Sebastian Lindner
· 09.07.2024
Selten gab es bei einer Tour de France der jüngeren Vergangenheit so wenig Ausreißergruppen wie in diesem Jahr. Vor allem auf Flachetappen hat die 111. Tour unterwegs noch nicht besonders viel zu bieten. Auf der 3. Etappe nach Turin ließ sich das noch auf die Länge schieben. Immerhin stand mit 230 Kilometern der längste Abschnitt der Rundfahrt auf dem Programm. Zwei Tage später beim Rekordsieg von Mark Cavendish fehlten dann die Argumente, wenngleich hier und da der Wind als vorgeschobener Grund herhalten musste. Genauso wie nun auf dem Weg von Orleans nach Saint-Amand-Montrond.
Ausreißergruppen sind in der Regel durch die kleineren Teams initiiert, weshalb TOUR beim norwegischen Pro Team Uno-X Mobility nachgefragt hat, wo der Hase im Pfeffer liegt. Sportdirektor Gabriel Rasch überlegt eine Weile, gibt sich selbst überrascht, bevor er antwortet. “Es gibt auf jeden Fall weniger Teams und Fahrer, die an einer frühen Gruppe interessiert sind, um die TV-Minuten einzusammeln”, sagt er. “Normalerweise gibt es ja immer ein paar Franzosen, die da dabei sind.” Doch ein wenig ratlos wirkt der Norweger auch. “Vielleicht würde es etwas ändern, wenn es in den Finals den einen oder anderen Hügel mehr geben würde, der einen Massensprint etwas unwahrscheinlicher machen würden.” Zudem hätten fast alle Teams einen Sprinter dabei. “Es ist nicht einfach, wenn diese Teams dann alle gut zusammenarbeiten.”
Sein eigenes Team hat dabei aber vorgemacht, wie es gehen kann. “Wir haben es ja mit Jonas Abrahamsen probiert.” Und zwar durchaus erfolgreich. Gleich zum Auftakt war der Norweger Teil der Ausreißergruppe und fuhr damit ins Bergtrikot. Am Tag darauf versuchte er sich direkt nochmal, wurde Tageszweiter und übernahm zusätzlich sogar noch die Führung in der Punktewertung. Das Bergtrikot ist ihm bis heute geblieben. Das Weiße Trikot mit den Roten Punkten von Beginn an so lange zu verteidigen, gelang bisher nur einem Fahrer bei der Tour. Der Belgier Ludo Peeters schaffte das bisher als Einziger – genau 40 Jahre ist das her.
Die Statistikspezialisten von NTT Data , die diesen Umstand ausgruben, ermittelten auch, dass Abrahamsen bisher 30 Prozent seiner Rennzeit bei der Tour de France 2024 in Ausreißergruppen verbrachte, dabei an 15 von 31 kategorisierten Anstiegen als Erster über den Wertungsstrich fuhr und dabei 33 von 81 möglichen Punkten einsammelte.
Ein paar dieser Kilometer in der Spitze hätte sich Abrahamsen aber auch schenken können. Die Spaßattacke etwa auf der 5. Etappe mit seinem Teamkollegen Johannes Kulset, die zum Ende kam, weil das Duo zur Pinkelpause anhielt, sorgte mitunter auch für Kritik. “Wir waren auch im Auto dahinter nicht glücklich”, gesteht Rasch, legt aber ein schnelles Aber nach: Er ist sehr eifrig. Das geht in beide Richtungen. “Wir sind sehr glücklich, ihn im Team zu haben. Es bringt viel Motivation und Kraft für die anderen, jemanden im Team zu haben, der jeden Tag in die Gruppe gehen will. Seine Energie ist unbezahlbar.” Dann lacht er bei der Erinnerung an die Situation: “Wir haben versucht, die Sache mit einer gewissen Portion Spaß zu nehmen.”
Davon abgesehen hätte sich aber auch Rasch mehr Action unterwegs gewünscht. Und mehr Unterstützung aus anderen Teams. “Allein ist es hoffnungslos. Es braucht schon eine große Gruppe”. Auf der 11. Etappe durchs Zentralmassiv will sein Team aber den nächsten Versuch starten. “Da wird es wohl eine Gruppe geben, die in Teilen wahrscheinlich auch bis ins Ziel kommt”, wagt er die Prognose. Für Abrahamsen dürfte der Tag zu schwer werden, glaubt auch er. “Aber wir haben ja noch Tobias (Halland Johannessen) und Johannes (Kulset), die es morgen probieren werden. Und auch die Etappen 12 und 13 könnten welche für die Ausreißer sein. Die sind schwerer, als es auf dem Papier aussieht.”
Auch fürs Team Uno-X. Denn trotz der zahlreichen Wertungstrikots, die die Norweger bisher einsammeln konnten, ist das große Ziel dieser Rundfahrt der erste Etappensieg der Teamgeschichte bei der Tour de France. “Ich denke, wir hatten einen großartigen Auftakt in diese Rundfahrt mit den Trikots. Wir hatten vor dem Start darüber geredet, dass es über eine Gruppe am ersten Tag möglich wäre, das Bergtrikot lange zu halten. Aber wir wollen unbedingt eine Etappe.”
Denn das Bergtrikot ist vergänglich, zumindest für Uno-X. “Es ist unrealistisch, dass wir es bis Paris bringen können. In den Pyrenäen und den Alpen gibt es für Pog (Tadej Pogacar) so viele Punkte zu holen”, weiß Rasch. Viel lieber blickt der Ex-Profi auch im Hochgebirge auf die Chancen seines Teams als Ausreißer. Johannessen war im Vorjahr gleich dreimal nah dran, eine Flucht in den Bergen siegreich zu gestalten. Die Plätze drei, fünf und sechs wurden es letztlich.