Die Zuschauer am Sechseläutenplatz trommelten lautstark auf die Absperrgitter und die Werbebanden, um die letzten Starter in der Mixed-Staffel mit dieser Anfeuerung von der Startrampe zu schicken. Die Titelverteidiger, die Heimmannschaft aus der Schweiz. Es war die Hoffnung auf eine erste Medaille für die Gastgeber in den Eliterennen. Aber genau genommen waren die Eidgenossen schon aus dem Rennen, bevor es losging – was den begeisterten Fans vielleicht nicht bewusst war.
Die ersten Entscheidungen über Titel und Medaillen waren bereits in den Tagen und Wochen zuvor gefallen. Tränenreich hatte Marlen Reusser in einem TV-Interview erklärt, an einen Start bei der WM sei wegen ihrer Long-Covid-Erkrankung zuletzt nicht zu denken gewesen. Statt ihre Karriere mit dem ersehnten WM-Titel in der Heimat zu krönen, blieb der 33-jährigen Schweizerin nur die Zuschauerrolle.
“Ohne Marlen Reusser als Lokomotive wird die Titelverteidigung schwierig”, urteilte der Sportchef des Schweizer Radsportverbands, Patrick Müller. Mit ihr hatte man zuletzt zweimal Gold in der Mixed-Staffel gewonnen. Und bei der Siegerpressekonferenz im Vorjahr hatten Reusser und Teamkollege Stefan Küng betont, wie wichtig ihnen der Start und der Erfolg im Mannschaftswettbewerb sei – auch, um dem nationalen Radsportverband etwas für jahrelange Förderung zurückzugeben. Denn kein anderer Wettbewerb wie diese Kombination aus zwei Mannschaftszeitfahren für Männer und Frauen zeigt so gut, warum Radsport Mannschaftssport ist und warum eine WM in Nationaltrikots wirklich die Leistungsfähigkeit einer Radsport-Nationalmannschaft ausdrückt. “Eine richtig harte Disziplin”, wie Maximilian Schachmann nach seinem Debüt in der Staffel berichtete.
Die besondere Herausforderung in Zürich lag im anspruchsvollen Parcours, der eine Kombination darstellte aus aerodynamisch optimierter Hochgeschwindigkeitsfahrt, Kletter- und Fahrtechnikprüfung sowie feiner Abstimmung aller Beteiligten. Und Grace Brown, die frischgebackene australische Weltmeisterin im Einzelzeitfahren, betonte: “Es ist schwierig, für so einen Kurs drei Radfahrer zu finden, die gleich stark sind.” Eine Auswahl, die beim Pacing harmoniert und mit einer klaren Strategie ins Rennen geht – sowohl in einem ungewöhnlich langen Anstieg als auch bei Hochgeschwindigkeitsfahrten mit Zentimeterabstand zwischen den extrem schnellen, aber schwer zu steuernden Zeitfahrrädern.
Wie man erfolgreich Teamwork abliefert, zeigten in der Schweiz die Gäste – zum Beispiel die Australier um Brown und die Deutschen, die sich am Ende ein Herzschlagfinale um den WM-Titel lieferten. “Man hat gesehen, dass es superknapp wird. Ich konnte fast nicht hinschauen”, berichtete Miguel Heidemann von den Momenten im Ziel, als die deutschen Männer und Frauen vor den Bildschirmen mitansehen mussten, ob die Australier ihre Bestzeit unterbieten würden. Am Ende rasten Grace Brown und Brodie Chapman um ganze 0,85 Sekunden schneller als die Deutschen über die Ziellinie am Sechseläutenplatz – eine Winzigkeit trennte Gold von Silber. “Wahnsinn! Zwei Teams fahren 56 Kilometer und am Ende ist der Unterschied weniger als ein Augenzwinkern. Was für eine Leistungsdichte!”, bilanzierte Schachmann. “Es ist natürlich immer bitter, wenn es so knapp ist.”
Das deutsche Team musste sich indes nichts vorwerfen lassen, im Gegenteil. Nach dem Start hatte gemäß Absprache Schachmann die Formation auf Tempo gebracht, dann übernahm Youngster Marco Brenner gleichsam als Bergführer am langen Anstieg – die feine Abstimmung führte dazu, dass das deutsche Trio die beste Zwischenzeit hinlegte. Brenner wurde nach seiner erfolgreichen Kletter-Schicht zurückgelassen – Schachmann und Heidemann fuhren Vollgas weiter und übergaben an das Frauen-Trio mit acht Sekunden Rückstand auf Australien und fünf auf die Italiener. “Ich habe am Start die Drei-K-Regel erfunden: Konzentration, Kommunikation, Kraft”, berichtete Schachmann nach getaner Arbeit im Ziel – die Ingredienzen für ein erfolgreiches Mannschaftszeitfahren. “Man muss ehrlich miteinander sein”, ergänzte der Teamälteste der Deutschen. In der französischen Equipe klappte das nicht. Die schwächelnde Audrey Cordon-Ragot versäumte es, ihren Teamkolleginnen frühzeitig freie Fahrt zu geben – die folgende Aufholjagd Richtung Medaillenränge kam dann zu spät. Alle Top-Teams verloren früh eine ihrer Fahrerinnen – die Deutschen Franziska Koch, die das hohe Tempo von Antonia Niedermaier schon früh am Berg nicht mehr halten konnte; Niedermaier zog das Team dann fast im Alleingang noch ins Rennen um Gold. “Ich hätte Antonia gerne mehr geholfen”, sagte Liane Lippert, die lange am Hinterrad der Teamkollegin blieb, geschwächt durch Verdauungsprobleme. Dennoch gelang der deutschen Frauen-Auswahl die schnellste Zeit aller Nationen.
Weltmeister Australien lag nach 53,7 Kilometern 0,85 Sekunden vor der deutschen Mannschaft – oder in Tempo ausgedrückt: Die Sieger waren 0,009 km/h schneller.
“Der Schlüssel zum Erfolg war, dass André eine relativ harmonische Mannschaft aufgestellt hat, die zuvor noch nie zusammen gefahren ist”, befand Heidemann und ergänzte: “Dann kann man auch Teams mit sehr, sehr starken Individualisten schlagen.” Beispielsweise die Auswahl der Italiener, die mit dem zweimaligen Zeitfahr-Weltmeister Filippo Ganna und Europameister Edoardo Affini angetreten war, die aber im Finale mit den Frauen viel Zeit verlor, weil Bergfloh Gaia Realini kaum das Hinterrad der tempofesten Elisa Longo Borghini halten konnte. Trotz der knappen Niederlage zeigten die Deutschen Lust auf mehr. “Wir haben mit den Frauen zusammen eine breite Leistung gezeigt. Das war cool für uns und für den deutschen Radsport. Ich freue mich auf das nächste Mal”, bilanzierte Schachmann. Grace Brown, Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Einzelzeitfahren, sieht noch Verbesserungspotenzial: “Ich mag die Idee, etwas gemeinsam mit den Männern zu machen. Aber man könnte diese Veranstaltung noch packender machen. Viele Nationen haben keine Teams gemeldet.” So verzichteten die Radsportnationen Niederlande, Belgien und Großbritannien diesmal auf einen Start.

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