Comeback-QualitätenDas Jahr von Pauline Ferrand-Prévot

Andreas Kublik

 · 27.12.2025

Vielseitig: Pauline Ferrand-Prévot startete mit einem überlegenen Solo-Sieg bei Paris-Roubaix erfolgreich in ihr Comeback im Straßenradsport.
Foto: Getty Images/JULIEN DE ROSA
Das Radsportjahr 2025 war bei den Frauen geprägt vom extrem erfolgreichen Straßen-Comeback durch Pauline Ferrand-Prévot. Die Mountainbike-Olympiasiegerin gewann gleich ihr Debüt bei der Tour de France. Sie machte sich ihren Körper passend – was Diskussionen auslöste.

​Es war eine Art zweiter Nationalfeiertag. “Ein französisches Feuerwerk am Madeleine”, urteilte der Kommentator des französischen Fernsehens. Es ist zwar nicht überliefert, dass rund um den Alpenpass Raketen in den Farben der Trikolore aufstiegen – aber es war ein Festtag für die Grande Nation, was sich am 2. August 2025 am Col de la Madeleine ereignete.

Rund elf Kilometer vor dem Etappenziel auf knapp 2000 Metern Höhe schlug Pauline Ferrand-Prévot ein Tempo an, dem bald niemand mehr folgen konnte. Erst hängte sie die beiden vormaligen Tour-Siegerinnen Demi Vollering und Kasia Niewiadoma ab, später die einzig verbliebende Konkurrentin im Gesamtklassement, die extrem leichtgewichtige Australierin Sarah Gigante; fünf Kilometer vor dem Ziel hatte sich dann die letzte Ausreißerin des Tages überholt und fuhr solo zum Tagessieg und ins Gelbe Trikot – am höchsten Punkt der Tour de France Femmes 2025.



“Ich habe einfach nur versucht, so schnell wie möglich zu fahren”, sagte die 33-jährige Französin im Ziel. Es war zu schnell für alle Konkurrentinnen – deutlich zu schnell. 1:45 Minuten fuhr sie auf die Tageszweite heraus, mehr als drei Minuten auf Vollering und Niewiadoma – eine Machtdemonstration. Tags darauf fuhr sie auf dem Schlussabschnitt in Gelb zu einem weiteren Etappensieg und breitete bei der Zieldurchfahrt die Arme aus. Die Botschaft: Seid umschlungen!

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​Gleich beim ersten Versuch hatte sie das letzte große Ziel ihrer extrem erfolgreichen Radsportkarriere erreicht – den Sieg beim bekanntesten Radrennen der Welt. Eigens dafür war die Mountainbike-Olympiasiegerin im fortgeschrittenen Alter nochmals in den Straßenradsport zurückgekehrt. Der Veranstalter ASO feierte danach den ersten Gesamtsieg einer Französin beim wichtigsten Radrennen der Frauen. Allerdings gilt die Geschichtsschreibung des Rennens als lückenhaft und interpretationsbedürftig. Schließlich hat die Französin Jeannie Longo eines der Vorgängerrennen, die ab 1984 ausgetragene Tour de France féminin, von 1987 bis 1989 gewonnen.

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Sichtlich vom Erfolg angefasst: Pauline Ferrand-Prévot krönte ihre sehr erfolgreiche Karriere dieses Jahr mit dem Gewinn der Tour de France Femmes.Foto: Getty Images/JULIEN DE ROSASichtlich vom Erfolg angefasst: Pauline Ferrand-Prévot krönte ihre sehr erfolgreiche Karriere dieses Jahr mit dem Gewinn der Tour de France Femmes.

Der Tour-Veranstalter ASO rechnet jedoch anders. Einerlei. “PFP”, wie die Tour-Siegerin 2025 in Frankreich bei ihren Initialen statt beim sperrigen Doppelnamen genannt wird, beendete eine jahrzehntelange Durstrecke des französischen Radsports. Die Grande Nation bietet dem Radsport weltweit die größten Bühen, aber die Einheimischen spielten lange nur noch Nebenrollen – seit den Zeiten von Longo und Bernard Hinault, der 1985 der letzte französische Sieger bei den Männern war.

Ähnlich wie die Geschichte der Tour für die Radsportlerinnen lange unterbrochen war, so verlief auch der Weg der Französin Ferrand-Prévot im Straßenradsport lückenhaft. Sie war eine Frühvollendete, als sie vor mehr als einem Jahrzehnt radsporthistorisch Einmaliges leistete: Damals war sie im zarten Alter von 22 Jahren im spanischen Ponferrada zum WM-Titel im Straßenrennen gesprintet, knapp vor der Deutschen Lisa Brennauer. Wenige Monate später war sie die erste und bisher einzige Radsportlerin, die gleichzeitig auch noch die Regenbogentrikots als Weltmeisterin im Cyclocross und auf dem Mountainbike tragen durfte. Anderen Allroundern wie Marianne Vos, Tom Pidcock oder Mathieu van der Poel ist dieses Kunststück bis heute nicht gelungen.

Die nun 33-Jährige, die aus Reims in der Champagne stammt, gilt als Musterbeispiel an Professionalität und Fokussiertheit – auch wenn sie zwischenzeitlich einmal den Faden ihrer Karriere zu verlieren schien. Sie geriet außer Tritt, verlor in ihrer Zeit im deutschen Rennstall Canyon-SRAM vollends die Lust am Straßenradsport, fremdelte mit dem Sport, der sie einst berühmt gemacht hatte. Erst eine OP an einer Beinarterie, die das Rätsel rund um ihre nachlassenden Leistungen löste, brachte wieder Flow in ihre Karriere.

Sie sammelte Titel en masse auf dem Mountainbike – und jagte das ganz große Ziel ihrer Träume: den Olympiasieg. Ihren Curriculum vitae als Mountainbikerin hat sie mit der Fahrt zu Gold in Paris vor Jahresfrist vollendet und fertiggeschrieben. Sie brauchte neue Ziele. Sie unterschrieb einen Vertrag beim Rennstall Visma-Lease a Bike, an der Seite von Marianne Vos, deren Rolle als Vorbild und Förderin während der gemeinsamen Zeit von 2012 bis 2016 beim Rabobank-Rennstall sie stets betont. Sie schloss einen Vertrag über drei Jahre – mit einem klaren Ziel: sie wolle versuchen, die Tour de France zu gewinnen; so formulierte sie es, und Wegbegleiter waren sich recht sicher, dass sie es nicht beim Versuch belassen würde.

Populär: In Frankreich begeisterten sich die Fans an der Tour-Siegerin, die sich vom Erfolg angefasst zeigte – aber auch von der Diskussion über ihre abgemagerte Figur.Foto: Kristof RamonPopulär: In Frankreich begeisterten sich die Fans an der Tour-Siegerin, die sich vom Erfolg angefasst zeigte – aber auch von der Diskussion über ihre abgemagerte Figur.

Aber dennoch überraschte es auch die Experten, wie und wie schnell sie dieses Ziel erreichte. Die Art und Weise führte zu Diskussionen. Nach der Ehrung der Tour-Siegerin tauchten Fragen auf nach den Gründen ihrer drückenden Überlegenheit, begünstigt durch eine extrem magere Figur. Ganz unfreiwillig löste die Französin damit eine Diskussion aus über das Abmagern und häufig damit verbundene Essstörungen im Spitzensport. Ihre Konkurrentin Demi Vollering musste sich die Frage der Journalisten gefallen lassen, ob sie künftig die Tour nur gewinnen könne, wenn sie sich am harten Gewichtsregime der aktuellen Siegerin orientieren würde.

PFP verwahrte sich gegen den indirekt geäußerten Vorwurf ein schlechtes Beispiel für andere, vor allem sehr junge Rennfahrerinnen zu sein. Tatsächlich sprang ihr beispielsweise Clara Koppenburg zur Seite, die selbst Erfahrungen mit dem REDs-Syndrom gemacht hat, einer sportbedingten Unterernährung. Die deutsche Rennfahrerin betonte, dass sie der hochprofessionellen Französin zutraue, das riskante Spiel mit dem potenziell gesundheitsgefährdenden Gewichtsmanagement zu beherrschen – ohne dauerhafte Folgen. “Ich weiß, dass das nicht hundertprozentig gesund ist”, räumte PFP selbst ein. Tatsächlich stellte sie bei ihrem Höhenflug auf dem Madeleine Anfang August eine ganz andere Figur zur Schau als bei ihrem Sieg bei Paris-Roubaix im April – als sie erste Hinweise gab, dass ihr Comeback im Straßenradsport sehr schnell sehr erfolgreich sein könnte.

Vielseitig: Pauline Ferrand-Prévot startete mit einem überlegenen Solo-Sieg bei Paris-Roubaix erfolgreich in ihr Comeback im Straßenradsport.Foto: Getty Images/JULIEN DE ROSAVielseitig: Pauline Ferrand-Prévot startete mit einem überlegenen Solo-Sieg bei Paris-Roubaix erfolgreich in ihr Comeback im Straßenradsport.

Und Ferrand-Prévot erklärte nach der Tour, sie fühle sich leer und erschöpft – physisch wie psychisch. Ursprünglich hatte sie auf den WM-Start in Ruanda am Saisonende verzichten wollen, stand dann doch am Start, schien aber nicht mehr in Bestform. Kurz darauf ließ sie sich Anfang Oktober am Knöchel operieren. Seit einem Sturz Anfang März beim Rennen Strade Bianche (das sie als Dritte beendete) habe der Knochen Probleme bereitet. Der schnelle Weg zum Triumph im abgelaufenen Jahr war wohl durchaus schmerzhaft. Die Frage für 2026 lautet: Wie nachhaltig ist der Höhenflug?

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