Millimeter-KrimiDie Ziellinientechnik erklärt

Leon Weidner

 · 25.10.2026

Millimeter-Krimi: Die Ziellinientechnik erklärtFoto: Getty Images/Szymon Gruchalski
​Drei Millimeter haben bei der Europameisterschaft in Slowenien über Gold entschieden, und Remco Evenepoel lag vorne. Giulio Ciccone wollte das nicht einfach hinnehmen und forderte Transparenz bei der Ziellinientechnik. Wie funktioniert die eigentlich?

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​Giulio Ciccone hing über der Absperrung, neben ihm sein Manager Alex Carera, der ihn zu trösten versuchte. Kurz zuvor hatte der Italiener noch auf seinen Lenker eingeschlagen. Nach langem, zähem Warten hatte die Jury das Zielfoto ausgewertet, und der Europameistertitel ging an Remco Evenepoel. Erst kam bei Ciccone die Wut, dann die Enttäuschung, und schließlich stellte er öffentlich infrage, wie die Entscheidung zustande gekommen war. Inzwischen liegt die EM einige Tage zurück, und die Gemüter haben sich beruhigt. Mit etwas Abstand lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Frage, die der Fall aufgeworfen hat: Wie viel Vertrauen verdient eine Technik, die über Tausendstelsekunden entscheidet?

​Ein Rennen mit Sturz und Comeback

Schon bevor es überhaupt ein Zielfoto gab, lieferte das Rennen am 4. Oktober reichlich Drama. Auf den letzten 36 der rund 196 Kilometer schickte Belgien seinen Kapitän nach vorne, und Ciccone ging sofort mit. Gemeinsam erreichten die beiden die Kuppe. In der folgenden Kurve stürzte Evenepoel, und Ciccone fuhr zunächst allein weiter. Der Belgier saß schnell wieder auf dem Rad, und Maxim Van Gils brachte ihn zurück an die zwölfköpfige Verfolgergruppe.

Evenepoel ließ sich davon nicht beeindrucken. Bei einem kurzen Gegenanstieg in der Abfahrt vom Mozjanca griff er erneut an. Diesmal war Ciccone der Erste, der reagierte. Von da an fuhren die beiden gemeinsam Richtung Šenčur, wobei der Italiener klug haushaltete. Die Arbeit an der Spitze überließ Ciccone in den letzten Kilometern fast vollständig dem Belgier. Das schien sich auszuzahlen. In der letzten Kurve eröffnete Ciccone früh den Sprint, erwischte Evenepoel auf dem falschen Fuß und sah lange wie der sichere Sieger aus. Doch der Belgier kam noch einmal mit hohem Tempo heran und warf sein Rad perfekt getimt an die Linie.

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„Ich habe die Bilder hundertmal angeschaut”

Einen Tag nach dem Rennen meldete sich Ciccone auf Instagram. An Evenepoels Sieg als Leistung rüttelte er nicht. Er nannte den Belgier den stärksten Fahrer des Tages, der das komplizierte Rennen hervorragend gelesen habe. Danach kam er allerdings auf das Zielfoto zu sprechen. Er habe sich das verfügbare Material unzählige Male angesehen. Auf den Aufnahmen, auf denen die Ziellinie zu erkennen ist, sehe er einen Ablauf, der für ihn nicht zum Urteil passe.

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Wichtig ist, worum es Ciccone eigentlich geht. Kommissäre und Verbandstechniker hatten ihm am Morgen erklärt, wie die Technik funktioniert und nach welchen Kriterien das Bild ausgewertet wurde. Eine weitere Erklärung brauche er deshalb nicht. Er will etwas anderes sehen: das Zielfoto, das exakt dem Punkt entspricht, an dem laut Reglement die Ankunft gemessen wird. Ein Fernsehbild solle das Zielfoto ausdrücklich nicht ersetzen. Bestätige das Bild das Urteil, sei die Sache für ihn erledigt.

Warum das Zielfoto kein Foto ist

Mit seinen Zweifeln stand Ciccone nicht allein da. Als das Zielfoto erstmals zu sehen war, wirkte Ciccones Rad darauf kleiner als in Wirklichkeit und Evenepoels Rad länger. Das warf sofort Fragen auf. Dahinter steckt allerdings Physik und kein Fehler. Eine Kamera tastet ununterbrochen einen einzigen senkrechten Streifen genau auf der Ziellinie ab. Die horizontale Achse des fertigen Bildes zeigt deshalb die Zeit und keine Strecke. Wer schneller durch die Zielebene fährt, erscheint gestaucht, wer langsamer ist, wird gestreckt.

Die Europäische Radsportunion UEC hat ihr Verfahren in einer Stellungnahme verteidigt. Bei der EM kam ein System vom Typ EtherLynx Vision PRO X zum Einsatz, das die Ziellinie 13.000-mal pro Sekunde aufzeichnete. Maßgeblich ist laut UEC die vorderste Kante des Vorderrads in dem Moment, in dem sie die Linie überquert. Zur Absicherung waren zwei voneinander unabhängige Systeme im Einsatz. Die beiden Kameras standen auf gegenüberliegenden Straßenseiten. Ciccone und der italienische Verband bekamen die Bilder beider Anlagen zu sehen. Weil beide Systeme Evenepoel vorne zeigen, betrachtet die UEC den Fall als abgeschlossen und will sich nicht mehr dazu äußern.

Die Zahlen-Verwirrung

Ausgerechnet bei der wichtigsten Zahl gehen die Angaben allerdings auseinander. Ciccone sprach in seinem Post von 0,0028 Sekunden. Der offizielle Zeitnehmer EvoData nannte später 0,0002 Sekunden. Bei dem Tempo der beiden Fahrer im Ziel entspricht das ungefähr drei Millimetern. Nachgerechnet passt die kleinere Zahl: Bei rund 60 km/h legt ein Fahrer in 0,0028 Sekunden fast fünf Zentimeter zurück, also deutlich mehr als drei Millimeter. Ciccones Rechnung ging damit von einem gut zehnmal größeren Abstand aus, als tatsächlich gemessen wurde.

Ein Titel mit Vorgeschichte

Neu ist eine solche Debatte im Radsport nicht. Schon 2021 sorgte Wout van Aerts Sieg beim Amstel Gold Race gegen Tom Pidcock für ganz ähnliche Fragen. Damals lag der Belgier sechs Millimeter vorne. Für Evenepoel spielt die Diskussion ohnehin keine Rolle mehr. Bei der Europameisterschaft war er 2021 und 2025 jeweils Zweiter geworden. Mit dem Titel in Slowenien hat er nun auch den letzten Elite-Titel gewonnen, der ihm noch fehlte.

Mittlerweile ist rund um das Zielfoto Ruhe eingekehrt. Die Technik spricht eindeutig gegen Ciccone, zwei Kameras kommen zum selben Ergebnis, und der Verband hat das Thema abgeschlossen. Mit dem Abstand von einigen Tagen fällt auch der Blick auf den Italiener milder aus. Seine Bitte um Transparenz war keine bloße Trotzreaktion eines schlechten Verlierers. Wenn ein Europameistertitel an drei Millimetern hängt, will der Unterlegene diese drei Millimeter zumindest selbst sehen. Das ist nachvollziehbar. Aber was meint ihr, ist die Entscheidung der UEC, den Fall zu den Akten zu legen, die richtige? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

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Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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