Das Amstel Gold Race in den Niederlanden gehört nicht zu den fünf Monumenten des Radsports - ist aber trotzdem ein traditionsreicher Frühjahrsklassiker und ein spannendes Rennen
Die Initiative für das Amstel Gold Race ging von zwei Geschäftsleuten und Betreibern einer Sportagentur aus, die ein Radrennen veranstalten wollten und einen guten Kontakt zur Amstel-Brauerei hatten. Die gab dem Rennen den Namen und sponsert es bis heute. Damit ist es ein typisches Gewächs der späten 1960er-Jahre und der einzige der namhaften Frühjahrsklassiker in der World-Tour, der den Namen seines Sponsors im Namen trägt. Die erste Austragung fand am 30. April 1966 statt – mithin feiert das Rennen in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen.
Anfangs sollte das Rennen quer durch die Niederlande von Amsterdam nach Maastricht führen, doch erwies sich das als zu aufwendig in der Organisation. Die erste Austragung verband die Städte Breda und Meerssen und konzentrierte sich in den Folgejahren auf die Provinz Limburg im Südosten der Niederlande – im Grenzgebiet zu Belgien und Deutschland auch die einzige nennenswert hügelige Region des Landes, mit Start und (zumindest viele Jahre) Ziel in Maastricht.
Vorteil des Kurses, der aus vielen kunstvoll in die Region um Maastricht gelegten Schleifen besteht: Die Zuschauer haben bei kurzen Wegen gleich mehrfach im Rennverlauf die Möglichkeit, die Rennfahrer zu sehen. In den ersten Jahrzehnten verlief die Strecke überwiegend flach und bot auch Sprintern die Chance auf einen Sieg bei einem der namhaften Frühjahrsklassiker. Ab Anfang der 1990er-Jahre führten die Veranstalter die Rennfahrer in der letzten Rennstunde über immer mehr Anstiege.
Was den Belgiern ihre „Hellinge“, sind den Niederländern die „Heuvel“: Etwas euphemistisch als „Hügel“ bezeichnete Anstiege, zwar selten lang, aber oft sehr steil, teils bis zu 20 Prozent. Die bis zu 30 und mehr Anstiege summieren sich je nach Streckenwahl auf bis zu 50 Kilometer bergauf und rund 2.500 Höhenmeter. „Das Amstel“ ist deshalb heutzutage längst keine leichte Beute für die Sprinter mehr. Die bekanntesten „Heuvel“ sind Eyserbosweg, Fromberg, Keutenberg - und natürlich der Cauberg bei Valkenburg, rund 15 Kilometer östlich von Maastricht. Er wechselte im Rennverlauf des Amstel Gold Race schon vielfach Position und Rolle im Rennen, war Zielpunkt, letzter Anstieg vor dem Ziel und auch schon wichtiger bzw. rennentscheidender Streckenpunkt bei den Weltmeisterschaften 1998 in Valkenburg bzw. 2012 in der Region Limburg. In manchen Jahren war er auch gar nicht Teil der Strecke, zum Beispiel zwischen 2017 und 2024.
Einige Kilometer vor dem Ende des Rennens im Jahr 1978 attackierte der spätere Sieger Jan Raas aus einer Spitzengruppe heraus am Cauberg in Valkenburg und erwischte dabei den Windschatten einiger Begleitmotorräder, die nicht gleich nach vorne wegziehen konnten. Der Sportliche Leiter seines Kontrahenten Francesco Moser wollte diesem den gleichen Vorteil verschaffen und nahm den italienischen Mitfavoriten hinters Teamfahrzeug in den Windschatten. Das wiederum brachte Raas‘ Teamchef Peter Post auf die Palme, der mit seinem Raleigh-Teamauto daraufhin die Rennstrecke blockierte. Die folgende Rangelei zwischen den beiden Teamautos bremste die Verfolger Joop Zoetemelk (Niederlande), Moser und den belgischen Top-Sprinter Freddy Maertens dann so aus, dass Jan Raas sich uneinholbar absetzen konnte. Anschließende Proteste gegen seinen Sieg wurden abgelehnt.
Der sprintstarke und vielseitige Niederländer Jan Raas (Team Ti-Raleigh) errang fünf Siege in den sechs Jahren zwischen 1977 bis 1982. Ihm folgt der belgische Klassikerspezialist Philippe Gilbert mit vier Siegen zwischen 2010 und 2017. Der Belgier Eddy Merckx, der Niederländer Gerrie Knetemann, der Schweizer Rolf Järmann, der Italiener Enrico Gasparotto und der Pole Michał Kwiatkoski konnten das Amstel Gold Race je zweimal für sich entscheiden.
Der erste Sieg eines deutschen Profis in den Niederlanden gelang Olaf Ludwig 1992, damals noch im Trikot des Teams Panasonic-Sportlife, bevor er 1993 zum Team Telekom wechselte. Im Jahr 2000 gewann Erik Zabel für das Team Telekom, 2007 siegte Stefan Schumacher (Team Gerolsteiner).
1996 hatte Bjarne Riis für das Team Telekom die Tour de France gewonnen und zusammen mit dem Zweitplatzierten Jan Ullrich sowie dem gesamten Team eine erste Welle der Radsportbegeisterung in Deutschland entfacht. 1997 galt der hochaufgeschossene Däne erneut als Kapitän für die Tour de France – und hatte sich als wichtigen Formtest auf dem Weg zur Tour das Amstel Gold Race ausgesucht, während er ansonsten bei den klassischen Eintagesrennen so gut nie in Erscheinung trat. Im Finale befand Riis sich in einer achtköpfigen Spitzengruppe am Muizenberg, als er plötzlich ans Ende des Feldes zurückfiel und nach seinem Teamwagen suchte. Er hatte einen Platten am Vorderrad und zeigte seinem Teammanager eine obszöne Geste, weil dieser so lange für den Reifenwechsel brauchte. Riis musste die Führenden wieder einholen, überholte sie und attackierte im selben Moment, 35 Kilometer vor dem Ziel. Schließlich gewann er das Rennen als Solist mit 46 Sekunden Vorsprung. Es war der erste Sieg eines Dänen beim Amstel Gold Race und auch der einzige Klassikersieg von Rang für den Rundfahrtspezialisten. Damit war der Formtest für die Tour de France positiv für den Dänen verlaufen – die Frankreich-Rundfahrt gewann wenige Monate später aber sein Kronprinz Jan Ullrich.
Die Historie des Amstel Gold Race als Rennen für Frauen ist noch sehr dünn. Bis 2016 fand es nur dreimal statt, nämlich Szwischen 2002 und 2003. Seit 2017 findet es jährlich statt und ist Teil der Women’s World-Tour. Sechs der acht Austragungen seit 2017 wurden von niederländischen Profifahrerinnen gewonnen, zweimal siegte Marianne Vos.
Im Gegensatz zur dürftigen Geschichte des Frauenrennens existieren in den Niederlanden gleich zwei Jedermann-Veranstaltungen, die sich auf das Amstel Gold Race beziehen. Die „Amstel Gold Race Toerversie“ findet üblicherweise einen Tag vor dem Männerrennen auf der Profi-Strecke statt, es werden aber auch kürzere Strecken über 65, 100, 125, 150, 200 und 240 Kilometer angeboten. Daneben gibt es noch eine Tourenversion des Jedermannrennens unter dem Namen „Limburgs Mooiste“ (Limburgs Schönste), die zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet, 2025 am 29./30. Mai.

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