Lukas Niebuhr
· 24.09.2026
Ein Stich in die Lippe sorgte bei Tom Pidcock für eine unfreiwillige Trainingsunterbrechung mit dickem Ende. Auch TOUR-Kollege Leon Weidner machte beim Sport zuletzt schmerzhafte Bekanntschaft mit einer Wespe. Gerade im Spätsommer und Frühherbst sind die schwarz-gelben Insekten wieder auffällig präsent. Für Radfahrer kann eine Begegnung bei hohem Tempo besonders unangenehm werden.
Eigentlich hatte Tom Pidcock im Training andere Gegner im Sinn. Doch ausgerechnet kurz vor der Straßen-WM in Montréal bekam es der Brite mit einem äußerst kleinen Kontrahenten zu tun. Nach einem Trainingsunfall veröffentlichte Pidcock ein Bild seiner deutlich angeschwollenen Lippe und kommentierte die Begegnung humorvoll mit den Worten „I had a fight“. Medien berichten, dass offenbar eine Biene oder Wespe zugestochen hatte. Seine WM-Pläne werden von dem Vorfall nicht durchkreuzt.
Auch im TOUR-Umfeld ist das Thema gerade angekommen: Kollege Leon Weidner wurde kürzlich beim Laufen von einer Wespe gestochen. Zwei Vorfälle, die gut zur Jahreszeit passen. Denn gerade gegen Ende des Sommers begegnen Menschen den Tieren besonders häufig.
Dass Wespen im September plötzlich „aggressiver“ werden, lässt sich so pauschal allerdings nicht sagen. Tatsächlich verändert sich zum Ende der Saison ihr Verhalten bei der Nahrungssuche. Wenn die Zahl der Larven im Wespennest zurückgeht, fällt für die Arbeiterinnen eine wichtige Zuckerquelle weg. In der Folge suchen sie verstärkt außerhalb des Nestes nach energiereicher Nahrung. Süße Getränke, Obst und andere zuckerhaltige Lebensmittel werden entsprechend interessant. Dadurch überschneiden sich die Wege von Wespen und Menschen häufiger.
Das erklärt auch, warum die Insekten zu dieser Jahreszeit oftmals penetranter erscheinen. Ein Stich ist normalerweise keine grundlose Attacke, sondern eine Abwehrreaktion, etwa wenn sich das Tier bedroht oder eingequetscht fühlt. Hektisches Schlagen oder Fuchteln ist deshalb keine gute Idee.
Auf dem Rennrad ist „Ruhe bewahren“ allerdings leichter gesagt als getan. Während man beim Kaffeestopp einer Wespe ausweichen kann, lässt sich eine Kollision bei 30, 40 oder 50 km/h kaum verhindern. Gerät ein Insekt durch den geöffneten Mund, unter den Helm, hinter die Brille oder in das Trikot, geschieht das innerhalb eines Augenblicks. Der natürliche Reflex, plötzlich nach dem Tier zu schlagen, kann auf dem Rad zudem zum eigentlichen Problem werden. Der entscheidende Sicherheitstipp lautet deshalb: Trotz Schreckreaktion versuchen, das Fahrrad zunächst kontrolliert abzubremsen und erst im Stand nach dem Insekt zu suchen.
Pidcocks dicke Lippe liefert dabei ein spektakuläres Bild. Medizinisch besonders ernst wird eine solche Begegnung allerdings dann, wenn ein Insekt im Mund- oder Rachenraum zusticht. Dort können Schleimhäute oder Zunge schnell anschwellen und dadurch die Atemwege einengen. Das Deutsche Rote Kreuz empfiehlt bei einem Stich im Mund oder Rachen deshalb, sofort den Rettungsdienst über 112 zu alarmieren sowie von innen und außen zu kühlen, beispielsweise durch Eis, sofern Schlucken möglich ist, und kalte Umschläge am Hals.
Bei einem gewöhnlichen Stich sind Schmerzen, Rötung, Juckreiz und eine lokale Schwellung typische Reaktionen. Kühlen kann Schmerzen und Schwellung lindern. Gefährlich kann es vor allem bei einer Insektengiftallergie werden. Atemnot, starke Hautreaktionen, Schwindel oder Kreislaufprobleme können Zeichen einer schweren allergischen Reaktion sein und erfordern ebenfalls sofortige medizinische Hilfe.
Ganz vermeiden lassen sich Begegnungen mit Wespen unterwegs nicht. Ein paar einfache Verhaltensweisen können das Risiko aber reduzieren:
Dass Wespen dabei nur lästige Störenfriede seien, wäre jedoch unfair. Die Tiere erfüllen wichtige ökologische Funktionen und erbeuten unter anderem andere Insekten. Ihre verstärkte Präsenz am Ende des Sommers gehört zum natürlichen Jahreszyklus.
Für Rennradfahrer bedeutet das vor allem: In diesen Wochen lieber einmal mehr hinschauen. Denn gegen Schlaglöcher, Regen oder einen Hungerast kann man sich vorbereiten. Fliegt bei Tempo 40 eine Wespe ins Trikot, hilft dagegen vor allem eines: Ruhe bewahren, sicher anhalten und hoffen, dass die Begegnung weniger eindrucksvoll endet als bei Tom Pidcock.

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