Wenn die besten Zeitfahrer der Welt in Montreal um das Regenbogentrikot kämpfen, wartet ein Kurs, der Spannung bis zum Schluss verspricht. Die Strecke scheint auf den ersten Blick den klassischen Rouleuren entgegenzukommen: breite Straßen, schnelle Abschnitte und zahlreiche Kilometer, auf denen pure Leistung und Aerodynamik im Vordergrund stehen. Doch die Weltmeisterschaft wird nicht allein über die Wattwerte entschieden.
Immer wieder müssen die Fahrer technische Passagen meistern und ihren Rhythmus neu finden, ehe auf den letzten drei Kilometern die entscheidende Kletterpartie wartet. Dort könnte sich das Rennen noch einmal komplett drehen. Fahrer wie Remco Evenepoel, Filippo Ganna oder Stefan Küng dürften sich auf diesem Profil besonders wohlfühlen, doch der Schlussanstieg eröffnet auch den etwas vielseitigeren Zeitfahrern die Chance, in den Kampf um die Medaillen einzugreifen. Montreal bietet damit beste Voraussetzungen für ein WM-Zeitfahren, das bis zum Schluss offen bleiben dürfte.
Die Organisatoren haben für das Einzelzeitfahren in Montreal einen Kurs entworfen, der den klassischen Spezialisten entgegenkommt, ohne dabei nur die größten Kraftpakete zu bevorzugen. Über weite Teile führt die Strecke über breite, schnelle Straßen, auf denen eine stabile Aeroposition und ein gleichmäßiger Rhythmus entscheidend sein werden. Lange Geradeauspassagen laden zu hohen Geschwindigkeiten ein und belohnen Fahrer, die ihre Kräfte über die gesamte Distanz optimal einteilen können.
Gleichzeitig verlangt der Kurs deutlich mehr als nur hohe Wattwerte. Mehrere technische Abschnitte unterbrechen den Rhythmus immer wieder und stellen auch das fahrerische Können auf die Probe. Wer im Kampf um die Medaillen eine Rolle spielen möchte, muss nicht nur über eine außergewöhnliche Motorleistung verfügen, sondern auch in der Lage sein, die wechselnden Anforderungen der Strecke fehlerfrei zu meistern.
Die Entscheidung dürfte ohnehin erst im Finale fallen. Auf den letzten drei Kilometern steigt die Straße kontinuierlich an, wobei insbesondere der Schlusskilometer noch einmal spürbar steiler wird. Die Zwischenzeiten bei Kilometer 10,7, 21,9 und 29,8 liefern zwar wichtige Hinweise auf den Rennverlauf, am Schlussanstieg können jedoch selbst größere Rückstände noch aufgeholt oder Vorsprünge verspielt werden.
Insgesamt umfasst das WM-Zeitfahren 39,2 Kilometer und 220 Höhenmeter. Der Start erfolgt um 12:45 Uhr auf der Avenue du Parc, das Ziel befindet sich im Parc Jeanne-Mance. Wie bereits bei der Weltmeisterschaft 2022 in Australien absolvieren Frauen und Männer in diesem Jahr dieselbe Strecke.
Das Einzelzeitfahren der Männer verspricht in Montreal einen offenen Kampf um die Medaillen. Mit dem anspruchsvollen Schlussanstieg ist die Strecke zwar wie gemacht für die klassischen Spezialisten gegen die Uhr, gleichzeitig eröffnet sie aber auch Fahrern mit Qualitäten im hügeligen Terrain zusätzliche Chancen. An der Spitze der Favoritenliste stehen drei Namen: Remco Evenepoel, Filippo Ganna und Stefan Küng. Der Belgier gilt aufgrund seiner Vielseitigkeit und seiner herausragenden WM- und Olympia-Erfolge als erster Anwärter auf Gold. Ganna bleibt auf jedem Zeitfahrkurs ein Siegkandidat, während Küng mit seiner beeindruckenden Konstanz seit Jahren zur absoluten Weltspitze zählt.
Direkt dahinter folgt eine Gruppe von Fahrern, die an einem perfekten Tag ebenfalls in den Kampf um die Medaillen eingreifen kann. Brandon McNulty bringt die nötige Mischung aus Zeitfahrstärke und Klettervermögen für das Finale mit, während sich Daan Hoole in den vergangenen Jahren zu einem der stärksten Spezialisten im Peloton entwickelt hat. Besonders gespannt darf man auf Paul Seixas sein. Der junge Franzose besitzt nicht nur enormes Zeitfahrpotenzial, sondern dürfte auch vom ansteigenden Finale profitieren. Isaac del Toro gilt zwar nicht als klassischer Zeitfahrspezialist, doch seine außergewöhnliche Saisonform macht auch ihn zu einem Kandidaten für ein Spitzenergebnis. Zum erweiterten Kreis der Medaillenanwärter gehören zudem Ethan Hayter, der auf höchstem Niveau bereits zahlreiche starke Zeitfahren abgeliefert hat, sowie der ehemalige französische Meister Bruno Armirail, dessen Erfahrung auf einem technisch anspruchsvollen Kurs von großem Wert sein könnte.
Ebenfalls gefährlich werden könnten die jungen Spezialisten Jakob Söderqvist und Callum Thornley. Beide zählen zu den größten Zeitfahr-Talenten ihrer Generation und haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Während Söderqvist als klassischer Aerodynamik-Spezialist gilt, verfügt Thornley über ein vielseitigeres Profil. Auch Stefan Bissegger darf nicht unterschätzt werden. Der Schweizer gehört an guten Tagen zu den schnellsten Fahrern der Welt und hat seine Klasse in Einzelzeitfahren mehrfach bewiesen. Ähnliches gilt für Mikkel Bjerg, der sich seit Jahren auf höchstem Niveau mit den besten Spezialisten misst und von 2017 bis 2019 den Weltmeisterschaftstitel im Zeitfahren gewinnen konnte.
Auf den nächsten Plätzen der Favoritenliste finden sich mehrere Fahrer wieder, die zwar nicht zwingend zu den ersten Anwärtern auf das Podium zählen, deren Potenzial für ein Spitzenresultat aber unbestritten ist. Mathias Vacek zählt zu den vielseitigsten Fahrern seines Jahrgangs und verfügt über den Motor, um selbst die etablierten Spezialisten unter Druck zu setzen. Weltmeister von 2022, Tobias Foss, hat bereits bewiesen, dass er bei Titelkämpfen über sich hinauswachsen kann. Alec Segaert wiederum gilt als einer der erfolgreichsten Zeitfahrer seiner U23-Generation und nähert sich auch bei den Eliten immer stärker der Weltspitze an. Für den Portugiesen Ivo Oliveira spricht seine langjährige Erfahrung im Kampf gegen die Uhr. Iván Romeo hat sich in kurzer Zeit als eines der vielversprechendsten Talente Spaniens etabliert und bringt ein Profil mit, das gut zum Kurs passt.
Entscheidend dürfte letztlich sein, wer auf den ersten 36 Kilometern die richtige Balance zwischen Risikobereitschaft und Krafteinteilung findet, um am Schlussanstieg noch einmal Reserven mobilisieren zu können. Genau dort dürfte sich entscheiden, wer in Montreal das Regenbogentrikot gewinnt.

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