InterviewKatarzyna Niewiadoma im großen TOUR-Gespräch

Andreas Kublik

 · 26.12.2022

Interview: Katarzyna Niewiadoma im großen TOUR-GesprächFoto: David Powell

Katarzyna Niewiadoma, die alle nur Kasia nennen, fuhr als Gesamtdritte bei der Neuauflage der Tour de France der Frauen ins Rampenlicht. Im Interview spricht die 28-jährige Polin über die große Bühne, die die Tour de France bietet, ihre sportliche Heimat im deutschen Team Canyon-SRAM, ihr Leben mit einem Ex-Radprofi und warum sie Radfahren so liebt.


Zur Person

Katarzyna “Kasia” Niewiadoma

  • Geboren: 29.9.1994 in Limanowa
  • Größe: 1,65 m
  • Gewicht: 49 kg
  • Wohnort: Andorra
  • Familienstand: liiert mit Taylor Phinney (WM-Zweiter Einzelzeitfahren 2012)

Teams

  • 2013–2016 Rabobank-Liv
  • 2017 WM3
  • seit 2018 Canyon-SRAM

Wichtige Erfolge

  • 2015 Europameisterin U23-Straßenrennen, WM-Dritte Mannschaftszeitfahren
  • 2016 EM-Zweite Straßenrennen, Polnische Meisterin Straße und EZF, Giro del Trentino, Festival Elsy Jacobs
  • 2017 Women’s Tour
  • 2018 Trofeo Alfredo Binda, Tour de l’Ardèche
  • 2019 Amstel Gold Race
  • 2020 EM-Zweite Straße, Zweite Giro d’Italia
  • 2021 WM-Dritte Straße
  • 2022 Dritte Tour de France, Dritte Women’s Tour

Katarzyna Niewiadoma im TOUR-Gespräch

Interview Andreas Kublik

TOUR: Sie haben die sogenannte Sensation bei der Rad-WM in Australien miterlebt. Trotz ihres schweren Sturzes im Mannschaftszeitfahren hat Annemiek van Vleuten alle überrascht und gewonnen. Wie haben Sie das erlebt - und wie bewerten Sie die Sache mit dem Knochenbruch?

Niewiadoma: Nach allem, was ich gesehen habe: Es sah jetzt bei Annemiek nicht nach einem massiven Bruch aus. Trotzdem habe ich während des Rennens nicht geglaubt, dass sie diejenige ist, die gewinnen wird. Sie ist einfach sehr erfahren und clever. Wie sie dann angegriffen hat, das war tatsächlich brillant. Davon können wir uns alle etwas abschauen.

Katarzyna Niewiadoma bei der Rad-WM in Australien Foto: Getty Velo
Katarzyna Niewiadoma bei der Rad-WM in Australien

TOUR: Wie bewerten Sie diesen erneuten Erfolg von Annemiek van Vleuten?

Niewiadoma: Sie ist meine Gegnerin. Manchmal bin ich frustriert, dass ich sie nicht schlagen kann. Aber sie ist einfach eine bewundernswerte Sportlerin - ich habe mich für sie gefreut.

Katarzyna Niewiadoma, die alle nur Kasia nennen Foto: David Powell
Katarzyna Niewiadoma, die alle nur Kasia nennen

TOUR: In einem zunächst verhalten gefahrenen Rennen setzten Sie die erste Attacke, waren zweimal in einer Spitzengruppe und wurden kurz vor dem Ziel eingeholt - am Ende wurden Sie Achte. Wäre nicht mehr drin gewesen?

Niewiadoma: Ich bin das Rennen danach im Kopf noch ein paarmal gefahren und habe überlegt, was ich hätte besser machen können. Ich habe zum Beispiel versucht, an Stellen anzugreifen, wo das ziemlich erwartbar war - an den Anstiegen, wo jede wachsam war. Und dann hat man bei Annemiek gesehen, wie man auch gewinnen kann: angreifen, wenn keiner damit rechnet. Das möchte ich nächstes Jahr besser machen: dann angreifen, wenn ich andere überraschen kann, und nicht zu auffällig zu sein.

TOUR: Sie waren kurz vor Ende des Rennens in einer fünfköpfigen Gruppe an der Spitze - van Vleuten, Marianne Vos und Titelverteidigerin Elisa Balsamo waren abgehängt. Als Beobachter hat man sich gefragt: Warum haben Sie auf dem Weg zum Ziel nicht besser mit Liane Lippert zusammengearbeitet - die Chance auf eine Medaille wäre doch groß gewesen?

Niewiadoma: Es ist schön, eine Medaille zu gewinnen. Aber Liane war die Schnellste von uns - mit ihr zur Ziellinie zu fahren, das hätte bedeutet: Sie hätte die WM gewonnen.



TOUR: Aber Sie wurden alle eingeholt und standen dann mit leeren Händen da ...

Niewiadoma: Ich hatte zunächst daran gedacht, am letzten Kreisverkehr anzugreifen, ähnlich wie es Annemiek dann gemacht hat, aber dazu war es dann zu spät. Ich hatte keine Ahnung, dass die Verfolgergruppe schon von hinten kam - wir hatten null Information.


Ich habe auf dem Rad immer noch diesen Antrieb, irgendwohin zu kommen, wo ich noch nicht war - und einfach einen großartigen Tag draußen an der frischen Luft zu haben.

TOUR: Sie wurden von den Verfolgerinnen um van Vleuten überrascht, weil Sie die Abstände zwischen den Gruppen nicht kannten. Teilen Sie die Kritik von Wout van Aert, der meinte, die WM-Rennen ohne Funk seien nicht mehr zeitgemäß?

Niewiadoma: Es wäre schon schön gewesen, wenn wir irgendeine Art von Information gehabt hätten. Ohne Funk war es natürlich schwierig, zu wissen, was hinter uns los ist. Wir hätten von den Begleitmotorrädern auf jeden Fall besser informiert werden sollen. Grundsätzlich ist es mir aber egal, ob wir mit Funk oder ohne fahren.

TOUR: Sie sagen, Lippert war die Schnellste im WM-Rennen. Am Ende reichte es bei ihr nur zu Platz vier. Was können die deutschen Fans von ihr noch erwarten?

Niewiadoma: Sie ist schon immer eine sehr gute Rennfahrerin, eine tolle Klassikerspezialistin. Es wird spannend, wenn sie nächstes Jahr bei Movistar gemeinsam mit Annemiek fährt (Lippert wechselt vom Team DSM nach Spanien; Anm. d. Red.). Ich denke, das wird ihr helfen, mehr Rennen zu gewinnen - wenn man zwei starke Rennfahrerinnen im Team hat, kann man mehrere Trümpfe ausspielen.

Foto: David Powell

TOUR: Sie bekommen in Ihrem Profiteam Canyon-SRAM auch Verstärkung aus Deutschland - die 22-jährige Ricarda Bauernfeind rückt aus dem Nachwuchsteam in die World-Tour auf. Sie hat bei der WM zweimal Bronze in der U23-Klasse gewonnen.

Niewiadoma: Sie ist beeindruckend, sehr stark. So jung, aber so talentiert! Ich habe sie bei der WM beobachtet und war positiv überrascht - sie weiß, wie man um die Position kämpft, wo man wann sein muss. Sicher ein kommender Star!

Radfahren bedeutet Freiheit für mich

TOUR: Es klingt so, als wären Sie gerne Mentorin für die jungen Rennfahrerinnen?

Niewiadoma: Ich mag es, mit jungen Rennfahrerinnen zu arbeiten - sie haben diese irre Energie. Alles ist neu für sie - sie sind ganz aus dem Häuschen bei Dingen, die mir gar nicht mehr auffallen nach so vielen Jahren. Das erinnert einen dann wieder daran, wie cool manche Dinge einfach sind.

TOUR: Wer hat Sie denn als Vorbild im Radsport geprägt?

Niewiadoma: Anna van der Breggen ist immer noch mein Vorbild. Ich war immer sehr angetan, wie sie Rennen fuhr, wie sie an den Radsport heranging - es wirkte sehr natürlich, trotz Ihrer Popularität. Sie hatte immer einen Sinn für Familie, Freunde, Dinge abseits des Radsports. Und sie tut noch so viele Dinge, über die sie kaum ein Wort verliert, etwa ihr Engagement für eine Stiftung für Kinder in Afrika. Sie ist einfach großzügig und hat ein unglaublich großes Herz. Und sie ist immer sie selbst geblieben.

Katarzyna Niewiadoma bei der Tour de France Femmes 2022 Foto: Getty Velo
Katarzyna Niewiadoma bei der Tour de France Femmes 2022

TOUR: Sie sind jetzt selbst die Anführerin im Team Canyon-SRAM - die Fahrerin mit dem größten Potenzial bei großen Rennen. Als wie schwierig empfinden Sie es, diese Rolle auszufüllen?

Niewiadoma: Als ich zu Canyon-SRAM wechselte, war ich eine der Stärksten im Team - und in gewisser Weise hatte ich Angst davor. Ich kam vom Team Rabobank, wo ich mit Marianne Vos und Anna van der Breggen gefahren bin - da trug ich nie die Verantwortung, sondern hatte Anna oder Marianne im Rücken. Während der Corona-Pause hatte ich dann viel Zeit, darüber nachzudenken, was sich alles in meinem Leben verändert hat. Seit vergangenem Jahr fühle ich mich in der Lage, diese Führungsrolle auszufüllen.

TOUR: Die abgelaufene Saison stand ganz im Zeichen der Neuauflage der Tour de France der Frauen. Sie haben mit dem Team Canyon-SRAM die Mannschaftswertung gewonnen und wurden Dritte in der Einzelwertung. Macht Ihnen das Erlebnis Tour Beine?

Niewiadoma: Ja, ich würde sagen, es hat das ganze Peloton gepusht. Das Rennen war schnell und hart. Jeder wollte ein Ergebnis einfahren. Und die Organisatoren haben einen großartigen Job gemacht, sie haben mit so vielen Motorrädern und Kameras übertragen, dass es Lust machte, zuzuschauen. Tatsächlich wusste plötzlich alle Welt über uns Bescheid. Es ist verrückt, wie sich auf einmal durch dieses einzige Rennen so viel mehr Leute für den Frauenradsport interessieren. Ich bekam nach jeder Etappe Kommentare von Freunden, von denen ich immer gedacht hatte, sie wüssten nicht viel über Radsport. Man merkt: Okay, jetzt sind wir sichtbar! Am nächsten Tag will man dann noch besser sein. Es war eine tolle Motivation, ganz sicher!


Ich mag das Berechnende am Ende von Männerrennen nicht. Da geht es zu viel um Zahlen und nicht um Emotionen.

TOUR: Als Zuschauer hat man bei der Tour festgestellt: Die Rennen laufen bei den Frauen etwas anders als bei den Männern. Das hat viele Gründe. Sie haben während des Rennens in Interviews gesagt, dass sich der Frauenradsport dem der Männer anpassen wird. Wie meinten Sie das?

Niewiadoma: Ich dachte zunächst, dass sich der Frauenradsport den Männern anpasst. Aber ich habe festgestellt: Wir fahren immer noch so, wie wir das immer getan haben. Es gibt bei uns jedenfalls weniger Struktur. Und es ist sicher ein bisschen hektischer bei uns.

TOUR: Wäre es wünschenswert, wenn sich die Frauen den Männern anpassen?

Niewiadoma: Es ist schön, wenn der Frauenradsport wächst und sich entwickelt, aber nicht unbedingt den Männern nacheifert. Ich mag das Berechnende gegen Ende bei deren Rennen nicht - es geht dann zu viel um Zahlen und nicht um Emotionen. Jedes Team kennt genau das Tempo, das man fahren muss, um die Ausreißer einzuholen. Aber das ist irgendwie langweilig.

TOUR: Bei der Tour de France Femmes hatten fast alle World-Tour-Teams einen großen Mannschaftsbus. Ihr deutsches Team Canyon-SRAM fuhr mit einem Wohnmobil vor. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es wäre nicht super ausgestattet. Sie haben sich dennoch sehr lange an den Rennstall von ­Ronny Lauke gebunden - bis einschließlich 2024. Warum ist dieses Team Ihre sportliche Heimat?

Niewiadoma: Nun, ich bin seit 2018 dabei. Mir war es nie wichtig, ob das Team einen Bus hat oder Ähnliches. Andere Dinge sind mir sehr wichtig: Sie verstehen mich dort, Ronny versteht mich. Ich spreche von Freiheit.

Katarzyna Niewiadoma: Gesamtdritte bei der Tour de France Femmes, hinter Demi Vollering (links) und der Siegerin Annemiek van Vleuten (Mitte) Foto: Getty Velo
Katarzyna Niewiadoma: Gesamtdritte bei der Tour de France Femmes, hinter Demi Vollering (links) und der Siegerin Annemiek van Vleuten (Mitte)

TOUR: Welche Freiheit meinen Sie?

Niewiadoma: Wenn ich von irgendetwas überwältigt werde, möchte ich fliehen, ausbrechen. Es ist einfach so, dass ich manchmal Zeit für mich ganz alleine brauche, dann schalte ich das Telefon ab, klinke mich aus den Social Media aus und fahre einfach Rad und trainiere. Und ich habe den Eindruck, dass Ronny wirklich versteht, wie ich eine bessere Radsportlerin werde. Er tut außerdem sein Bestes, um jedes Jahr noch etwas im Team zu ergänzen. Es ist einfach das Team, in das ich gehöre. Ich brauche nichts anderes und ich glaube, wir können uns zusammen weiter verbessern.

TOUR: Viele Fans haben jetzt bei der Tour gesehen, wie Sie Rennen fahren - dass Sie zu den Stärksten im Peloton zählen. Wie kommt ein junges Mädchen aus der Provinz im Süden Polens, aus dem Städtchen Ochotnica, zum Radsport?

Niewiadoma: Vor allem durch meinen Vater, der sehr aktiv war. Wir waren immer unterwegs mit meinen Geschwistern und meinen Cousins und Cousinen. Als mein Vater und mein Bruder anfingen, Rennrad zu fahren, nahmen sie mich zuerst nicht mit, weil sie immer Angst hatten, dass ich mir als Jüngste etwas tun könne.

TOUR: Das hat Sie dann besonders gereizt?

Niewiadoma: Ich wollte unbedingt Rad fahren - vor allem, weil ich es nicht durfte! Aber als ich 15 war und gedurft hätte, hatte ich anderes im Kopf - Freunde zum Beispiel.

TOUR: Ihr Vater hat Sie aber sanft gezwungen, indem er ein Rennrad gekauft hat und mit Ihnen zu einem Rennen gefahren ist ...

Niewiadoma: Ich dachte: Okay, dann machen wir das halt. Es war ein Zeitfahren, das ich gegen die Jungs gewonnen habe. Ein Trainer wollte mich dann gleich ins nächste Trainings­lager mitnehmen. Es war für mich eine Möglichkeit, mal etwas anderes als Ochotnica zu sehen. Aber auch damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich einmal Radsportlerin werde.

Foto: Getty Velo

TOUR: Sie haben mal gesagt, Sie hätten vor allem mit dem Radsport angefangen, weil Sie die Chance sahen, gut aussehende Jungs zu treffen. Stimmt das?

Niewiadoma: (lacht) Ja, definitiv! Mit 15 ist es das, was einen interessiert. Ich bin kontaktfreudig und will neue Leute kennenlernen. Ich habe jede Chance ergriffen, rauszukommen. Mein Lebensgefährte ist Radsportler - es hat also geklappt.

TOUR: Sie leben mit dem US-amerikanischen Ex-Profi Taylor Phinney in Andorra zusammen. Was bedeutet das Fahrrad für Sie beide?

Niewiadoma: Wir haben zusammen herausgefunden, dass wir uns beide noch an unser erstes Mal auf dem Rennrad erinnern. Ich weiß noch, dass ich vom ersten Tag an auf dem Rad diese Unabhängigkeit und Freiheit gespürt habe - eine Freiheit, von der ich hoffte, dass sie eine tiefere Bedeutung hätte. Man fühlt sich so stark und zufrieden - ich erinnere mich an so viele positive Gefühle. Und dann wollte ich es wieder tun: länger fahren, mehr neue Dinge sehen, ohne dass ich kontrolliert werden konnte. Wenn ich Ausfahrten gemacht habe, konnte ich mir die Straßen aussuchen. Meine Eltern haben mir nicht reingeredet, weil sie glücklich waren, dass ich trainiert habe. Das Rad war einfach ein sehr motivierendes Gerät für mich. Ich habe immer noch diesen Antrieb, irgendwohin zu kommen, wo ich noch nicht war, einfach einen großartigen Tag draußen zu haben.

TOUR: Es heißt, Sie würden mit Ihrem Partner selbst im Urlaub nach der Saison noch Bikepacking machen. Sie können gar nicht genug vom Radfahren bekommen?

Niewiadoma: Wenn ich mal wirklich Zeit, eine Trainingspause habe, dann liebe ich es, mit Freunden Touren zu machen - ohne Trainingsplan, ohne Intervalle. Ich verbringe sonst so viel Zeit alleine, weil ich mich vorbereiten muss. Wenn ich mit Freunden Rad fahre, ist es dann für mich wieder, wie ein Kind zu sein. Es sind die kleinen Dinge, die uns glücklich machen.


Ich will einfach die Beste sein. Und ich will diese Zufriedenheit spüren, die man nach jedem harten Training hat. Wenn man glaubt, für nichts anderes mehr Kraft zu haben.

TOUR: Ist Taylor, der 2012 WM-Zweiter im Einzelzeitfahren hinter Tony Martin war, auch eine Art Berater? Welche Rolle spielt die Arbeit bei Ihnen?

Niewiadoma: Es ist nun drei Jahre her, dass Taylor seine Karriere beendet hat. Es war nicht immer einfach, weil er zu Beginn unserer Beziehung total gegen Radsport eingestellt war; er war komplett durch mit dem Thema. Während ich mittendrin war. Mittlerweile sitzt er wieder gerne auf dem Rennrad.

TOUR: Er hatte einen komplizierten Beinbruch und kämpfte mit vielen Schmerzen um die Rückkehr in die Weltspitze - vor drei Jahren, mit 29, gab er auf. Wie sind Sie mit dieser Krise umgegangen - er am Boden, Sie am Durchstarten?

Niewiadoma: Ich denke, wir haben uns immer geliebt, haben Gutes und Schlechtes gesehen. Es hat uns nicht auseinandergebracht, sondern wir haben daran gearbeitet, uns gegenseitig zu helfen und die guten Seiten zu sehen. Ich finde, er gibt mir viele wichtige Hinweise, und er weiß, wie sich das anfühlt, wenn man von Rennen nach Hause kommt, viel gereist ist, intensive Rennen hatte und man nur noch ein Wrack ist. Er hilft mir dann, wieder die Ba­lance zu finden.



TOUR: Sie trainieren auch gemeinsam?

Niewiadoma: In den Bergen hat er gar keine Chance! Aber er hat immer noch diese Trittfrequenz, die mich fertigmacht - gerade im Flachen. Und er gewinnt noch immer jeden Ortsschildsprint gegen mich - er weiß einfach genau, wann er antreten muss und wie er seine Geschwindigkeit am besten nutzt. Da will er mir noch einiges beibringen. Und auch, wie man seine Kraft in den Rennen clever einsetzt. Hoffentlich kann ich das alles eines Tages nutzen!

TOUR: Taylor kommt aus einer bekannten Radsportfamilie. Sein Vater Davis Phinney war einst bei der Tour de France der erste Etappensieger aus den USA, seine Mutter Connie Carpenter-Phinney 1984 die erste Olympiasiegerin im Straßenrennen. Wie beeinflusst Sie das?

Niewiadoma: Ich liebe es, ihre Geschichten von früher zu hören. Und wenn ich mit Connie vor den Rennen spreche, hilft mir das wirklich, mich zu beruhigen. Dank ihrer Erfahrung kann sie mir wertvolle Tipps geben.

TOUR: Sie genießen Radfahren - aber Sie wirken auch sehr ehrgeizig. Was treibt Sie an im Radsport?

Niewiadoma: Ich will einfach die Beste sein - so einfach ist das! Und ich will diese Zufriedenheit spüren, die man nach jedem harten Training hat. Wenn man glaubt, keine Kraft mehr für irgend­etwas zu haben. Und natürlich mag ich auch die Rennatmosphäre, die Anspannung am Start, die Momente nach den Rennen, wenn alle am Camper zusammenkommen mit so vielen unterschiedlichen Gefühlen: Manche sind glücklich, manche enttäuscht. Einige wollen heulen oder nach Hause fahren. Es ist wie auf einer Achterbahn - mit allen Höhen und Tiefen. Und ich lerne so viele unterschiedliche Menschen verstehen, mit denen ich nie zu tun hätte, wenn wir nicht im selben Team wären.

TOUR: Was nehmen Sie aus dieser intensiven Saison mit ins nächste Jahr?

Niewiadoma: Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, meine Fähigkeiten an langen Anstiegen zu verbessern - beispielsweise während der Tour de France. Daran will ich nächstes Jahr noch mehr arbeiten, so, dass ich das Rennen gewinnen kann.