TOUR: Es ist Ihre 11. Saison als Radprofi. Wie hoch ist der Stellenwert für Sie, die Lidl Deutschland Tour als Heimatrundfahrt zu bestreiten?
Max Walscheid: Die Bedeutung der Deutschland Tour nimmt mit jedem Jahr zu. Natürlich habe ich meine eigene Agenda und den Auftrag für das Team. Diese Dinge sind, da muss man ehrlich sein, am wichtigsten. Aber ich finde es auch gut, vor heimischem Publikum zu fahren und damit auch den Radsport in Deutschland zu pushen. Die Deutschland Tour hat einen Symbolcharakter, wenn man sieht, dass richtige Menschen an der Straße stehen und Radsport gucken - und diesen nicht nur aus anderen Ländern im Fernsehen verfolgen müssen.
TOUR: Sie sind die Deutschland Tour erst einmal im Jahr 2024 gefahren. Welche Erinnerungen haben Sie an das damalige Rennen?
Max Walscheid: Mir war damals wichtig, dass ich mich gut verkaufe, da ich 2024 für die Deutsche Nationalmannschaft gefahren bin. Wenn man das Deutsche Nationaltrikot anhat, fühlt man immer ein wenig Stolz, dass man das eigene Land vertritt. Dann möchte man auch einen guten Job machen. Und letztendlich war es wie bei jedem anderen großen Rennen in Deutschland: Wenn das Rennen einmal steht und organisiert ist, dann ist es eigentlich immer richtig gut. Es waren sehr viele Zuschauer vor Ort und sportlich war es richtig hart.
TOUR: Lidl ist seit 2023 Namenssponsor der Deutschland Tour und seit diesem Jahr Mehrheitsinhaber des Teams. Inwieweit verändert es nochmal den Druck auf die Mannschaft, als in Deutschland lizensiertes Team bei der Heimrundfahrt anzutreten?
Max Walscheid: Ich würde schon sagen, dass der Druck jetzt höher ist. In den Lidl-Farben möchte ich insbesondere auf der zweiten Etappe einen guten Job machen, wenn es darum geht, dass ich im Sprint vorne reinfahren kann. Dadurch ist der Druck für mich an diesem Tag größer als an anderen, wo ich “nur“ Teil des Teamworks bin und nicht zwingend abliefern muss.
TOUR: Die Lidl Deutschland Tour überschnitt sich in den vergangenen Jahren immer um ein paar Tage mit der Vuelta. Welche Bedeutung hat diese Tatsache für Sie im internationalen Vergleich der Tour mit anderen Rundfahrten?
Max Walscheid: Der Stellenwert im internationalen Vergleich ist recht hoch. Obwohl die Rundfahrt ja “nur“ einen Pro-Status hat und es auch parallel weitere WorldTour Rennen wie die Renewi Tour in Belgien gibt, muss man sagen, dass die Deutschland Tour trotz ihres zweiklassigen Status einen guten Ruf hat. Auf dem Papier ist es nicht die erste Liga des Radsports, aber das Teilnehmerfeld und Level, auf dem gefahren wird, spricht eine andere Sprache. Die Anerkennung und Wertschätzung der Deutschland Tour ist innerhalb des Profisports und der Szene auf jeden Fall höher, als der Status auf dem Papier.
TOUR: Kann man durch eine regelmäßige Austragung oder gar Erweiterung der Deutschland Tour das deutsche Publikum ein wenig “dahin erziehen“, nicht nur einen Florian Lipowitz bei der Tour de France als deutschen Fahrer im Fokus zu haben? Immerhin hatte und hat Deutschland immer noch ja auch gute Sprinter und Klassikerfahrer.
Max Walscheid: Da würde ich auch euch Medienvertreter in die Verantwortung nehmen, den Fokus mal zu verlegen. Wenn man sagt, Deutschland hätte gerne den nächsten Toursieger oder Deutschland braucht wieder jemanden im Gelben Trikot, ist das ja eine Art selbstbestimmte Prophezeiung, die diese Gedanken im Radsportpublikum verinnerlichen lässt.
TOUR: Apropos Publikum, hat sich im Vergleich zu Ihren Anfangszeiten die öffentliche Wahrnehmung und das Standing zu Ihrem Job als Radprofi verändert?
Max Walscheid: Ich glaube, ich habe einen ganz guten Punkt gewählt, um als Radprofi positiv angenommen zu werden. Ich bin ja eine Generation weiter als Kittel, Martin, Degenkolb und Co. und musste nicht mehr so mit den Altlasten deren Vorgänger kämpfen wie sie. Schon in meinen ersten Jahren habe ich viele positive Rückmeldungen zu meinem Beruf erhalten, was in den letzten Jahren, auch durch meine Medientätigkeiten, weiter zugenommen hat.
TOUR: Zurück zum Rennen, das am 19. August mit einem 2,6 Kilometer langen Prolog in Bad Orb startet. Sie spielten bei den Frühjahrsklassikern dieser Saison für Mads Pedersen, den Sieger der Deutschland Tour 2024, eine zentrale Rolle. Pedersen hat sich in diesem Jahr für die Vuelta entschieden und steht nicht am Start. Werden Sie nahtlos in die gleiche Rolle für einen anderen Klassementfahrer schlüpfen?
Max Walscheid: Auf jeden Fall! Wir wollen das Rennen gewinnen, das steht außer Frage. Das wird alles andere als ein Spaziergang und alle Beteiligten werden sich extrem anstrengen müssen, damit wir am Ende ganz vorne landen. Ich weiß das Line-up im Detail noch gar nicht genau, aber ehrlich gesagt ist es mir auch egal, wer von meinen Teamkollegen da startet. Hauptsache wir haben eine gute Mannschaft am Start. Aber auf Cicco (Giulio Ciccone) wird definitiv eine Verantwortung lasten.
TOUR: Vor zwei Jahren begann die Tour in Schweinfurt mit einem ähnlich langen Prolog wie am kommenden Mittwoch, Sie belegten Platz 15. Peilen Sie an, nach einem guten Prolog auf der von Ihnen schon angesprochenen zweiten Etappe womöglich ins Leadertrikot fahren zu können?
Max Walscheid: Nein, gar nicht! Der Prolog selbst liegt mir nicht perfekt, ist recht profiliert und wenn ich dort unter die ersten Zehn fahren würde, wäre ich sehr zufrieden. Und die erste Etappe, die auch durch den Spessart geht, ist hart. Da werden vor der Sprintetappe schon entsprechende Abstände hergestellt sein.
TOUR: Max Walscheid ist mit 32 Jahren in das Team gekommen und hat sofort für drei Jahre ein Arbeitspapier unterzeichnet? Was hat Lidl-Trek mit Ihnen und Sie bei Lidl-Trek so langfristig gesehen vor?
Max Walscheid: Als ich unterschrieben habe, war für das Team völlig klar, was sie von mir erwarten können. Ich habe ein Alter erreicht, in dem man weiß, was ich kann und was nicht. Keine der beteiligten Parteien hat erwartet, dass ich noch einen Quantensprung mache – egal, ob nach oben oder unten. Meine Aufgaben für dieses Jahr waren klar definiert: Sprint-Support für Jonathan Milan und Klassiker-Support für Mads Pedersen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Jahr, auch wie sich meine Leistungswerte noch entwickelt haben.
TOUR: Bei derartiger Langfristigkeit, kein weiterer Plan seitens des Teams? Die Rolle des Road Captain oder einer Führungspersönlichkeit für junge Fahrer drängt sich mit Ihrer Vita ja nahezu auf.
Max Walscheid: Als Road Captain war ich ja auch schon in den vergangenen Jahren in verschiedenen Teams tätig, habe taktische Anweisungen gegeben und war der verlängerte Arm der sportlichen Leitung im Rennen. Das mache ich gerne und die Rolle nehme ich auch an – wie zuletzt bei der Dänemark Rundfahrt. Ansonsten geht es für mich zu 100 Prozent um die sportliche Performance. Ich sehe mich da nicht als Ziehvater für die Jungen und dazu habe ich auch gar keine Lust.
TOUR: In der Sportschau Reihe “Deine Tour” wurde eine Episode mit Ihnen und Dominic Klemme, dem Mental Coach von Lidl Trek, ausgestrahlt. Es geht um die Themen Druck, Angst und psychische Belastung im Profi-Radsport. Wie offen wird mit diesen Themen im Peloton umgegangen oder herrscht eher noch das “Gesetz” der Tabuisierung?
Max Walscheid: Im Vergleich zu vor 10 Jahren gibt es zu diesen Themen schon einen Unterschied. Auf jeden Fall wird offener darüber gesprochen und viele Fahrer sehen jetzt auch die Gelegenheit, dass man darüber sprechen kann. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass dieser Sport insgesamt sehr, sehr tough ist und viele Fahrer da auch einiges mit sich selbst ausmachen. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass wir alle unseren individuellen Alltag zu Hause haben und nur gelegentlich alle zusammenkommen. So werden belastende Dinge nicht zwangsläufig mit den Teamkollegen geteilt.
TOUR: Mit Blick auf den vollgepackten Rennkalender, sehen Sie Potential für eine Deutschland Tour, die länger als fünf Tage dauert?
Max Walscheid: Dafür sehe ich jederzeit absolutes Potenzial. Die Fahrer kommen gerne, die Teams kommen gerne, wir sehen immer hochattraktiven Radsport. Und Fabian Wegmann gibt in der Planung für die A.S.O. auch sein Möglichstes, uns maximal zu quälen und eine anspruchsvolle Strecke auf die Beine zu stellen. Unabhängig von der Deutschland Tour müsste aber der komplette Rennkalender mal überarbeitet werden. Für Leute, die sich nicht seit Jahren in diesem Sport bewegen, ist überhaupt nicht nachvollziehbar und transparent, welche Rennen wirklich wichtig sind und welche nicht. Da müsste der Radsport mal richtig aufräumen, vielleicht das ein oder andere Rennen mal rauskicken und die Rennen, die wirklich wichtig sind, mit der entsprechenden Bedeutung versehen. Für mich gehört die Deutschland Tour zu diesen wichtigen Rennen und 10 Tage wären eine gute Idee.
TOUR: Nach der letzten Etappe des diesjährigen Giros, die von Ihrem Teamkollegen Milan gewonnen wurde, war im Interview eines Staff-Mitgliedes zu hören: Max Walscheid nimmt vor lauter Freude gerade den Teambus auseinander. Sollte Lidl-Trek die Rundfahrt gewinnen, können wir am Sonntag ähnliche Szenen erwarten?
Max Walscheid: Wenn wir das Gesamtklassement gewännen, wäre das schon top. Obwohl das nicht mit dem Gewinn der Abschlussetappe einer Grand Tour vergleichbar ist. Da ging es rein sportlicher Natur um ein bisschen mehr. Aber nichtsdestotrotz würde ich mich dann definitiv sehr freuen.
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