Sandra Schuberth
· 20.06.2026
Am Freitag, 19. Juni 2026, erreichte die in Großbritannien lebende Ultraradfahrerin Dr. Sarah Ruggins das Nordkap in Norwegen – den nördlichsten Punkt des europäischen Festlands. Gestartet war sie in Tarifa, Spanien, dem südlichsten. Dazwischen: über 6000 Kilometer, rund 30.000 Höhenmeter, Temperaturen von +35°C in Andalusien über strömenden Regen bis zu Kälte knapp unter dem Gefrierpunkt in der Arktis. Täglich saß sie bis zu 22 Stunden im Sattel.
Den bisherigen Rekord hatte der britische Psychologieprofessor Dr. Ian Walker 2019 in 16 Tagen, 20 Stunden und 59 Minuten aufgestellt. Ruggins unterbot ihn um mehr als drei Tage.
Die Fahrt selbst war kein reibungsloser Durchmarsch: In Deutschland musste ihre Crew kurzfristig neue Routen scouten, weil Baustellen den geplanten Weg blockierten. Dazu kamen mehrere Tage mit strömendem Regen. Um Sarah Ruggins durch die langen Nächte zu bringen, griffen ihre Supporter zu ungewöhnlichen Mitteln – sie lasen ihr Nachrichten von Dotwatchern vor und streuten Fakten über die Strecke ein.
Das Zeitmanagement war auf die Minute durchgetaktet: Etwa alle vier Stunden legte Ruggins eine Pause von zehn Minuten ein – genug Zeit, um so viele Kalorien wie möglich zu tanken, den Körper bei Hitze runterzukühlen, eine kurze Physio-Session mitzunehmen und frische Klamotten anzuziehen. Beim Schlaf gehen die Angaben auseinander: Laut einem Instagram-Post waren je 24 Stunden nur 90 Minuten vorgesehen, eine offizielle Pressemitteilung spricht von etwa drei Stunden täglich.
Die Geschichte hinter der Leistung ist mindestens so bemerkenswert wie die Zahlen selbst. Als Teenager war Ruggins als Bahnläuferin auf dem Weg in den olympischen Kader. Mit 15 stoppte eine schwere neurologische Erkrankung alles: Sie konnte weder laufen noch ihre Hände benutzen, wurde ins Ausland verlegt und rund um die Uhr betreut. Ihr behandelnder Neurologe, Dr. Ashish Shetty vom National Hospital for Neurology, brachte es so auf den Punkt: “Die meisten Menschen mit dieser Krankheit landen im Rollstuhl – oder Schlimmeres.”
Sie kämpfte sich zurück. Machte ihren Schulabschluss, promovierte in Finanzwissenschaften. Und versuchte es erneut mit Laufsport. Doch ein geplanter Lauf scheiterte an den Spätfolgen der Krankheit. In Kurzform: Mehrere Knochenbrüche hinderten sie am Laufen. “Mein Körper war einfach nicht stark genug, um wieder zu laufen”, schreibt sie dazu.
Mit ihrem neuen Rekord hält sie jetzt zwei absolute Weltrekorde im Ultracycling. Rekorde, die zuvor von Männern aufgestellt worden waren. Eine winzige Gruppe von Frauen weltweit kann das von sich behaupten.
Schon im Mai 2025 hatte Ruggins auf der legendären John o' Groats–Land's End–John o' Groats-Route in Großbritannien einen Männerrekord gebrochen: 2.700 Kilometer in 5 Tagen, 11 Stunden und 14 Minuten.
Wer verstehen will, was „One Way North" bedeutet, sollte sich die Eckdaten mal auf der Zunge zergehen lassen
| Strecke | 6.000+ km |
| Höhenmeter | ca. 30.000 m |
| Zeit im Sattel | bis zu 22 Std./Tag |
| Schlaf | ca. 3 Std./Tag |
| Kalorienbedarf | ca. 11.000 kcal/Tag |
| Temperaturspanne | +35°C bis unter 0°C |
Während der Fahrt stellte Ruggins zusätzlich einen neuen Frauenweltrekord für die größte in sieben Tagen zurückgelegte Distanz auf: 3.364 km – mehr als die bisherige Bestmarke der Österreicherin Alexandra Meixner aus dem Jahr 2021.
Am Ziel sagte Ruggins:
Dieser Rekord beweist für mich, dass Frauen auf Spitzenniveau mit Männern mithalten können. Ich hoffe, dass dies ein starkes Signal an alle Frauen ist, die es ebenfalls versuchen möchten.
Die Fahrt stand unter dem Namen “One Way North” und hatte auch einen karitativen Zweck: Ruggins sammelte Spenden für World Bicycle Relief, eine Wohltätigkeitsorganisation, die haltbare Fahrräder in Regionen bringt, wo Mobilität über Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Arbeit entscheidet.
Sarah Ruggins ist nicht die Einzige: Auch Lael Wilcox ist gerade auf dem Rad unterwegs – sie versucht, den Männer-Weltrekord für eine Weltumrundung zu unterbieten, und wird in Kürze durch Deutschland fahren. Glaubst du, dass wir in den nächsten Jahren noch mehr solcher Rekorde von Frauen sehen werden?

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