitigste professionelle Radsportlerin der Welt. Sie hat in allen Spielarten ihres Sports außer auf der Bahn Weltmeister-Titel gewonnen. Ihr Meisterstück war der Sieg bei der Tour de France im August 2025. Dass sie für die Tour ihr Gewicht erheblich reduzierte, wurde unter anderem im Kreis ihrer Kolleginnen kontrovers diskutiert. Ferrand-Prévot hat insgesamt 15 WM-Titel erobert, sie ist damit eine der erfolgreichsten Radsportlerinnen aller Zeiten. Mit Beginn des Jahres 2025 wechselte sie in den Straßenradsport. In Frankreich ist Ferrand-Prévot, deren Eltern in Reims einst eine Radsportschule unterhielten, ein Superstar und wegen ihrer Volksnähe enorm beliebt. Sie ist mit dem niederländischen Radprofi Dylan van Baarle verlobt, der für das Team Soudal-Quick Step fährt.
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