Erst schlug der 28-Jährige aus Phoenix mehrfach mit der Hand auf seinen Lenker, dann griff er sich mit beiden Armen an den Helm. Dass McNulty in Kanada neuer Weltmeister werden würde, konnte nicht nur er, sondern auch ansonsten kaum jemand so richtig glauben. In einem Rennen, bei dem der Sieger bis zum Schluss nicht vorherzusehen war, behielt am Ende ein absoluter Außenseiter die Nase vorn. Das hatte vor allem viel mit Teamwork zu tun.
McNultys Landsmann Matteo Jorgenson agierte in der Verfolgergruppe immer wieder als Bremsklotz, vor allem, als an der letzten Überquerung der Voie Camillien-Houde, dem größten Anstieg zu Beginn jeder der zwölf Schlussrunden durch die Stadt, der Vorsprung des späteren Siegers von einer Minute auf 14 Sekunden sank. Jörgenson setzte sich vor die Verfolger, die ohnehin immer wieder uneins waren, sodass McNulty letztlich doch genügend Zeit mit ins absolute Finale nahm, um den Sieg nach Hause zu fahren. Im Zeitfahren vor genau einer Woche war McNulty als Vierter noch knapp an einer Medaille vorbeigefahren.
“Ich habe wirklich keine Worte”, sagte McNulty in einem ersten Interview, sichtlich mitgenommen von seinem unerwarteten Erfolg. “Bis 300 Meter vor dem Ziel konnte ich es gar nicht glauben. Ich war so müde, aber ich habe einfach immer weiter gepusht. Wir hatten vor dem Rennen mit einer Frau ein paar Witze darüber gemacht, dass ich Weltmeister werden könnte. Aber es hätte ein Wunder gebraucht. Aber heute ist wohl eins passiert.”
Vor etwa einem Jahr hatte McNulty in Montréal seinen bis dato größten Erfolg gefeiert, als er nach großem Einsatz für Tadej Pogacar vom Slowenen den Sieg beim Grand Prix de Cycliste geschenkt bekam. Auch ohne den nach seinem Vuelta-Sturz fehlenden Pogacar bleibt das Regenbogentrikot so aber in den Reihen von UAE Emirates - XRG.
Eine weitere Geschichte des Tages schrieb Matthews, der in seiner langen Karriere zum vierten Mal im WM-Straßenrennen aufs Podium fuhr. Vor einem Tag feierte der Australier seinen 36 Geburtstag. 2015, vor elf Jahren, holte er sich schon einmal Silber. Dazwischen lagen zwei weitere Bronze-Medaillen. Im Sprint der Verfolger auf der Avenue de Parc hielt er in van der Poel einen der beiden Topfavoriten auf Gold in Schach, verwies den 31-Jährigen auf Rang drei.
Der andere der beiden ganz hoch gehandelten Namen, Remco Evenepoel (Belgien), war ebenfalls bis auf die Zielgerade Teil der Verfolger und wurde am Ende Zwölfter. Der Zeitfahr-Weltmeister fuhr dabei zunächst lange hinterher, kämpfte sich aus der dritten Verfolgergruppe aber wieder nach vorn, attackierte sogar noch, stand am Ende aber doch mit leeren Händen da. Van der Poel dagegen war früh im Rennen in die Offensive gegangen, hatte sich damit aber offenbar ein wenig übernommen und konnte im Ziel nur wenig mit Bronze anfangen.
Die deutschen Profis spielten im gesamten Rennverlauf keine Rolle Mit knapp sieben Minuten Rückstand kam Georg Zimmermann als Bester auf Platz 38 ins Ziel. Darüber hinaus beendete nur noch Florian Lipowitz das Rennen. Für die Österreicher lief es kaum besser. Nur Felix Großschartner erreichte das Ziel, als 54. allerdings weit hinter dem Geschehen. Besser lief es dagegen für die Schweizer. Mauro Schmid schaffte auf der vorletzten der 13,4 Kilometer langen Runden den Sprung zurück in die erste Verfolgergruppe, und war dann kurz vor dem Ziel sogar auf Kurs Silber, wurde allerdings noch gestellt und letztlich Elfer. Stefan Küng landete drei Plätze dahinter.
Einzige mehrfach in den Top 10 vertretene Nation war die USA. Quinn Simmons zog im Sprint mit Matthews und van der Poel den Kürzeren und wurde Vierter, war aber wie der Niederländer lange in der Spitzengruppe, zwischendurch abgehangen und erst im Finale wieder dran. der loyale Bremsklotz Jorgenson, der alle Angriffe auf McNulty konterte, aber keinen Tritt unternahm, um den Abstand zu seinem Landsmann zu verringern, wurde Achter.
Die Youngster Isaac Del Toro (Mexiko) und Paul Seixas (Frankreich) versuchten zwar, der spannendsten Weltmeisterschaft seit Jahren ihren Stempel aufzudrücken, mussten nach mehr als sechs Stunden Fahrzeit aber den Älteren den Vortritt lassen. Während Del Toro noch Fünfter wurde, plagten Seixas auf der letzten Runde Krämpfe. Obwohl er ebenfalls lange zu den Verfolgern zählte, wurde er so am Ende nur 15.
| RG | Fahrer | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | United States | 06:17:04 |
| 2 | Australia | +000:00:13 |
| 3 | Netherlands | +000:00:13 |
| 4 | United States | +000:00:13 |
| 5 | Mexico | +000:00:14 |
| 6 | Denmark | +000:00:14 |
16 Fahrer um Felix Engelhardt (Deutschland) und Andreas Leknessund (Norwegen) sowie Biniam Girmay (Eritrea) bildeten die erste Gruppe des Tages, die mehr als sechs Minuten Vorsprung herausfahren konnte. Nach den ersten 100 Kilometern erreichten die Fahrer den Rundkurs von Montréal. Frankreich sah sich in der Position, die Tempoarbeit zu machen.
Während der Abstand schrumpfte, verkleinerte sich auch die Gruppe, 107 Kilometer vor dem Ziel waren aber auch die letzten vier wieder eingeholt. Danach war es der Däne Anthon Charmig, der das Rennen neu eröffnete. Sieben Runden waren noch zu fahren, als kurz darauf dann das Rennen auch richtig Fahrt aufnahm. Denn auch van der Poel, Wout van Aert (Belgien), Primož Roglič (Slowenien), Simmons und Oscar Onley (Großbritannien) fuhren mit nach vorn. 40 Sekunden Vorsprung sprangen so heraus.
Hinten begann dann Del Toro am Anstieg, die Lücke wieder zuzufahren. Bis auf zehn Sekunden reduzierte er den Abstand, allerdings fand sich ansonsten niemand weiter, der arbeiten wollte, was den Abstand wieder vergrößerte. Rund 15 Fahrer befanden sich in der Verfolgergruppe.
75 Kilometer vor dem Ziel verschärfte van der Poel erneut das Tempo und halbierte die Spitzengruppe. Onley und Simmons gingen mit, 16 Sekunden dahinter etablierte sich das zweite Trio. Während es Roglič wieder nach vorne schaffte, wurden van Aert und Charmig von einer Verfolgergruppe um Del Toro, Jorgenson, McNulty, Ben Healy (Irland), Seixas, Matthews und Tom Pidcock (Großbritannien) eingeholt.
Vier Runden vor dem Ende verschärfte van der Poel das Tempo im Anstieg erneut. Onley stellte er damit ab. Der Brite formierte sich dahinter mit Healy, die größere Verfolgergruppe hatte da bereits eine Minute Rückstand. Eine Runde später schaffte Healy den Sprung nach vorn, Onley wurde durchgereicht. Del Toro und Co. verkürzten derweil wieder auf 30 Sekunden. Remco Evenepoel (Belgien) gehörte nicht dazu.
35 Kilometer vor dem Ziel war dann aber auch die Spitze eingeholt. Seixas, Pidcock, Jorgenson, Del Toro, Giulio Ciccone (Italien) und Santiago Buitrago (Kolumbien) schlossen auf. Auch McNulty kam wieder ran und ging kurz darauf direkt in die Offensive. Der holte sich in Windeseile 33 Sekunden raus. Zwei Runden vor dem Ende war es mehr als eine Minute.
Im Anstieg der vorletzten Runde bekamen auch Del Toro und van der Poel Probleme, als Pidcock das Tempo verschärfte. Seixas, Matthews, Ciccone und Jorgenson bildeten die ersten Verfolger, allerdings kam van der Poel und Del Toro zurück. 16 Kilometer vor dem Ziel kamen sogar Evenepoel, Simmons und Schmid zurück, weil in der Gruppe Uneinigkeit herrschte.
Auf die letzte Runde ging McNulty mit 50 Sekunden Vorsprung. Im Anstieg lösten sich Ciccone und Pidcock. Beide wurden zwar wieder gestellt, doch der Abstand auf den Führenden schrumpfte auf 14 Sekunden. Doch die Verfolger ließen sich von Jorgenson ausbremsen, er baute sieben Kilometer vor dem Ziel wieder auf eine halbe Minute aus.
Fünf Kilometer vor dem Ziel löste sich Schmid nochmal aus der Gruppe, als hinten einmal mehr Stillstand herrschte. Pidcock und Jorgenson schlossen drei Kilometer vor dem Ziel nochmal auf, kurz vor dem Teufelslappen auch der Rest. McNulty aber fuhr zu Gold. Dahinter wurde dann gesprintet - Matthews sprintete zu Silber vor van der Poel.
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.