Rad-WM in AustralienDas war das Straßenrennen der Männer

Andreas Kublik

 · 11.12.2022

Alle Weltmeisterinnen & Weltmeister der Rad-WM 2022: Einzelzeitfahren U23 Frauen: Gold Vittoria Guazzini (Italien), Silber Shirin van Anrooij (Niederlande), Bronze Ricarda Bauernfeind (Deutschland)
Foto: Getty Velo

Der frühreife Remco Evenepoel fährt bei der Rad-WM solo ins Regenbogentrikot, weil das Zusammenspiel und die Rollenverteilung mit Wout van Aert klappt - und die Konkurrenz mitspielt.

Es war wohl eher eine Zweckehe als eine Liebesheirat, zu der die versammelte Weltpresse in Wollongong quasi als Trauzeugen geladen wurde. In einer Pressekonferenz des belgischen Teams schworen sich Wout van Aert und Remco Evenepoel die Treue - vielleicht nicht, bis der Tod sie scheiden würde, aber immerhin bis der Rennverlauf das Bündnis auflösen sollte. “Ja”, sagte Evenepoel auf die Frage, ob die beiden Anführer des belgischen Teams im WM-Rennen von Wollongong gemeinsame Sache machen würden.



“Es ist, wie wenn man in einer Kirche heiratet und ‘Ja’ sagen muss”, bemerkte van Aert augenzwinkernd vor den Journalisten. Auch dort soll das Ja-Wort ja nicht zwingend ewige Treue nach sich ziehen. Der Treueschwur bedeutete lediglich, dass man es dem jeweiligen Teamkollegen, der gleichzeitig der größte Konkurrent im Titelrennen war, nicht unnötig schwer machen würde.

Die Vögel von Wollongong

Schließlich sollte sich ja kein Dritter über den WM-Titel freuen. “Wir sind dadurch schwerer auszurechnen. Das ist ein großer Vorteil für unser Team”, erläuterte van Aert, der Seniorpartner des Gespanns. Das Selbstbewusstsein war überbordend - speziell beim Shooting-Star des Duos. Wer die größten Gegner im Rennen seien? “Die Vögel”, antwortete Evenepoel angesichts der für die Radprofis ungewohnten Sturzflugattacken, die die Elstern in Wollongong auf vorbeikommende Radsportler unternahmen.

Rad-WM: Die Strecke entlang der australischen Westküste bei Wollongong Foto: Getty Velo
Rad-WM: Die Strecke entlang der australischen Westküste bei Wollongong

Zehn Jahre nach dem letzten Titelgewinn eines Belgiers durch Philippe Gilbert und ein Jahr nach dem verpatzten Heimspiel bei den WM-Rennen rund um die flämische Stadt Leuven war man sich einig: Man musste es diesmal besser machen. Damals, nach einem unausgereiften WM-Auftritt, an dessen Ende die Gastgebernation im Kampf um die Medaillen leer ausgegangen war, las man in den Schlagzeilen von Zerwürfnissen zwischen den beiden aktuell stärksten Belgiern.

Die Top-Favoriten

Im Finale hatten die zwei Julian Alaphilippe jedenfalls nichts entgegenzusetzen, als der Franzose auf dem hügeligen Stadtkurs in Leuven ins Regenbogentrikot stürmte. Jasper Stuyven landete als bester Belgier auf Rang vier.

Diesmal war die Führungsrolle im belgischen Nationalteam ausdrücklich aufgeteilt zwischen dem Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France, dem sprintschnellen und gleichzeitig berggängigen Van Aert, und dem erst 22-jährigen Wunderknaben Evenepoel, der zwei Wochen zuvor die belgische Öffentlichkeit mit seinem Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt verzückt hatte. “Er ist der kommende Superstar des Radsports”, hatte Ex-Profi Jens Voigt schon vor dem Rennen über Evenepoel gesagt, als er für TOUR die beiden Belgier als seine Top-Favoriten bezeichnete.

Im Ziel strahlten dann beide - die Doppelspitze hatte funktioniert. “Ich denke, viele Jungs hatten ihr Rennen auf mich abgestimmt. Das gab Remco zusätzlichen Raum. Ich bin froh, dass ich diese Rolle ausfüllen konnte”, sagte van Aert. Er selbst war der frühen Attacke der Franzosen am Mount Keira gefolgt, während Evenepoel sich zurückhielt und im Feld bei ­Titelverteidiger Julian Alaphilippe blieb, der aber sichtlich nicht seinen besten Tag erwischt hatte.

Zuvor hatten die beiden Radsportler aus Flandern zusammen mit ihren Teamkollegen eine Art taktisches Meisterwerk auf die Straßen an der australischen Westküste gepinselt. “Wir sind wie ein richtiges Team gefahren. Wie wir vorher gesagt haben: Wir wollen mit dem Team Weltmeister werden”, sagte van Aert, der weiter auf seinen ersten Weltmeistertitel auf der Straße warten muss.

Vorentscheidung bei der Rad-WM

Letztlich schlugen die Kräfteverhältnisse zugunsten des jüngeren Belgiers aus, auch aufgrund der Arbeit des deutschen Nationalteams. Als die Franzosen schon mehr als 200 Kilometer vor dem Ziel am Mount Keira aufs Tempo drückten, hatten die Deutschen die Attacke komplett verpasst - während sich vorne zahlreiche Favoriten wie ­Romain Bardet, Wout van Aert und Tadej Pogacar tummelten.

Die Folge: Miguel Heidemann, Jonas Koch und Nico Denz zogen das verbliebene Peloton mit Evenepoel wieder an die Ausreißer heran. Dabei hatten die durch ­viele Absagen geschwächten Deutschen keinen Medaillenkandidaten in ihren Reihen. Später übernahmen Spanier und Niederländer die Verfolgung - wobei letztere früh im Rennen ihren Kapitän Mathieu van der Poel verloren. Der hatte nach einem nächtlichen Handgemenge auf dem Hotelflur einen Großteil der Nacht auf dem Polizeirevier verbracht und das Rennen nach wenigen Kilometern entnervt aufgegeben.

Unwiderstehlich Richtung Ziel

Evenepoel war dank freundlicher Kooperation der Gegner zurück im Rennen um Gold - während der aussichtsreichste Deutsche, der 24-jährige Georg Zimmermann, rund 75 Kilometer vor dem Ziel in einer Abfahrt spektakulär stürzte und aufgab. Fast zur gleichen Zeit hatte Evenepoel am Mount Pleasant, dem mit rund 14 Prozent steilsten Anstieg des Stadtkurses, mit einer Tempoverschärfung die entscheidende Verfolgergruppe aus dem verbliebenen Hauptfeld initiiert, während van Aert weiter hinten einige Konkurrenten band.

Evenepoel pedalierte unwiderstehlich Richtung Ziel, sammelte die letzten der frühen Ausreißer auf, ehe er 25 Kilometer vor dem Ziel Alexej Luzenko als letzten Begleiter abschüttelte und als Solist ungefährdet dem WM-Triumph entgegenfuhr.

Rad-WM: Die Medaillengewinner Christophe Laporte, Remco Evenepoel und Michael Matthews (von links) Foto: Getty Velo
Rad-WM: Die Medaillengewinner Christophe Laporte, Remco Evenepoel und Michael Matthews (von links)

Dahinter blieb der Kampf um die Medaillen für die Rennfahrer unübersichtlich - eine zögerliche Verfolgergruppe wurde 500 Meter vor dem Ziel vom Feld überrollt. Während des Zielsprints wusste van Aert gar nicht, um welchen Platz es nun gegangen war.

Der Informationsfluss im WM-Rennen, das ohne Funkverbindung zu den Sport­lichen Leitern bestritten wird, war verbesserungswürdig. Van Aert blieb schließlich Platz vier - hinter Christophe Laporte, der auf den letzten Metern die emsige Arbeit der französischen Equipe mit Silber veredelte, und Mitfavorit Michael Matthews, der den australischen Gastgebern zum Abschluss der Wettbewerbe eine Bronzemedaille bescherte.

Evenepoel nichts entgegenzusetzen

Thomas Voeckler, der Nationalcoach der Franzosen, hatte seine Männer mit allen Mitteln das Rennen in Bewegung bringen lassen. Und dennoch blieb die Equipe Tricolore chancenlos. “Remco war nichts entgegenzusetzen”, räumte Voeckler ein. Und der neue Weltmeister war von seiner Saison begeistert: “Ich habe einen Klassiker, eine Grand Tour und die Weltmeisterschaft gewonnen - ich habe alles gewonnen, was ich konnte. Vielleicht werde ich nie wieder eine bessere Saison haben.” Schon mit 22 Jahren hat er sich den Traum vom Regenbogentrikot ­erfüllt, das er voraussichtlich kürzer tragen wird als seine Vorgänger.

“Es ist schade, dass die nächste WM bereits im August ist. Es wird also eines der kürzesten Jahre als Weltmeister!”, bemerkte er. Im nächsten Jahr steigt die Erstauflage der ganz großen Radsport-WM inklusive Mountainbikern, Bahn- und Handicap-Radsportlern, BMX und Granfondo-Wettbewerb von 3. bis 13. August in Glasgow. Könnte gut sein, dass dann der sechs Jahre ältere Landsmann van Aert sein Recht auf die Kapitänsrolle einfordert. Wie auch immer der öffentliche Treueschwur dann lauten mag.

Rad-WM: Ergebnis Straßenrennen der Männer (266,9 km)

  1. Remco Evenepoel (BEL), 6:16:08 Std. (42,575 km/h)
  2. Christophe Laporte (FRA), +2:21 Min.
  3. Michael Matthews (AUS)
  4. Wout van Aert (BEL)
  5. Matteo Trentin (ITA)
  6. Alexander Kristoff (NOR)
  7. Peter Sagan (SLK)
  8. Alberto Bettiol (ITA)
  9. Ethan Hayter (GBR)
  10. 10. Mattias Skjelmose (DEN), alle gleiche Zeit

... 52. Nikias Arndt (GER), +3:08

Junge deutsche Talente bei der Rad-WM

Man kann von einer Verjüngungskur sprechen, die der Bund Deutscher Radfahrer seinen Nationalteams verordnen musste. Tony Martin, der ewige Medaillengarant in den Zeitfahrprüfungen, sowie die Anführerin des Frauenteams, Lisa Brennauer, sind gerade zurückgetreten. Top-Sprinter Pascal Ackermann schwächelt, Lennard Kämna und Maximilian Schachmann fehlten wegen Form- und Gesundheitsproblemen, Nils Politt bekam keine Freigabe von Team Bora-Hansgrohe.

Das bedeutete Chancen für Talente aus der zweiten Reihe: Liane Lippert und Ricarda Bauernfeind zeigten, dass die deutschen Frauen in den kommenden Jahren im Kampf um die Medaillen dranbleiben. Georg Zimmermann, die beste Karte im Männer­-Rennen, stürzte, bevor er sein Können zeigen konnte. Interessant wird, wer aus der U23-Mannschaft den Sprung an die Weltspitze schafft.

Bundestrainer Ralf Grabsch konnte eines der stärksten Aufgebote der vergangenen Jahre nach Australien mitnehmen - wie bei der Tour de l’Avenir fuhren die Männer in Weiß-Schwarz sehr präsent, aber wenig erfolgreich. Michel Hessmann, der beim Team Jumbo-Visma bereits Einsätze in der World-Tour hatte, belegte die Ränge fünf im Einzelzeitfahren und elf im Straßenrennen - aber das Ensemble machte zu wenig aus den vielen starken Einzelkönnern.

Emotional: Emil Herzog jubelt nach dem Sprint gegen Antonio Morgado Foto: Getty Velo
Emotional: Emil Herzog jubelt nach dem Sprint gegen Antonio Morgado

Und von unten drängt bereits eine Spitzenkraft nach, deren verwegener Auftritt im WM-Rennen der Junioren an den jugendlichen Remco Evenepoel erinnerte: Emil Herzog, der kurz nach der WM 18 Jahre alt wurde. Der Allgäuer nahm als Top-Favorit früh im Rennen das Heft in die Hand, fing Attacken ab und griff selbst an - in einem langen Zielsprint besiegte er den Portugiesen Antonio Morgado.

Herzog, im Nachwuchsteam von Bora-Hansgrohe, Auto Eder, groß geworden, wechselt zum international angesehenen US-Nachwuchsteam Hagens Berman Axeon, das Axel Merckx leitet. Bora-Teamchef Ralph Denk glaubt, dass das junge Talent danach als Profi in seinen Rennstall zurückkehrt.

Bronze im Einzelzeitfahren, Gold im Straßenrennen der Junioren sind ein Versprechen - vielleicht aber auch eine Hypothek. Die letzten Junioren-Weltmeister im Straßenrennen aus Deutschland, Holger Loew und Jonas Bokeloh, konnten sich später nie im Profiradsport etablieren.