Mit der 6. Etappe von Pau nach Gavarnie-Gèdre beginnt bei der Tour de France 2026 die erste echte Prüfung am Berg. Während die Favoriten auf das Gelbe Trikot um Sekunden und Minuten kämpfen, verfolgen die Sprinter an solchen Tagen ein völlig anderes Ziel: irgendwie durchkommen. Der Etappensieg spielt für sie keine Rolle mehr. Stattdessen beginnt bereits am ersten langen Anstieg der Kampf ums Überleben – im berühmten Gruppetto.
Das Gruppetto ist eine Gruppe von Fahrern, die sich an schweren Bergetappen bewusst vom Hauptfeld zurückfallen lässt. Meist sind darin die Sprinter vertreten, aber auch einige Klassiker-Spezialisten oder Helfer, die in den Bergen nicht mit den besten Kletterern mithalten können.
Sobald das Tempo im Peloton an den langen Anstiegen steigt, wissen viele Sprinter, dass es keinen Sinn ergibt, um den Anschluss zu kämpfen. Statt dabei zu explodieren und möglicherweise allein zurückzufallen, sammeln sie sich in einer Gruppe, fahren ihr eigenes Tempo und versuchen gemeinsam das Ziel zu erreichen.
Das Prinzip des Gruppetto ist einfach: Was einer allein kaum schaffen würde, gelingt in der Gruppe deutlich leichter. Die Fahrer unterstützen sich gegenseitig, wechseln sich auf flacheren Abschnitten in der Führungsarbeit ab und achten ständig auf die Zeitabstände zur Spitze. Denn bei jeder Tour-Etappe gibt es eine Karenzzeit. Wer diese überschreitet, wird aus dem Rennen genommen.
Besonders an schweren Bergetappen entsteht deshalb oft ein kurioses Rennen im Rennen. Während vorne Pogačar, Vingegaard und die anderen Klassementfahrer attackieren, rechnen hinten die Sprinter ununterbrochen mit. Wie groß ist der Rückstand? Wie schnell fährt die Spitze? Reicht das aktuelle Tempo aus, um rechtzeitig ins Ziel zu kommen? Nicht selten ist das Gruppetto deshalb deutlich organisierter, als viele Zuschauer vermuten würden.
Für einen Sprinter ist die Tour de France kein dreiwöchiger Kampf um das Gesamtklassement. Seine Chancen liegen auf den flachen Etappen. Dort kann er um Tagessiege und das Grüne Trikot kämpfen. Um diese Möglichkeiten wahrnehmen zu können, muss er jedoch bis zur letzten Etappe die Berge überstehen.
Ein Sprinter, der an einer Bergetappe über seine Grenzen geht, riskiert für die folgenden Tage wertvolle Kräfte zu verlieren. Deshalb fahren die meisten möglichst ökonomisch. Das Ziel lautet nicht, mit den Favoriten mitzuhalten, sondern mit möglichst geringem Energieaufwand innerhalb des Zeitlimits ins Ziel zu kommen. Das Gruppetto ist dabei ihre Lebensversicherung. In der Gruppe können die Fahrer Kräfte sparen und sich gegenseitig helfen. Auch mental ist eine solche Leidensgemeinschaft nicht zu unterschätzen.
Interessant ist, dass auch innerhalb des Gruppetto oft die stärksten Bergfahrer unter den Sprintern den Ton angeben. Erfahrene Profis wissen genau, welches Tempo nötig ist, um die Karenzzeit einzuhalten, ohne unnötig Energie zu verschwenden.
An besonders schweren Tagen werden sogar kleine Absprachen getroffen. Niemand hat ein Interesse daran, einen Konkurrenten aus dem Rennen zu fahren. Schließlich kämpfen auf den Flachetappen dieselben Fahrer gegeneinander um Siege. Entsprechend solidarisch geht es häufig zu. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Fahrt entspannt wäre. Die Schmerzen sind dieselben wie vorne bei den Favoriten. Nur die Geschwindigkeit ist eine andere.
Schwere Etappen in den Bergen zeigen besonders eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Tour de France sein kann. Während die Kameras auf die Favoriten im Kampf um das Gelbe Trikot gerichtet sind, spielt sich weit hinter ihnen ein ebenso faszinierendes Drama ab. Dort kämpfen die Sprinter nicht um Ruhm oder den Tagessieg, sondern schlicht darum, im Rennen zu bleiben. Kilometer für Kilometer quälen sie sich die Berge hinauf, immer mit einem Auge auf die Uhr und die Karenzzeit.
Denn für sie gilt an solchen Tagen eine einfache Regel: Wer das Gruppetto verliert, verliert oft auch die Tour. Und wer mit dem Gruppetto ins Ziel kommt, darf weiter auf die nächste Sprintchance hoffen. Genau deshalb ist das Gruppetto seit Jahrzehnten ein unverzichtbarer Bestandteil der Tour de France – und für die Sprinter oft genauso wichtig wie ein Etappensieg.

Redakteur
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