Am 20. September 2020 steht in Koksijde an der belgischen Küste eine 15-Jährige zum ersten Mal in ihrem Leben am Start eines Radrennens. Es ist ausgerechnet die belgische Meisterschaft. Ein paar Tage vorher hatte Emma Siegers überhaupt erst nach einer Lizenz gefragt. Nach der ersten Runde verliert sie den Kontakt zum Feld, ins Ziel kommt sie nicht. Sechs Jahre später unterschreibt sie einen WorldTour-Vertrag.
Siegers’ Weg ist ungewöhnlich, in diesem Jahrgang aber keine Ausnahme. Unter den Nachwuchsfahrerinnen, die 2027 aus Development- und Continental-Teams in die höchste Liga wechseln, finden sich zwei ehemalige Musikerinnen, die Tochter eines Paris-Roubaix-Siegers, eine Teenagerin, die die U23 einfach auslässt, eine Norwegerin, die vor zwei Jahren ihr erstes Straßenrennen fuhr, und eine Slowakin, die den Umweg über Polen genommen hat. Gemeinsam ist ihnen nur eines: Ihre Teams kaufen Potenzial, kein fertiges Produkt.
Bei Anja Grossmann ging es nie um die Frage, ob sie Profi wird, sondern wann und wo. Ihr künftiger Arbeitgeber galt den ganzen Sommer über als eines der großen Gesprächsthemen im Frauenradsport. Viele sahen in ihr das größte Talent auf dem Markt und eine künftige Grand-Tour-Kandidatin. Den Zuschlag bekam FDJ United-Suez. Die 17-jährige Schweizerin überspringt die U23-Kategorie und fährt ab 2027 direkt als Profi.
Die Luzernerin ist dabei kaum auf eine Disziplin festzulegen. Im Cyclocross wurde sie als Juniorin im ersten Jahr Europameisterin, auf dem Mountainbike ist sie amtierende Europa- und Weltmeisterin im Cross-Country. Auf der Straße holte sie drei Wochen vor ihrem 17. Geburtstag WM-Bronze in Kigali, damals noch mitten in einer kaufmännischen Lehre. In Montréal folgte 2026 die zweite Bronzemedaille, hinter Alejandra Neira und Matilde Rossignoli.
Hinter der Medaille von Kigali steckt eine schwere Geschichte. Ein Jahr zuvor war ihre Teamkollegin Muriel Furrer im selben WM-Rennen in Zürich tödlich verunglückt. Grossmann war dort nicht am Start, hatte aber gemeinsam mit Furrer das Nachwuchsprogramm von Swiss Cycling durchlaufen. Schon an der Startlinie zu stehen und im Kopf bereit zu sein, habe sie viel Arbeit gekostet, erzählte sie danach. Sie sei für ihre Freundin gefahren.
Dass Grossmann auch mit Niederlagen hart ins Gericht geht, zeigte die Cross-WM 2025. Als Vierte stand sie unter Tränen beim Interview, hatte sie doch vom Titel geträumt. Bei FDJ trifft sie nun auf ihr Vorbild: Demi Vollering bezeichnet sie als ihr größtes Idol. Neben der Women’s WorldTour soll sie dort auch im Cyclocross weitermachen, mit dem neuen Specialized-TMRW-Team.
Wenn Grossmann für den Wunderkind-Weg steht, ist Fee Knaven das Gegenmodell, obwohl sie mit dem bekanntesten Namen in diesem Jahrgang antritt. Ihr Vater Servais gewann Paris-Roubaix, ihre Mutter wurde viermal niederländische Cyclocross-Meisterin, und auch ihre drei Schwestern sind Rennen gefahren. Sie selbst sitzt seit ihrem sechsten Lebensjahr auf dem Rad.
Trotzdem klingt die 19-Jährige nicht wie jemand, die ihre Rolle schon gefunden hat. Sie sei noch auf der Suche, sagt Knaven, am liebsten fahre sie derzeit Etappenrennen mit einem Zeitfahren und kleineren Anstiegen. Das Zeitfahren will sie gezielt verbessern. Die Ansätze sind da: Beim Auftaktzeitfahren der Vuelta a Extremadura wurde sie gegen WorldTour-Konkurrenz Achte, 44 Sekunden hinter Zoe Bäckstedt. Ab 2027 fährt sie für Human Powered Health. Teamchef Ro De Jonckere betont, man wolle ihr das richtige Umfeld geben, ohne unnötigen Druck aufzubauen.
Zurück zu Emma Siegers. Die Belgierin wuchs in Jupille bei Rendeux in den Ardennen auf. Ihre Eltern waren aus Brüssel dorthin gezogen, Rad gefahren wurde in der Familie schon lange, aber nur zum Vergnügen. Nach einer Ventoux-Auffahrt beschloss sie, sich im Wettkampf zu testen. In der Schule hatte sie Gitarre als Schwerpunkt gewählt. Ihrem Musiklehrer gegenüber blieb sie trotzdem hart: Sie wolle Radprofi werden. Mit 16 trainierte sie sechs Tage pro Woche und hatte nach gut einem halben Jahr bereits über 7000 Kilometer auf dem Tacho.
Den Rest erledigte sie bei AG Insurance-Soudal, ihrem Nachwuchsteam. Den Durchbruch schaffte sie 2026 in Portugal: Auf der zweiten Etappe der Volta a Portugal Feminina gelang ihr solo der erste Profisieg, danach übernahm sie das Gelbe Trikot. Ein Sturz auf Etappe vier kostete sie die Gesamtführung. Am Ende wurde sie Sechste und verpasste die Nachwuchswertung um drei Sekunden. Von diesem Klettertalent dürfte in den kommenden Jahren in der Women’s WorldTour noch so Einiges zu hören sein.
Siegers ist nicht die einzige Musikerin in diesem Jahrgang. Silje Weitze Antvorskov verbrachte vor ihrer Radkarriere viel Zeit mit Musik, unter anderem am Schlagzeug. Vor vier Jahren stieg sie aufs Rad, weil sie herausfinden wollte, wie weit sie es in einem Ausdauersport bringen kann.
Die Antwort fällt deutlicher aus, als sie vermutlich selbst erwartet hat. 2026 wurde die Dänin Zweite der nationalen Straßenmeisterschaft und Dritte im Zeitfahren, beides gegen die Elite, dazu 13. im U23-Zeitfahren der WM. Sie gewann auch den U23-Straßentitel in Dänemark. Bei der Rás na mBan in Irland holte sie im Trikot ihres Klubteams FRIIS eine Etappe und die Gesamtführung. Und sie traut sich etwas: Beim Copenhagen Sprint attackierte sie für das Nationalteam rund 25 Kilometer vor dem Ziel aus dem Feld und hielt sich etwa zehn Kilometer allein vorne.
Ab 2027 fährt sie bei Uno-X Mobility in der Women’s WorldTour. Im Moment sei sie vor allem Zeitfahrerin, sagt Antvorskov, aber sie sei noch ziemlich neu im Radsport und könne sich noch in viele Richtungen entwickeln. Head of Sports Anna Badegruber sieht sie mittelfristig auch bei den Klassikern, im Sprintzug und als Helferin, die Kapitäninnen in Position bringt.
Zum selben Team wechselt eine Fahrerin, deren Aufstieg noch steiler verlief. Oda Aune Gissinger bestritt ihr erstes Straßenrennen 2024. Ein Jahr später gewann sie als Juniorin die Tour de l’Abitibi samt zwei Etappen, siegte beim GP Plouay und holte in Kigali WM-Bronze im Zeitfahren. Die WM-Medaille und den Uno-X-Vertrag nennt sie selbst die beiden größten Überraschungen ihrer jungen Karriere.
Auch 2026 im Continental-Team Hitec Products-Fluid Control ging es so weiter. Sie gewann Etappen in Vietnam und bei der Tour de Feminin, beim WorldTour-Debüt in Burgos fuhr sie fast 110 Kilometer in der Fluchtgruppe und holte das Bergtrikot. Im U23-Zeitfahren der WM in Montréal wurde sie Achte. Fast schon nebenbei gewann sie die erste L’Étape Trondheim, mit mehr als 13 Minuten Vorsprung auf die Zweite.
Festlegen lassen will sich die 19-Jährige noch nicht. Sie wolle als Fahrerin bekannt werden, die etwas riskiert, sagt sie. Zu einer Fluchtgruppe sage sie selten Nein, aber sie wolle auch ihren Sprint und ihre Fähigkeiten am Berg testen. Uno-X gibt ihr dafür viel Zeit: Der Vertrag läuft bis Ende 2030. Gissinger verfolgt das Team nach eigener Aussage schon, seit bevor sie überhaupt mit dem Radsport anfing. Damit holt Uno-X zwei Fahrerinnen, die zusammen nur rund sechs Jahre Rennerfahrung haben, beide mit einem Motor fürs Zeitfahren.
Den klassischsten Weg geht noch Sofia Ungerová, und auch der war kein gerader. Die Slowakin fuhr seit ihrer Juniorinnenzeit intensiv Cyclocross, inklusive Weltcups und Europameisterschaften. Im vergangenen Winter wurde sie slowakische Vizemeisterin. Auf der Straße stand sie lange im Schatten ihrer Landsfrau Viktória Chladoňová. Bei der U23-EM 2026 in Slowenien holte Chladoňová Bronze, Ungerová wurde 14.
Ihren Platz ab 2027 in der Women’s WorldTour erarbeitete sie sich abseits der großen Bühne, im polnischen Continental-Team MAT Atom Deweloper Wrocław. 2026 zahlte sich das aus. Bei der Gracia in Tschechien gewann sie die Schlussetappe und wurde Dritte der Gesamtwertung. Zwei Wochen später schaffte sie denselben Gesamtrang bei der Tour de Feminin. Ausgerechnet dort, in Nordböhmen, fuhren drei der sechs künftigen WorldTour-Neulinge im selben Feld: auch Antvorskov war am Start, Gissinger holte einen Etappensieg. Dass Ungerová auch gegen stärkere Konkurrenz mithält, zeigte sie in Thüringen. Im 1.Pro-Rennen mit WorldTour-Teams wurde sie Achte und beste Nachwuchsfahrerin.
Vertragslaufzeiten bis 2028, 2029, 2030 und Teamchefs, die fast wortgleich von Entwicklungsjahren und Geduld sprechen: Das ist vielleicht die eigentliche Nachricht hinter diesen sechs Transfers. Die Teams der Women’s WorldTour verlassen sich nicht mehr darauf, dass fertige Fahrerinnen aus der U23 kommen. Sie holen sie früher, aus dem Cyclocross, aus kleinen Klubteams und, wie im Fall von Siegers und Antvorskov, aus Musikzimmern.
Man darf davon ausgehen, dass alle sechs in ihrem ersten Profijahr häufiger abgehängt werden als bisher. Es bleibt zu hoffen, dass die jungen Fahrerinnen auch bei den Profis genügend Zeit für ihre Entwicklung bekommen.

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