Es könnte ein schöner Abenteuer-Urlaub werden. Die Oase Al Ula bewirbt Saudi-Arabien als eines der Top-Reiseziele im Wüstenstaat. Doch für Maximilian Walscheid bedeutet der Flug in den Nahen Osten einen Arbeitsweg. Der 31-jährige Radprofi aus Heidelberg hat dort seinen ersten Renneinsatz in der Saison 2025: Bei der AlUla Tour, einem Etappenrennen der UCI-Kategorie 2.1 geht es für ihn von 28. Januar bis 1. Februar 2025 los. Das Rennen und Walscheids Arbeitgeber, der australische Rennstall Jayco AlUla haben den gleichen Sponsor. Es wird eine Aufwärmrunde auf dem Weg zu den großen Saisonzielen 2025 – auf Kopfsteinpflaster und bei der Tour de France.
Die weitgehend flache Streckenführung dürfte dem zweitgrößten und unbestätigt schwersten Radprofi in der World-Tour (1,99 Meter groß und 90 Kilogramm in Topform) entgegenkommen. Vermutlich wird er dort vor allem seine beiden Topqualitäten unter Beweis stellen – als Helfer: Er ist sprintstark und ein unermüdlicher Tempobolzer. Beides kann sein Kapitän Dylan Groenewegen gut brauchen. Der 31-jährige Niederländer, sechsmaliger Etappensieger bei der Tour de France, gibt auf der arabischen Halbinsel ebenfalls sein Saisondebüt und braucht schnelle und tempofeste Teamkollegen für die Vorbereitung des Zielsprints. Gemeinsam mit dem Slowenen Luka Mezgec und dem neuverpflichteten Österreicher Patrick Gamper absolviert Walscheid voraussichtlich die erste Testfahrt für einen neu formierten Sprintzug.
Kurz vor dem ersten Renneinsatz ist Groenewegen einen Teamkollegen und internen Rivalen los – und vielleicht auch Walscheid: Der australische Topsprinter Caleb Ewan wechselte im Januar zu den INEOS Grenadiers. Dieser Wechsel dürfte auch für Walscheid Veränderungen bedeuten: Seine Chancen, bei flacheren Rennen auf eigenen Erfolg fahren zu dürfen, sollten steigen. Sein Ziel: “Ich möchte jedes Jahr ein Rennen gewinnen.” Seit Beginn seiner Profikarriere zur Saison 2016, damals bei Giant-Alpecin, ist ihm das durchweg gelungen – fast immer als Einzelsieg, mitunter aber auch einmal im Team. 2021 gewann er mit der deutschen Nationalmannschaft auf der Abschiedsrunde von Tony Martin den WM-Titel im Mixed-Mannschaftszeitfahren. “Für mich ist es wichtig, den Riecher für den Sieg zu behalten”, betont der sprintstarke Allrounder.
Walscheid hat zwei Arbeitsbereiche: als Helfer und (eher seltener) als Siegertyp. Seinen ersten Saisonhöhepunkt sieht der Medizinstudent am 13. April 2025. “Was eigene gute Ergebnisse angeht, ist definitiv Paris-Roubaix mein Fokuspunkt”, betont er vor dem Saisonauftakt 2025. Es ist eine Art späte Liebe zu der Prügelei auf Kopfsteinpflaster. Groß, stark, tempofest – kein anderes Rennen ist dem Hünen derart auf den Leib geschneidert. Platz acht feierte er als bisher bestes Ergebnis im Velodrom von Roubaix im Jahr 2023 – damals noch im Trikot der französischen Equipe Cofidis. Es könnte noch mehr sein. Zu oft ist ihm auf dem Weg etwas dazwischengekommen – erst spät in seiner mittlerweile zehnjährigen Karriere durfte er beweisen, dass er ein Topmann für raues Terrain ist. Mit Rückschlägen geht er entspannt um. Im Vorjahr war als Gesamtführender der Österreich-Rundfahrt auf der zweiten Etappen gestürzt – mitten in der Saison Anfang Juli. “Als ich über meine eigene Saisonbilanz nachgedacht habe, hatte ich schon fast vergessen, dass ich mir dort das Handgelenk gebrochen hatte”, sagt er.
Die vergangene Saison lief dann trotzdem ganz gut – der angestrebte Sieg gelang ihm im September bei Omloop van het Houtland – bei dem Rennen in Belgien hatte er schon im Jahr 2019 als Erster gejubelt. “Das war in vielerlei Hinsicht schön und wichtig. Zusätzlich konnte ich auch noch mit der Mannschaft das Auftaktzeitfahren der Slowakei-Rundfahrt gewinnen. Und das war auch ein bisschen symbolisch für das ganze Jahr”, bilanziert Walscheid. Kurz gesagt: Siegen, hinfallen und Aufstehen, wieder siegen. Persönliche Siege und Siege dank Teamwork. Das ist die Mischung, die es für Walscheid interessant macht und Walscheid interessant für seinen Arbeitgeber macht. “Mich kann man für einen flachen Sprint bei der Tour de France oder als letzten Helfer für Michael Matthews bei der Flandern-Rundfahrt mitnehmen. Und ich kann Ben O’Connor durch windige Flachetappen oder bis zum ersten Berg bei schweren, schweren Etappen fahren” – so erläutert Walscheid selbst seinen Job. Der neu verpflichte Australier O’Connor erschließt neue Arbeitsbereiche: Er war bereits einmal Vierter bei der Frankreich-Rundfahrt und im Vorjahr Zweiter der Vuelta a Espana. Der schmale Kletterer kann sich im Fahrtwind hinter dem breiten Kreuz von Walscheid verstecken.
Denn Walscheid hat wieder große Lust, beim größten Ereignis des Radsportjahres dabei zu sein. “Ich mache mir berechtigte Hoffnung wieder bei der Tour de France dabei zu sein”, sagt er während des Teamtrainingslagers im Januar. Nach zwei Jahren Pause. Beim ersten Mal 2023 hat das Zugucken nicht geschmerzt – zu wach war die Erinnerung, wie hart die Durchquerung der Hochgebirge in Frankreich für einen Mann mit seiner Statur ist. Aber nirgendwo sonst stehen die Radprofis derart im Mittelpunkt. Und Arbeit gibt es in den drei Wochen genug zu tun: Tempobolzen im Flachen für den neu verpflichteten australischen Rundfahrtkapitän Ben O’Connor oder als wichtiger Teil im Sprintzug für Dylan Groenewegen. Beim Team Jayco-Alula wissen sie, was sie an dem gebürtigen Neuwieder haben.
Walscheids Vertrag mit den Australiern läuft zum Saisonende aus. Walscheid sagt, er mache sich keine Sorgen. Er hat Perspektiven. Wenn es mit dem Radsport vorbei ist, will er endlich sein Medizinstudium abschließen. Zwei Semester fehlen noch. Arzt statt Radprofi – wenn Walscheid einmal vom Rad steigt, muss das kein Abstieg sein.

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