Andreas Kublik
· 14.04.2026
TOUR: Franziska, was tut Ihnen alles am Tag nach dem Triumph bei Paris-Roubaix weh?
FRANZISKA KOCH: Eigentlich nicht so viel. Ich habe keine Blasen an den Händen, das ist schon mal sehr angenehm. Ich merke meine Beine, wenn ich die Treppen im Haus hochlaufe. Aber es ist kein anderer Schmerz als nach einem anderen harten Rennen. Die schmerzenden Unterarme - das ist das, was heraussticht im Vergleich zu anderen Rennen.
Während der Live-Übertragung sah es so aus, als seien Sie nicht überrascht von Ihrer Rolle im Finale gewesen – in einem Trio an der Spitze mit Marianne Vos, der vielleicht historisch besten Radsportlerin, und Tour-de France-Siegerin Pauline Ferrand-Prévot, beide aus dem Team Visma-Lease a Bike. Ihre Fahrweise im Finale sah nach einem klaren Plan aus – inklusive des Sprints auf der Radbahn in Roubaix. Richtig beobachtet?
Ja, mir war alles sehr bewusst. Ich hatte auch gute Kommunikation mit meinem Sportlichen Leiter im Auto. Wir hatten schon vor dem Rennen über verschiedene Szenarios gesprochen und darüber, was meine Stärken sind, was ich brauche, um einen eventuellen Sprint im Velodrom zu gewinnen. Das haben wir dann im Rennen auf meine Konkurrenz abgestimmt. Von daher bin ich mit einem klaren Plan reingegangen. Aber man weiß nie, was die anderen machen, und muss sie im Auge behalten.
Wie schlägt man denn die sprintstarke und extrem erfahrene Marianne Vos im Sprint?
Ich denke, am Ende war meine Kraft einfach ein bisschen besser als ihre. Ich habe den Vorteil der Bahn ausgenutzt. Ich habe sie oben gehalten; das heißt, ihr Sprint war ein bisschen länger als meiner. Am Ende hat man gesehen, dass ich ein bisschen mehr Körner auf den letzten zehn Metern hatte als sie.
Wieviel Erfahrung im Bahnradsport bringen Sie mit?
Ich bin immer kleine Rennen oder Deutsche Meisterschaften auf der Bahn gefahren, bis zum Juniorenalter. Aber meine Bahnkarriere ist auch schon neun Jahre her. Aber was man einmal lernt, verliert man nicht, nä?
Wie fühlt man sich als „Monster“? So hat sie die Tour-Siegerin Pauline Ferrand-Prévot in einer ersten Reaktion genannt – wegen Ihrer Stärke im Rennen.
(lacht) Ich würde sagen, ich bin immer noch die liebe Franzi und kein Monster. Aber es ist sehr schön die Anerkennung von den anderen Fahrerinnen zu hören.
Was auf jeden Fall ein Monster ist, ist natürlich dieses Rennen: Paris-Roubaix, die Fahrt durch die „Hölle des Nordens“ über 30 Kilometer grobes Kopfsteinpflaster auf 143 Kilometern Renndistanz. Wieviel Angst spielt auf dem Weg zum Sieg mit?
Ich glaube, wenn man mit Angst in ein Rennen reingeht, dann wird das nicht funktionieren. Meine Mentalität für dieses Rennen ist: Vielleicht gewinne ich das Rennen und vielleicht breche ich mir ein paar Knochen, aber ja, der Preis lohnt sich! Es ist eine Gefahr, die wir im Prinzip in jedem Rennen eingehen. Man darf sich davon nicht abschrecken lassen.
Bei Ihrem Roubaix-Debüt im Jahr 2021 wurden Sie bereits Siebte. Wie sehr haben Sie daran geglaubt, dass hier ein großer Erfolg möglich sein könnte?
Ich hab daran geglaubt! Man muss träumen können, oder? Der größte Traum war natürlich der Sieg. Ich wollte auf jeden Fall schon immer einen Pflasterstein mit nach Hause nehmen. Man muss an seine Träume glauben. Ansonsten funktioniert es nicht. Und man darf nicht aufgeben.
Die folgenden Jahre waren für Sie nicht so erfolgreich. Was hat Sie weiter glauben lassen?
Ich glaube, meine Qualität ist es, in chaotischen Momenten ruhig zu bleiben. Ich bin gut darin, mich im Feld zu bewegen. Und ich habe auch noch die richtige Power, um angreifen zu können. Deshalb habe ich immer weiter daran geglaubt. Es ist ein sehr spannendes Rennen und das Schöne an diesem Rennen ist, dass es wirklich unvorhersehbar ist.
Sie haben die sechste Ausgabe von Paris-Roubaix bei den Frauen gewonnen – es war die erste, die am gleichen Tag wie das Rennen der Männer stattgefunden hat. Die Frauen sind nach den Männern gestartet und sind auf den letzten Kilometern die gleiche Strecke gefahren. Welche Veränderung haben Sie dadurch erlebt?
Es waren auf jeden Fall einiges mehr an Zuschauern da, vor allem in den Kopfsteinsektoren, zum Finale hin. Das hat man schon deutlich gemerkt. Auf den ersten Stücken waren jetzt nicht viel mehr Zuschauer zu sehen. Was natürlich ein bisschen schade ist: dass die Fernsehübertragung so kurz war. Es hat also Vorteile und Nachteile. Es wäre schon schöner, wenn man das ganze Rennen im Fernsehen sehen könnte.
Von den Frauen gab es nach dem Männerrennen nur das Finale zu sehen. Kann man sagen: Es gab mehr Zuschauer – aber ist es für den Frauenradsport besser, wenn es nicht am gleichen Tag stattfindet?
Ja, definitiv. Ich denke, jeweils getrennte Rennen am Samstag und Sonntag zu haben, ist besser für den Frauenradsport. Ein Mensch kann ja nur eine gewisse Anzahl von Informationen an einem Tag aufnehmen. Und wie soll man Paris-Roubaix von den Männern, wo so viel passiert, und von den Frauen, wo auch so viel passieren kann, gleichzeitig wahrnehmen und anerkennen? Ich denke, wenn die Rennen an zwei verschiedenen Tagen stattfinden, dann wird beides ein bisschen mehr wertgeschätzt. Und dann kann ich auch meinem Freund zuschauen. Jetzt konnte ich nur den Anfang des Männerrennens sehen. Dann musste ich selber los.
Ihr Freund Riley Pickrell, der für das Team Modern Adventure Pro Cycling, konnte das Rennen nicht beenden. Wie teilen Sie Freude über Ihren Sieg und sein Leid?
Er hatte leider sehr, sehr viel Pech. Er hatte einen Sturz, mehrere Defekte. Also, ich würde sagen, er hatte für mich Pech mit übernommen. Und er hat sich sehr, sehr, sehr für mich gefreut. Ich denke, das teilen wir dann.
Danach gab es zwischen Ihnen beiden die vielleicht längste Umarmung, die man nach einem Sieg im Radsport gesehen hat…
So süß!
Wie ging es nach dem Sieg weiter. Wann war Ihr Tag beendet?
Um 4:30 Uhr bin ich schlafen gegangen. Nach dem Rennen bin ich erst mit einer Teamkollegin Richtung deutsche Grenze gefahren, dann haben meine Eltern mich da abgeholt. Um Mitternacht war ich zu Hause, habe im Bett wach gelegen und mir meinen Sprint nochmal angeguckt. Außerdem habe ich so viele Nachrichten bekommen - das ist unglaublich. Ich habe versucht, so viele wie möglich zu beantworten.
Wie und wo haben Ihre Eltern, die beide selbst Radsportler waren, Ihren Erfolg erlebt?
Zu Hause in Mettmann vorm Fernseher. Sie sind sehr, sehr stolz. Mein Papa war mein Trainer früher, als ich aufgewachsen bin, und er fiebert sehr, sehr viel mit. Roubaix ist leider zu weit weg von zuhause. Sie fahren sonst gerne zu den Rennen. Bei der Flandern-Rundfahrt waren sie da und sind die Strecke an sieben Stellen angefahren und haben dort zugeguckt.
Sie haben mit dem Sieg in Roubaix ein sehr starkes Frühjahr gekrönt. Was war für diesen Leistungssprung, die Ergebnisse ausschlaggebend? Der Wechsel von Team Picnic PostNL zu FDJ-SUEZ?
Der Teamwechsel ist mit der Hauptgrund. Ich habe andere Teamkollegen, ein anderes Umfeld. Ich habe einen neuen Trainer. Und dieser frische Wind tut mir sehr gut. Neue Sachen – das macht manchen Menschen Angst. Mir gibt das noch mal extra Motivation, extra Feuer. Und ich habe soviel Vertrauen von meinem Team bekommen, dass ich dieses Rennen gewinnen kann! Also mein D.S. (Sportlicher Leiter; Anm. d. Red.) hat mir nach der Flandern-Rundfahrt gesagt: Nächste Woche gewinnst du! Ich habe ihn angeguckt und gewusst, er meint es aus tiefem Herzen - das macht halt wirklich etwas mit einem.
Was ist in der neuen Equipe alles anders – abgesehen vom neuen Teamtrikot?
Also ich lieb das Specialized-Bike, das wirklich mein Lieblingsfahrrad ist. Das Team denkt an viele Kleinigkeiten. Es wird wirklich zugehört und wenn man Feedback hat, dann machen sie was damit. Es wird sozusagen versucht, jede Schraube richtig einzustellen.
Wie geht es nach der Plackerei weiter?
Das ist das Schöne am Radsport: Das nächste Rennen ist um die nächste Ecke. Mein nächstes Rennen ist schon am Freitag (17. April) beim Brabantse Pijl (Pfeil von Brabant) und dann das Amstel Gold Race. Danach fahre ich die Vuelta (Spanien-Rundfahrt) und habe dann eine Pause. Ich will jetzt auch keine Party oder Pause machen – ich habe hart gearbeitet, um auf dieses Level zu kommen, das ich jetzt habe. Jetzt ist Spielzeit – ich will Rennen fahren.
Sie haben nun am 12. April 2026 erlebt, dass für Sie ganz große Siege möglich sind. Hat das Ihren Blick auf persönliche Ziele neu justiert?
Ja. Ich hoffe auf jeden Fall, das ist nicht mein einzigstes Roubaix, dass ich in meiner Karriere gewinne. Ich hab auf jeden Fall noch weitere Träume: Irgendwann will ich selber Flandern gewinnen oder einen Weltmeistertitel Solche Sachen stehen auf jeden Fall noch auf meiner Liste.

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