Während die anderen vier Monumente jeweils einen ganz eigenen Charakter besitzen, gilt die Lombardei-Rundfahrt als das Rennen, das am stärksten auf die Fähigkeiten von Kletterern und bergfesten Rundfahrern zugeschnitten ist. Nirgendwo sonst im Kreis der Monumente kommen so viele Höhenmeter, so viele anspruchsvolle Anstiege und ein derart selektives Finale zusammen.
Mailand-Sanremo ist das Reich der Sprinter und Puncheure. Die Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix werden von Klassikerspezialisten geprägt, die auf Kopfsteinpflaster und kurzen, explosiven Anstiegen glänzen. Lüttich-Bastogne-Lüttich gilt zwar als anspruchsvolles Ardennenrennen, doch die Lombardei-Rundfahrt geht in Sachen Kletteranforderungen meist noch einen Schritt weiter.
Der Grund liegt in der Streckenführung. Jahr für Jahr reiht sich in Norditalien Anstieg an Anstieg. Die Fahrer müssen häufig mehr als 4500 Höhenmeter bewältigen, während die entscheidenden Berge oft erst im letzten Renndrittel warten. Dadurch entsteht ein Rennen, das nicht von einem einzelnen Kraftakt entschieden wird, sondern von wiederholten Belastungen über viele Stunden hinweg.
Gerade das macht die Lombardei-Rundfahrt so besonders. Ein Fahrer kann sich hier nicht allein auf seine Explosivität verlassen. Ebenso wenig reicht die Fähigkeit aus, einen einzelnen langen Pass schnell hinaufzufahren.
Vielmehr müssen die Athleten immer wieder beschleunigen, Anstiege mit unterschiedlichen Charakteristiken bewältigen und sich nach jeder Belastung schnell erholen. Die Mischung aus langen Anstiegen, steilen Rampen und technisch anspruchsvollen Abfahrten fordert ein außergewöhnlich komplettes Profil.
Das zeigt auch die Strecke der Ausgabe 2026. Bereits früh im Rennen stehen mehrere Anstiege im Raum Bergamo auf dem Programm. Im weiteren Verlauf folgen mit dem Ghisallo sowie dem Finale rund um Civiglio und San Fermo della Battaglia die eigentlichen Schlüsselstellen, die das Feld nach und nach zermürben. Anders als bei vielen anderen Rennen gibt es kaum längere Erholungsphasen. Gute Kletterer sind im Vorteil, aber am Ende gewinnt der Fahrer, der nach mehr als 200 Kilometern noch über die größte Explosivität verfügt.
Genau deshalb hat sich die Lombardei-Rundfahrt in den vergangenen Jahren zu einem Rennen entwickelt, das vor allem den komplettesten Fahrern des Pelotons entgegenkommt. Gefragt sind Athleten, die über viele Stunden hinweg hohe Leistungen abrufen können, gleichzeitig aber auch die nötige Explosivität für kurze, steile Rampen besitzen.
Reine Sprinter werden meist schon früh aussortiert. Klassische Klassiker-Spezialisten stoßen an ihre Grenzen, sobald sich die Höhenmeter summieren. Selbst ausgewiesene Bergfahrer müssen aufpassen, den Anschluss nicht in den technischen Abfahrten oder auf den schnellen Übergangsabschnitten zu verlieren.
Genau darin liegt die Faszination der Lombardei-Rundfahrt. Sie ist weder ein klassisches Bergrennen noch ein typischer Eintagesklassiker. Vielmehr vereint sie die Anforderungen beider Welten und schafft damit ein Profil, das innerhalb des Monument-Kalenders einzigartig ist.
Wer hier gewinnt, muss klettern, attackieren, abfahren und taktisch denken können. Die Lombardei-Rundfahrt ist deshalb mehr als nur das letzte große Rennen des Jahres. Sie ist die wohl anspruchsvollste Bühne für Kletterer im Vergleich der Eintagesrennen und für viele Beobachter das härteste Monument, das der Kalender zu bieten hat.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.