Thomas Musch
· 29.04.2026
Die erste Austragung des Rennens fand 1962 unter dem Namen “Rund um den Henninger Turm” statt. Vorausgegangen war 1961 die Gründung der “Gesellschaft zur Förderung des Radsports”, mit der sich die Frankfurter Radsport-Funktionäre und Brüder Hermann und Erwin Moos das Fundament schufen, um professionell Radrennen zu organisieren. Die Premiere gewann der belgische Radprofi Armand Desmet. Ein besonderes Merkmal des Rennens war und ist es bis heute, nicht nur den Profis eine Bühne zu bieten, sondern fast durchgehend immer auch Rennen für Amateure, Jugendliche, Schüler und nicht zuletzt auch Jedermannsportler zu veranstalten.
Der 1. Mai als fester Termin für das Radrennen in Frankfurt ist Fluch und Segen zugleich. In Deutschland ist der Tag stets ein Feiertag, was den teilnehmenden Sportlern, sofern sie keine Profis sind, entgegenkommt und zuverlässig Fans und Zuschauer an die Strecke lockt, weil sie den Besuch beim Rennen als Feiertagsausflug unternehmen können. Auch für die Sportberichterstattung war das über viele Jahre ein Vorteil, weil an dem Tag nicht viele andere Sportereignisse von Rang stattfinden und der Radsport in Frankfurt entsprechende Aufmerksamkeit erfuhr. Nachteil: Der 1. Mai ist jedes Jahr an einem anderen Wochentag. Das machte es für das Rennen in Frankfurt schwer, im dicht besetzten Rennkalender, der sich immer an den Wochenenden ausrichtet, einen geschützten Platz zu erlangen. Fiel oder fällt der 1. Mai aufs Wochenende, kann das auch Auswirkungen auf die Qualität des Starterfeldes bei den Profis haben, weil die Stars durch Startverpflichtungen bei anderen Rennen anderweitig gebunden sein können. Auch das trug dazu bei, dass “Rund um den Henninger Turm” und “Eschborn-Frankfurt” nie den Status wie beispielsweise die Klassiker in Belgien und den Niederlanden erlangen konnten - obwohl es der passende Schlusspunkt der Klassiker-Kampagne sein könnte.
Nach rund 40 Jahren relativer Konstanz unter dem Namen “Rund um den Henninger Turm” sind die vergangenen 20 Jahre des Rennens von vielen Veränderungen und Umbenennungen geprägt. Nach dem Tod der Brüder Moos (Erwin Moos starb 2002, Hermann Moos 2004) übernahm Erwins Sohn Bernd Moos-Achenbach die Geschäftsführung. 2009 wurde das Rennen erstmals als “Eschborn-Frankfurt City Loop” veranstaltet, der Start erfolgte in Eschborn, einer Stadt im Main-Taunus-Kreis, die im Westen von Frankfurt liegt und unmittelbar an das Stadtgebiet grenzt. Wenig später wurde es umbenannt in “Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt” und endete erstmals vor der Alten Oper in Frankfurt. 2017 wurde die einst von den Brüdern Moos gegründete “Gesellschaft zur Förderung des Radsports” von der ASO übernommen, der Amaury Sport Organisation, der auch die Tour de France gehört. Seither ist das Rennen als “Eschborn-Frankfurt” etabliert.
Das Gebäude, das dem Rennen bei seiner Gründung und für viele Jahre den Namen gab, wurde 1961 von der damaligen Henninger Bräu AG fertiggestellt. Der an sich schmucklose Silo für Braugerste am Hainer Weg im Stadtteil Sachsenhausen bekam einen runden Aufsatz mit Aussichtsplattform und Drehrestaurant, der einem (Bier-)Fass ähneln soll. Der rund 120 Meter hohe Henninger Turm wurde damit zu einem beliebten Ausflugsziel. Um für den Turm Werbung zu machen, verfiel die Brauerei auf die Idee, ein Radrennen zu veranstalten und fand in den Brüdern Moos die idealen Partner. Start und Ziel des Rennens befanden sich in den Anfangsjahren in unmittelbarer Nähe zum Henninger Turm am Hainer Weg.
Stilbildend für das Rennen ist seither der Schleifenkurs, hinaus aus dem Ballungsraum Frankfurt und hinein in den Taunus. Aktuell sind vier Bergwertungen zu bewältigen, deren Namen eng mit der Renngeschichte verbunden sind: Mammolshain (3x), Feldberg (2x), Burgweg (3x) und Sandplacken. Das Finale hat sich im Laufe der Renngeschichte immer wieder geändert. Nach der Gründungsphase mit der Zielankunft am Hainer Weg wurde das Ziel nach dem Sponsorenwechsel in die Darmstädter Landstraße verlegt. Inzwischen werden im Zentrum von Frankfurt und entlang des Mains drei Schlussrunden absolviert, bevor es zum Schlusssprint in Sichtweite der Alten Oper kommt.
2015 beobachtete die Polizei ein Ehepaar, das den radikal-islamistischen Salafisten zugerechnet wurde, wie es die Rennstrecke von Eschborn-Frankfurt ausspionierte. Bei den anschließenden Wohnungsdurchsuchung wurden Waffen und Sprengstoff sichergestellt. Das Rennen wurde daraufhin aus Sicherheitsgründen abgesagt.
2020 wurde das Rennen wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt. Die Bemühungen um eine Austragung zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr scheiterten. Für 2021 wurde ein Termin im September angesetzt, der aber nicht stattfand, ebenso wie im Jahr 2022.
Der 38 Jahre alte Norweger Alexander Kristoff, der seit diesem Jahr im Radsport-Ruhestand ist, hat sich in den 2010er-Jahren zum Spezialisten für den Taunus-Klassiker entwickelt und sein “Lieblingsrennen” 2014, 2016, 2017 und 2018 gewonnen.
Der erste deutsche Sieger am Hainer Weg war 1963 bei der zweiten Austragung Hennes Junkermann vor Willi Altig. Dessen Bruder Rudi gewann das Rennen 1970. Gregor Braun konnte “Rund um den Henninger Turm” 1978 gewinnen. Danach folgte eine längere Pause - sehr zum Leidwesen von Didi Thurau, der das Rennen als gebürtiger Frankfurter unbedingt auch einmal gewinnen wollte, mit Platz zwei 1977 aber sein bestes Ergebnis erzielte. 1994 war dann Olaf Ludwig der nächste deutsche Profi und der erste aus Ostdeutschland, der den Sieg erringen konnte. Weitere deutsche Sieger sind Erik Zabel (dreimal), Kai Hundertmark, Patrick Sinkewitz, Fabian Wegmann, John Degenkolb und zuletzt 2019 Pascal Ackermann.
Das Jedermannrennen bei Eschborn-Frankfurt firmiert aktuell unter dem Namen ADAC Velotour und entwickelt sich seit einigen Jahren zu einem der beliebtesten Hobbysport-Events in Deutschland. Im Frühjahr wurde das Starterfeld ein weiteres Mal auf jetzt 12.000 Startplätze aufgestockt, die aber lange vor dem Rennen am 1. Mai alle restlos ausverkauft waren
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