Bei den Erinnerungen an ihre bisherigen Starts in Italien hat Antonia Niedermaier gemischte Gefühle. Beim Debüt 2023 gewann sie eine Etappe, stürzte am Tag darauf aber schwer und musste aufgeben. Im Vorjahr belegte sie Rang sechs, ein Ausrufezeichen, am Ende lag sie 2:41 Minuten hinter Siegerin Elisa Longo Borghini. Damals konnte sie am langen Anstieg zum Blockhaus in den Abbruzzen nicht ganz mit den Besten mithalten. Der dritte Auftritt bei der Italien-Rundfahrt folgt einem langfristigen Karriereplan. “Wir wollen versuchen, ihr die Leaderrolle für den Giro zu geben. Wir denken, dass es ein guter Einstieg für Antonia wäre”, sagte Teamchef Ronny Lauke zu Saisonbeginn zu TOUR. Man hat sich dabei zunächst gegen ihr Debüt bei der Tour de France Femmes Ende Juli entschieden. Zum einen, weil es in Italien anders als bei der Frauen-Tour in diesem Jahr eine Etappe mit Einzelzeitfahren gibt. Der Hauptgrund ist aber: Bei der Frankreich-Rundfahrt sei die Aufmerksamkeit, die mediale Berichterstattung intensiver, so Lauke. Das erzeugt Druck, das frisst Zeit und Energie. Und natürlich müsste Niedermaier bei der Tour, für deren kommende Ausgabe sie nur als Ersatzfahrerin vorgesehen ist, in der teaminternen Hierarchie hinter Vorjahressiegerin Katarzyna Niewiadoma zurückstehen und könnte wohl nur als Edelhelferin der Teamkollegin starten. Vor dem Giro-Start sagt Niedermaier: “Es ist sicherlich ein besonderes Rennen für mich. Dieses Jahr kann ich hoffen, auf dem Podium zu stehen. Wir wollen ums Gesamtklassement kämpfen.”
In diesem Jahr könnte sie gleich auf der 1. Etappe in die Pole Position im Rennen um den Gesamtsieg fahren. Es geht los mit einem 14,2 Kilometer langen Einzelzeitfahren mit Start und Ziel in Bergamo. Es ist die Spezialdisziplin der 22-jährigen Radsportlerin vom Team Canyon-SRAM-zondacrypto, in der sie amtierende Deutsche Meisterin, U23-Weltmeisterin ist und im Vorjahr in der Eliteklasse der Frauen bei der WM auf Rang vier landete. Wie weit Niedermaier, die am Walchsee in Tirol lebt, mit den Besten in den Bergen kommt, wird sich vor allem bei den voraussichtlich entscheidenden Bergetappen mit Schlussanstiegen zeigen: in Pianezze (4. Etappe; Mittwoch, 9. Juli) und auf den Monte Nerone (7. Etappe; Samstag, 12. Juli). Unmittelbar vor dem Giro-Start sagte: Lauke: “Unsere Ziele sind klar: Wer zielen auf Etappensiege und das Gesamtklassement.” Wer diese Ziele erreichen soll, sagt er nicht - und dämpft damit wohl bewusst die Erwartungen und nimmt Druck von seinem Talent. “Wir gehen mit einer starken, ausgewogenen Mannschaft in den Giro. Wir kombinieren die Erfahrung von Tiffany (Cromwell) und Cecilie (Uttrup Ludwig) mit den Klettertalenten unserer jüngeren Athletinnen wie Justyna (Czapla) und Antonia”, betont er.
Ihre Hauptwidersacherinnen dürften die Vorjahressiegerin Elisa Longo Borghini aus Italien und die niederländische Olympiasiegerin von 2016, Anna van der Breggen, sein. Letztere könnte nach bereits vier Gesamtsiegen in der Vergangenheit zur alleinigen Rekordsiegerin in der Geschichte des Rennes aufsteigen. Zudem stehen in Weltmeisterin Lotte Kopecky (ebenfalls SD Worx-Protime), der Schweizerin Marlen Reusser (Movistar) und den beiden Französinnen Juliette Labous und Evita Muzic (beide FDJ-SUEZ) starke Rundfahrtspezialistinnen am Start. Von den Weltbesten nicht dabei sind die beiden Tour-Siegerinnen Katarzyna Niewiadoma (Canyon-SRAM-zondacrypto) und Demi Vollering (FDJ-SUEZ), die sich auf die Vorbereitung der am ? beginnenden Tour de France Femmes konzentrieren.
Ihre Karriere als erfolgreiche Skibergsteigerin (hier lesen Sie über die gemeinsame Skitour mit TOUR) ist erst einmal auf Eis gelegt. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2026 in Mailand hat sie verpasst - im vergangenen Winter bestritt sie keine Wettbewerbe im “Ski Mountaineering” auf höchstem Niveau. Bei der Olympia-Premiere der Disziplin stehen ohnehin nur Sprintwettbewerbe auf dem Programm, die der Oberbayerin mit Wohnsitz in den Tiroler Bergen nicht besonders liegen. Vom ihrem Radsportteam heißt es dennoch, Niedermaier werden auch künftig Radsport und Skibergsteigen als Wettkampfdisziplinen verbinden.
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